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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg, 2? 
Nr. 29 
2 
JOLANTHE MAR.ES 
ella setzte den Hut auf die stark 
nach hinten gekämmten blauschwarzen 
Haare, zupfte die Wuschellöckchen vor 
die Ohren und sah prüfend in den 
Spiegel. 
Ein wenig forscher und verwegener 
konnte sie schon aussehen, wenn sie 
auf Abwege gehen wollte. 
Sie nahm den Kohlenstift zur Hand: 
Untermalte die Augen, verstärkte das Rot ihrer Lippen 
und fuhr mit der Puderquaste über ihr Gesicht. Dann 
zog sie den kleinen, mit einem hochragenden Reiher 
busch versehenen Hut tief über die mandelförmig ge 
schnittenen Augen und wandte sich mit einem Lächeln 
der Befriedigung von ihrem Spiegelbild. 
Langsam ging sie die Treppe hinunter. Auf der 
Straße blieb sie unschlüssig stehen. Wohin sollte sie 
sich wenden? Sollte sie sich auf der Straße ansprechen 
lassen oder in ein Cafe gehen, um dort eine Bekannt 
schaft zu machen? 
Sie hätte sich natürlich aus ihrem Bekanntenkreis 
einen Liebhaber wählen können. Da war der blonde 
Itting, der schon lange um ihre Gunst bettelte. Dann 
der Rechtsanwalt Seiden, ein Kollege ihres Mannes. Oft 
schon war ihr Blut in seiner sie bedrängenden Gegen 
wart stürmisch aufgewallt. Aber — das wollte sie ihrem 
Manne nicht antun. Ihn mit einem Freunde oder Be 
kannten betrügen. Das verbot ihr Reinlichkeitsgefühl. 
Nefn. Nur ein Wildfremder konnte es sein. Einer, 
dem sie voraussichtlich niemals in ihrem Kreise be 
gegnen konnte. Niemand durfte ahnen, daß sie, die 
ehrbare Frau, für die sie gehalten wurde, nicht war. 
Ihr Ruf, ihre Stellung in der Gesellschaft mußten 
fleckenlos bleiben. Der Fremde, mit dem sie gewillt 
war, sich einzulassen, sollte ihren Namen nicht er 
fahren. Welch ein Reiz lag nicht schon allein darin, 
einmal so ganz aus seiner Haut herauszuschlüpfen. 
Sie liebte ihren Mann und sie empfand ein inneres 
Widerstreben, ihn zu betrügen. Aber — er langweilte 
sie. Seine Gefühle blieben ihr immer gleich. Liebe 
mit Achtung gemischt. Niemals wild auf lodernde 
Leidenschaft. Es war alles so lauwarm, was er ihr gab. 
Sie fühlte sich ernüchtert von seiner ihr immer gleich 
bleibenden Zärtlichkeit. 
Sie war jung und ihr heißes Blut sehnte sich nach 
sündiger Leidenschaft. 
Mit kleinen Schritten, denn die Enge des Rockes 
gestattete kein Schreiten, trippelte sie den Kurfürsten 
damm entlang. Es war in der Dämmerstunde. Eine 
Flut von Menschen bevölkerte die zum Flanieren aus 
ersehene Straße. Manches Männerauge glitt über sie 
hin, versuchte wohl auch einen Blick der unter der 
samtenen Hutkrempe verborgenen Augen zu erhaschen, 
aber, es war nur ein flüchtiges Sichbegegnen und wieder 
Voneinanderlassen. Kein Annäherungsversuch trat ihr 
entgegen. 
Ärgerlich verzog sie die Lippen. Natürlich — wenn 
man darauf ausging —!! Wie oft hatte sie sich sonst 
mit einem strafenden Blick oder mit einem vernichten 
den Achselzucken abwenden müssen, wenn jemand es 
wagte, sie anzusprechen. Und heute, wo sie bereit 
war, sich in ein Abenteuer zu stürzen, heute blieben 
die Versuche ihr fern. 
