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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 29 
Jahrg.27 
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wieder scharf beobachtete, ein Buch herauszog und sie 
offenbar hinter der vorgehaltenen linken Hand 
zeichnete. Sie stand empört auf, verließ das Lokal 
und wurde auf der Straße im nächsten Augenblick von 
dem Herrn angesprochen. Sie wies ihn ab, aber er 
redete so unbekümmert weiter zu ihr, daß sie schließ 
lich, um kein Aufsehen zu erregen, zuhören mußte. Es 
stellte sich heraus, daß dieser Herr ein bekannter 
Porträtmaler war und anscheinend keine anderen Ab 
sichten hatte, als ihr pikantes Gesicht zu malen. 
Rita hatte zwar beschlossen, vom nächsten Tage ab 
dem Fünf-Uhr-Tee fern zu bleiben, aber schließlich 
war sie vierundzwanzig Stunden später doch wieder da. 
Der Maler, der weder dick noch sentimental war und, 
von allen Frauen verwöhnt, Widerstände nicht gelten 
ließ, hatte sie bald so weit, daß sie sich bereit erklärte, 
ihm in seinem Atelier zu einem Porträt zu sitzen. Er 
war sehr nett und behutsam zu ihr, wurde nie dreist, 
trieb seine Minen vorsichtig vor, und an einem 
regnerischen Nachmittag, als im Atelier die verhängte 
Lampe über der Chaiselongue besonders mollig leuchtete, 
wissen Sie, in so einem verführerischen Helldunkel — 
also, es hat gar keinen Zweck, um den Tatbestand 
herum zu gehen: Rita wurde sehr glücklich. Es ver 
steht sich von selbst, daß die Porträtsitzungen immer 
wiederholt werden mußten, und in Rita erwachte so 
viel leidenschaftliches Interesse für die — Kunst, daß 
sie sogar ganze Vormittage dem Atelierbesuch opferte. 
Von den Nachmittagen ganz zu schweigen. 
Wenn nur der Zeppelin nicht gewesen wäre! 
Sie wissen doch, was das für eine Aufregung in 
Berlin gab; alles stand auf den Straßen und sah gen 
Himmel. Die Zeitungen waren voll davon, und die 
Menschen nicht minder. Um zehn Uhr vormittags 
ging Theobald, von der allgemeinen Aufregung mit an 
gesteckt, auf die Straße. Um die Zeit nicht unnütz zu 
verbringen, beschloß er, einen Geschäftsfreund am 
Bayrischen Platz aufzusuchen, und nahm vom Spittel 
markt aus ein Auto dort hin. In der Bülowstraße ge 
schah das große Ereignis. Alles reckte die Hälse und 
schrie und winkte. Theobald ließ sein Auto halten 
und sah nach oben. Als sein! Blick an einem Balkon des 
Hauses, vor dem sein Auto hielt, haften blieb, traute 
er seinen Augen nicht. Wer stand da oben, in einem 
entzückenden Neglige, bei dessen Anblick selbst ein 
Säulenheiliger den Koller kriegen konnte? Rita stand 
da oben. 
Die nächsten Ereignisse waren für Theobald in 
einen Nebel getaucht. Wie aus der Kanone geschossen, 
raste er aus dem Auto, sprang auf die Haustür zu und 
klingelte. Kein Portier, die Haustür blieb geschlossen. 
Alles stand auf dem Dache und sah nach dem Zeppe 
lin. Theobald brüllte und schlug mit den Fäusten 
gegen die Tür und machte einen furchtbaren Krach. 
Rita beugte sich über die Balkonbrüstung im dritten 
Stock, sah herunter und war sofort im Bilde. Sie 
sprang ins Atelier zurück und war so schnell angezogen 
wie noch nie in ihrem Leben. 
