Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 29 
6 
r /heobald Muffke war ein lieber netter Kerl mit 
zwei Zentnern Lebendgewicht netto, ohne Em 
ballage. Er war sehr poetisch veranlagt und sein 
tiefster Kummer war, daß er von seinem Vater 
eine prosaische Stäefelfabrik geerbt hatte. Der ein 
zige Trost in all seinem Elend war der Reingewinn, 
den das Unternehmen abwarf, und der um etliche zehn 
tausend Rentenmark den Betrag überstieg, den ein 
verwöhnter, aber einigermaßen vernünftiger Mensch 
zu einem guten Leben braucht. 
Theobald war früher sehr schlank gewesen. Aber 
unter dem segensreichen Einfluß bescheidener Mahl 
zeiten, bei denen Portwein und Hummer keine be 
sonders nebensächliche Rolle spielten, begann sein 
Äquator zu wachsen, daß sogar sein Schneider ihm 
ernstliche Vorhaltungen machte. Er war über’n Bauch 
12 Zentimeter stärker, als über die Brust. 
Also beschloß Theobald zu heiraten. Er hielt Um 
schau unter den Töchtern des Landes, worunter man 
die Töchter seiner Geschäftsfreunde zu verstehen hat. 
Theobald war sehr für’s Solide und fürchtete sich da 
vor, etwa in einem Badeort die Bekanntschaft eines 
jungen Mädchens zu machen, bei dem er Gefahr lief, 
daß der Vater nur ein mäßiges oder gar kein Bankkonto 
hatte. 
Das Schicksal und ein befreundeter Rechtsanwalt 
brachten ihn mit einer jungen Dame zusammen, die 
auf den Namen Rita hörte, wenn es ihr gerade paßte. 
Theobald war begeistert von ihr. Wie alle großen 
blonden Männer schwärmte er für kleinere Frauen mit 
dunklen Haaren. Rita hatte eine gute Figur, braune 
Haare, die sie im Nacken in Form eines kleinen 
Knotens trug, und ein rundes hübsches Gesicht, das 
in gewissen Zügen an einen von ihr heftig verehrten 
Filmstar erinnerte. Besonders pikant standen ihr ihre 
schwarzen, großen reifenförmigen Ohrringe. Sie war 
lustig und temperamentvoll, und gleich von Beginn 
ihrer Bekanntschaft an hatte sie den etwas schwer 
fälligen. Theobald, der zudem manchmal eine lange 
Leitung hatte, so weit, daß sie ihn um den Finger 
wickeln konnte. 
Alles übrige wickelte sich programmäßig ab, Ver 
lobung, Hochzeitsvorbereitung und sonstige Schand 
taten. 
Da kam das große Malheur. 
Als gewissenhafter Chronist will ich mich bemühen, 
die Sache möglichst dezent zu umschreiben. 
Theobald war am Nachmittag bei seiner Braut ge 
wesen. Es war acht Tage vor der Hochzeit, und so 
weit sein Phlegma es zuließ, war er schon ziemlich in 
Hitze geraten. Rita, deren Temperament auch leicht 
zu sieden anfing, war ganz besonders zärtlich zu ihm 
gewesen, hatte aber alle ernsteren Attacken ab 
gewiesen. Theo war ein wenig unerfahren und nahm 
die Abwehr ernst, zog sich schließlich etwas gekränkt, 
aber innerlich heftig erregt, zurück. 
Auf der Straße traf er einen Jugendfreund. Der 
schlug ihn vor, einen kleinen Bummel zu machen, und 
Theobald, der sich in sehr zwiespältiger Stimmung be 
fand, war nur allzu gern bereit, mitzutun. Nach einer 
vielseitigen Kneiptour landete man in einem Cafe, 
dessen weibliche Kundschaft nicht dem Maßstab ent 
sprach, den man in Konsistorialratskreisen an Damen 
zu legen gewöhnt ist. Als Theobald am nächsten 
Morgen aufwachte, sah er sich in einem mit etwas 
kitschigem Luxus eingerichteten Schlafzimmer; neben 
ihm lag eine junge Dame, die ihm merkwürdig fremd 
vorkam, ihm aber nach dem Erwachen durch Bekannt 
gabe gewisser Einzelheiten bewies, daß sie sich offen 
bar beide ziemlich gut kennen gelernt hatten. Theo 
bald erleichterte seine Brieftasche um einen angemesse 
nen Betrag und fuhr mit Kopfweh und Gewissens 
bissen nach Hause. 
Drei Tage später ergab sich für ihn die Notwendig 
keit, einen Herrn aufzusuchen, der als Spezialarzt einen 
großen Ruf hatte. Theobald wurde von ihm darüber 
belehrt, als er erklärte, auf keinen Fall die Hochzeit 
aufschieben zu dürfen, daß die Eheschließung sich un 
bedingt nur auf den zivilrechtlichen und kirchlichen 
Teil zu beschränken habe. So schwer es ihm ankam, 
mußte er plötzlich darauf bestehen, getrennte Schlaf 
zimmer einzurichten. Rita, deren Temperament ihr 
angenehme Bilder von den bevorstehenden Flitter 
wochen vorgezaubert hatte, war zugleich starr und tief 
unglücklich, fühlte sich mit Recht schwer beleidigt 
und faßte sofort, da sie keineswegs dumm war, einen 
schwarzen Verdacht. 
Alles übrige entwickelte sich, wie es gar nicht anders 
zu erwarten war. Nach mehreren Wochen, als Theo 
bald von dem Freund mit der Spezialpraxis mit einem 
beruhigenden Bescheid fortgegangen war, versuchte er 
das Prinzip der getrennten Schlafzimmer zu durch 
brechen, erlitt aber eine vernichtende Niederlage. 
Ritas Verdacht, der sich inzwischen zur Gewißheit 
verdichtet hatte, äußerte sich in einer Weise, die 
jeden Versuch der Annäherung seinerseits unbedingt 
bereits im Keime ersticken mußte. 
Theobald war kreuzunglücklich. Um sich zu be 
täuben, arbeitete er wie ein Pferd und verdiente so viel 
Geld, daß er gar nicht wußte, wo er damit hin sollte. 
Es war ihm nur ein schwacher Trost, daß Rita es wußte. 
Sie gab wahnsinnig viel Geld für Toiletten aus und 
war so entzückend, daß Theobald vor Sehnsucht an 
fing, sich zu seiner alten Liebe, der Portweinflasche, 
zu flüchten. Die Folge dieser Lebensweise war, daß 
er immer dicker wurde, und schließlich bekam er eine 
Figur, die Rita den Augenblick segnen ließ, da ihr 
Bräutigam auf den Gedanken der getrennten Schlaf 
zimmer gekommen war. 
Rita besuchte regelmäßig den Fünf-Uhr-Tee in einem 
bekanten fashionablen Etablissement. Eines Tages be 
merkte sie, daß ein Herr am Nebentisch sie immer
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.