Unschlüssig blieb Hella stehen. Sollte sie in die 
Tauentzienstraße einbiegen oder sollte sie den Weg 
wieder zurückwandeln? 
Sie entschied sich für ein Zurück. Machte eine 
schnelle Wendung und prellte mit einem Herrn zu 
sammen, der ihr rasches Umdrehen nicht erwartet hatte. 
„Verzeihung, gnädige Frau, aber es war nicht meine 
Schuld.“ 
„Die meine“, sagte sie. Warf den Kopf nach hinten, 
sah ihn aus blitzenden Augen an und ging weiter. 
„Ich bin dem Zufall dankbar, der mir Ihre Bekannt 
schaft vermittelt.“ Er blieb an ihrer Seite. 
„Ich weiß nichts von Bekanntschaft.“ 
„Wolf von Anspach.“ Er verneigte sich leicht. 
„Gnädige Frau, gestatten Sie, daß ich an Ihrer Seite 
bleibe?“ 
Ihre Augen hasteten über ihn hin. Elegante Figur. 
Schick gekleidet. Dunkelhaarig. Rassige Züge. Feuer 
blick. Wie zum Romanhelden geschaffen. 
Hella zog die Achseln in die Höhe nud erwiderte 
schnippisch: „Wenn Sie sich ein Vergnügen davon ver 
sprechen, dann könen Sie ja neben mir herlaufen.“ 
„Sie sprechen wie ein Backfisch und sind schon eine 
verheiratete Frau.“ 
„Woher wollen Sie das wissen?“ 
„Nun — stimmt es nicht?“ 
„Nein, es stimmt nicht.“ 
„Hm — ich irre mich selten. Aber — ein Backfisch 
sind Sie doch wohl nicht?“ 
„Nein, der bin ich allerdings nicht.“ 
„Sie wissen, daß mir nichts daran liegt, nur so neben 
Ihnen herzulaufen.“ 
„Ja — das weiß ich“ stieß sie hervor. 
„Na also! Und nun habe ich den Mut, Ihnen einen 
Vorschlag zu machen. Schenken Sie mir den heutigen 
Abend.“ 
„Den heutigen Abend? Wie meinen Sie das?“ 
„Lassen Sie uns, zusammen soupieren. Da Sie ja 
nicht verheiratet sind, sind Sie wohl Herrin Ihrer Zeit. 
Oder erwartet sie ein Liebhaber?“ 
Hellas Fuß stockte. Stehenbleibend, warf sie wieder 
den Kopf in den Nacken und blitzte ihn an: „Was 
erlauben Sie sich?“ Plötzlich aber besann sie sich. 
Sie war ja jetzt nicht Hella Straubitz. Sie war eine 
Frau, die sich der Sünde in die Arme werfen wollte. 
Sie durfte nicht die Beleidigte spielen. „Ich bin frei“, 
sagte sie — „lassen Sie uns also zusammen soupieren, 
aber — ich möchte nicht gesehen werden.“ 
„Das kann ich mir denken, kleine Frau.“ Er neigte 
sich so tief zu ihr, daß sein Atem sie berührte. „Nur 
ein paar Schritte von hier ist eine verschwiegene kleine 
Weinstube, dorthin werde ich Sie führen.“ 
Hella fühlte, wie ein Zittern ihren Körper durch 
lief. War es nicht leichtsinnig, einem Menschen, den 
sie nicht kannte, von dem sie absolut nichts wußte, zu 
folgen? 
Wieder glitten ihre Augen über den neben ihr Her 
schreitenden hin. Sein Anblick schien ihr Ängstlich 
keitsgefühl zu beruhigen. Ihre kleine zierliche Figur 
straffte sich und wie im Trotz gegen sich selbst ging 
sie vorwärts. 
Sie kannte den Verlauf vieler derartiger Abenteuer 
von ihren Freundinnen. Niemals war da etwas Un 
angenehmes oder Gefährliches passiert. 
Schließlich setzte sie sich ja doch nur mit einem 
Herrn an einen Tisch, um zu essen, zu trinken und zu 
plaudern. Vieleicht war es ein interessanter Mensch,
        
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