Infolge des fürchterlichen Kraches, den Theobald 
machte, kam endlich der Portier und schloß auf. Ehe 
er fragen konte, wohin der Herr wolle, war der Auf 
geregte an ihm vorbei und die Treppen hinauf. In 
seinem Kopfe kreiste nur der eine Gedanke: Dritter 
Stock, links. Als er in der Höhe des zweiten Stock 
werks war, hörte er hinter der eisernen Tür, die zum 
Fahrstuhl führte, ein leises Summen. Es kam ihm 
nicht zum Bewußtsein, daß da ein Fahrstuhl herunter 
glitt. Eine halbe Minute später verließ eine elegante 
junge Frau das Haus und lief in der Richtung nach 
dem Bahnhof Bülowstraße. 
Gleich darauf klingelte Theobald im dritten Stock 
links. Ein Herr, der nichts an hatte als einen Pyjama 
und eine Hornbrille, öffnete. 
„Ich bin Theobald Muffke!” schrie der Gehörnte, 
„eben stand meine Frau auf Ihrem Balkon. Wo ist 
meine Frau, Sie Wüstling, Sie Verführer?” 
Der Herr im Pyjama blieb kalt wie ein Eisschrank 
und lächelte unmerklich. 
„Ich habe leider nicht den Vorzug, Ihre Frau Ge 
mahlin zu kennen. Sie scheinen sehr erregt zu sein, 
mein Herr. Aber um Sie zu beruhigen, will ich Ihnen 
gern gestatten, meine Wohnung zu besichtigen.” 
Beschämt, aber immer noch nicht überzeugt, durch 
schnüffelte Theobald sämtliche Räume. Schließlich 
entschuldigte er sich, nannte seinen Namen und seine 
Adresse, und ging mit hängenden Ohren wieder fort. 
Als er in seinem Büro wieder eintraf, wurde ihm be 
richtet, daß seine Frau angerufen habe, sie sei bei 
ihrer Schneiderin und wolle ihn vom Geschäft abholen. 
Theobald erkundigte sich, wann der Anruf erfolgt sei. 
Um Ml, war die Antwort. Er überlegte. Ml, da 
war er ja gerade in der fremden Wohnung gewesen. 
Rita konnte doch nicht zugleich an zwei Stellen sein. 
Was war er für ein Schurke! Ihr solche Dinge zu 
zutrauen,. wo sie harmlos im Atelier ihrer Schneiderin 
ein neues Kostüm anprobierte! 
Als Rita ihn abends abholte, war er ganz zerknirscnt. 
Rita sah ihn mißtrauisch an, aber er schien wirklich 
gänzlich unorientiert. Am nächsten Vormittag machte 
er einen Entschuldigungsbesuch bei dem Herrn, in 
dessen Wohnung er eingedrungen war, und bat ihn, 
sein Gast zu sein. Der Herr kam auch, und Theobald 
hatte die stille Genugtuung, daß seine Frau und der 
Gast einander nicht ganz unsympathisch zu finden 
schienen. 
Es wurde im Laufe der Zeit ein ganz netter Verkehr, 
und der Herr, der sich als Porträtmaler entpuppte, er 
bot sich sogar, die gnädige Frau zu malen. 
„Unser Freund,” sagte Theobald, „hat ein seht 
hübsches Atelier.” 
„Woher weißt du denn das?” fragte Rita. 
Theobald zog es vor, zu schweigen. Er nieste dreimal 
heftig. 
„Ich will mich ja gern malen lassen,” fuhr Rita fort, 
„du wirst doch aber nicht eifersüchtig werden, wenn 
ich zu einem Herrn in die Wohnung gehe?” 
Theobald küßte ihr zerknirscht die Hand. 
Zu seinem nächsten Geburtstag schenkte ihm Rita 
die Miniaturnachbildung eines Zeppelinluftschiffes. 
„Zum Andenken, sagte sie und küßte ihn mit 
maliziösem Lächeln. 
Theobald weiß heute noch nicht, was das mit diesem 
Andenken in Wirklichkeit für eine Bewandtnis hat.
        
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