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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 29 
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der da neben ihr herging. Eine äußerst spannungs 
volle Situation. Sie fühlte, wie eine mit Neugierde ge 
paarte Aufregung sie ergriff. 
# 
Von keinen beobachtenden Augen gestört, saßen sie 
in einem kleinen, geschlossenen Raum. Das matte 
Licht einer Seitenbeleuchtung fiel auf den Tisch und 
ließ den Wein in den bernsteinfarbenen Gläsern auf- 
leuchten. 
Um sich Mut zu machen, denn wieder kämpfte sie 
mit Scheu und Angstgefühl — hatte Hella hastig ein 
paar Glas Wein getrunken. 
Der Kellner hatte die Speisen auf den Tisch gesetzt 
und sich diskret zurückgezogen. Hella würgte ein paar 
Bissen hinunter. Dann schob sie den Teller zurück. 
Die Heimlichkeit, die sie umgab, senkte sich wie ein 
Alp auf sie. Und plötzlich überfiel sie eine schreck 
liche Vorstellung. Wenn ihr Mann hier erschiene? 
Lächerlich! Was für ein Angsthase sie war. Wie 
sollte ihr Mann es sich einfallen lassen, hierher 
zukommen? Der saß in seinem Bureau über seinen 
Akten und arbeitete heute Abend seine Verteidigungs 
rede für einen großen Sensationsprozeß aus. Das 
wußte sie ja. 
„Lächerlich“, sagte sie laut und lächelte. 
„Was ist lächerlich?“ fragte Wolf von Anspach. 
„Ach, ich dachte nur an was.“ 
„Darf ich es nicht wissen?“ 
„Nein. Sie dürfen nichts wissen. Gar nichts. Sie 
dürfen mich auch nicht kennen, wenn Sie mir jemals 
im Kreise meiner Bekannten begegnen sollten.“ 
„Das ist schon selbstverständlich. Ängstige dich 
nicht, mein süßes Herz. Ich bin verschwiegen.“ Er 
rückte an sie heran, legte seinen Arm um ihre Hüfte 
und zog sie an sich. „Weißt du, daß du ein entzücken 
der kleiner Käfer bist?“ 
Er duzte sie! Wagte es, sie zu berühren und so zu ihr 
zu sprechen! Sie wollte auf fahren. Aber, wieder be 
sann sie sich. Das gehört ja alles zu dem, was sie er 
leben wollte. Sie mußte ihren Stolz und ihre Empörung 
niederkämpfen. 
Sie duldete seine Küsse, aber als er kühner werden 
wollte, sprang sie vor Entsetzen geschüttelt empor und 
stieß ihn vornüber. „Lassen Sie mich — was fällt Ihnen 
ein —“ Mit Anstrengung preßte sie die Worte hervor. 
„Es sieht uns doch niemand. Wir sind hier wirk 
lich ganz ungeniert.“ 
„Ich verbiete Ihnen, mich zu berühren.“ 
„Mach dich doch nicht lächerlich, Kind. Wozu haben 
wir uns denn zusammengefunden?“ 
„Wozu — wozu —?“ stotterte sie. 
Er ergriff ihr Handgelenk. „Beantworte mir meine 
Frage. Warum bist du mit mir gegangen?“ 
Mit großen Augen starrte sie auf den Fremden. Ja, 
warum war sie mit ihm gegangen? Doch nur um — 
Ein Grauen durchrüttelte sie. Nein. Sie konnte es 
nicht ertragen, wie eine Dirne behandelt zu werden. 
Und — wenn er es wagen würde — mit ihren Händen 
würde sie ihn erwürgen. 
„Beantworte meine Frage!“ herrschte er noch einmal. 
„Ich antworte Ihnen überhaupt nicht.“ 
„Ich gebe dich nicht eher frei, bis du mir geantwortet 
hast.“ Fest hielt er ihr Handgelenk umspannt. 
Sein Griff lähmte jeden Widerstand. Sie wollte auf- 
schreien. Aber die Angst vor seiner Roheit schloß 
ihr den Mund. 
„Versprechen Sie, mich loszulassen, wenn ich Ihnen 
antworte?“ 
„Nein. Das verspreche ich dir nicht. Ich — ich will 
auf meine Kosten kommen. — Verstehst du? — Du 
bist mir freiwillig gefolgt —.“ 
„Ich konnte nicht wissen, daß Sie so brutal sind.“ 
„Dein kindisches Benehmen ist schuld daran.“ 
„Sie müssen doch sehen, daß Sie eine Dame vor sich 
haben!“ 
„In einer Dame, die meiner Einladung zum Souper 
folgt, sehe ich nur ein Weib, daß ich begehren darf, 
meine Gnädige. Können Sie leugnen, daß Sie ein 
Abenteuer suchten?“ 
„Nein“, stieß sie trotzig hervor. „Aber — Sie — Sie 
haben mich abgestoßen —“ 
„Weil ich in Ihnen nicht die Dame sah, die Sie nicht 
verleugnen können. Sie haben wohl den Mut zur 
Sünde, aber Ihnen fehlt das Dirnentum, das in jeder 
Frau stecken muß, die auf Abenteuer ausgeht.“ 
Er gab ihre Hand frei. Trat zurück und blickte sie 
spöttisch lächelnd an. 
„Sie haben mich getäuscht, gnädige Frau, aber — 
ich verzeihe Ihnen. Gehen Sie nach Hause zu Ihrem 
Gatten und seien Sie froh, daß Sie an mich geraten 
sind — ein anderer hätte vielleicht auf den Nachtisch 
nicht verzichtet.“ 
Als Hella die Straße betrat, drohte ein Schwindel 
sie zu überfallen. Sie mußte sich gegen die Haus 
mauer lehnen, um nicht umzusinken. 
Dieser entsetzliche Mensch war ja vollkommen in 
seinem Recht. Er hate in ihr das gesehen, was sie 
hatte sein wollen — aber nie — nie werden konnte! 
Es war ihr erstes und sollte auch ihr letztes Abenteuer 
sein. Denn niemals würde sie sich herabwürdigen zu 
einer Frau, der man die Achtung versagte. 
Sie atmete tief, löste sich von der Mauer und ging 
mit einem Gefühl der Dankbarkeit gegen die achtungs 
volle Liebe ihres Gatten nach Hause. 
* 
Per aspera ad aslra 
Aus dem Ifalieniscimen 
E s war zur Renaissancezeit schon Brauch, daß 
junge Mädchen nicht erst die Ehe abwarteten, um 
dem geliebten Mann allerlei Gunstbezeugung zu 
gestatten. 
Ein junges Mädchen aus Florenz fürchtete sich vor 
den Folgen der Liebe, indem es dachte, der Bräutigam 
möchte es nachher plötzlich verlassen. Aus diesem 
Grunde bat es herzlich um Schonung ihrer Reinheit. 
Der Bräutigam war merkwürdig berührt und in 
seinem Ärger und seiner Verletztheit ging er schnur 
stracks zur Freundin seiner Braut, ihr seinen Kummer 
zu klagen. 
Die Freundin erklärte die Braut für wahnwitzig und 
bald bewies sie Lorenzo, daß sie großzügiger war als 
jene. 
Sie aber hielt nicht reinen Mund und klatschte weiter, 
bis die Braut alles erfahren hatte. Diese war empört 
darüber und vergaß sich in den Armen eines verliebten 
Spielmannes; nicht aus Liebe, nein, aus gekränktem 
Stolz- , 
Als Braut und Bräutigam sich nun wiedersahen, 
hatten sie sich beide nichts vorzuwerfen . . . und rasch 
heiratete Lorenzo Anastasia. 
Lorenzo fragte sein Weib am Tage der Hochzeit: 
„Weshalb erst diese Irrfahrt in die Hölle und ins Land 
der Sünde?“ 
Sie schaute den Mann verstohlen und ein wenig 
schuldbewußt an: 
„Liebster, der Ehehimmel, in dem sich ein Teufel 
verirrte und wieder vertrieben ward, ist nun ewig 
azurn und voll Sonne.“ 
Und wirklich: ihre Ehe wurde vorbildlich, und kam 
zum einen oder anderen ein Teufel einmal in die Nähe, 
so hatte man stets im richtigen Augenblick Kraft, Mut 
und Schneid genug, ihn gemeinsam aus den sonnigen 
Revieren ihres gemütlichen Daseins hinauszujagen.
        
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