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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Jahrg. 27 
27 
Schachmeister täglich im Mercedespalast Telefon: Zentrum 4239 
sein würde. Auch er konnte dem Altwerden nicht ent 
gehen. Dann würden die Gagen immer niedriger, die 
Liebe der Frauen immer matter. Und dann kam der 
Tag, an dem er überhaupt nicht mehr begehrt werden 
würde. Weder von dem Filmregisseur, noch von den 
Frauen. Dann war der schöne Rolf in der Versenkung 
verschwunden. 
Langsam richtete Rolf den Oberkörper in die Höhe, 
setzte die Füße auf den Teppich nieder. Was dann? 
Was dann? 
Er krampfte die Hände zu Fäusten. Biß die Zähne auf 
einander, daß sie knirschten. Dann sprang er auf. Wie 
lächerlich, daran zu denken! Wie lange Zeit mußte 
noch vergehen, bis er dort angelangt war. Noch war er 
oben auf der Höhe. Noch verspürte er nicht das ge 
ringste Zeichen, daß sein Abstieg begann, Alexandras 
Leidenschaft bürgte ihm dafür, daß es noch lange so 
bleiben würde. 
Alexandra?! Warum saß er hier und fing Grillen, an 
statt mit ihr zusammen zu sein? Denn auch sie saß noch 
in Berlin. Seinetwegen. Sie wollten zusammen ins Ge 
birge. 
Er ging zum Nachtschränkchen. Als er den Hörer 
des Telephons in die Höhe hob, öffnete sich die Tür und 
sie, mit der er sich eben in Verbindung setzen wollte, 
trat über die Schwelle. 
„Alexandra!“ schrie er ihr entgegen, legte den Hörer 
zurück, „ich hätte Selbstmord begangen, wenn du mich 
noch lange allein gelassen hättest.“ 
„Ich komme sogar früher, als wir verabredet hatten“, 
gab sie zurück und warf sich in den Sessel, der vor 
dem Toilettentisch stand. 
„Ich weiß von unserer Verabredung nichts, ich weiß 
nur, daß du immer da sein mußt, wenn ich dich 
brauche.“ 
„Ah — du brauchst mich — das ist ein neues Lied, 
das du da singst. Aber — ich kam gerade, um dir zu 
sagen, daß ich dich verlassen muß.“ 
„Was — was soll das heißen?“ Er stotterte und sah 
sie erschrocken an. ... 
„Das soll heißen, daß ich in dieser Luft hier nicht 
mehr atmen kann. Den ganzen Tag liege ich hinter 
geschlossenen Türen und verhängten Fenstern, wie in 
einem Gefängnisse. Trete ich abends auf die Straße, 
überfällt mich die Gluthitze eines Backofens. Ich habe 
mich entschlossen, morgen zu reisen. Du magst nach- 
kommen, wenn du hier frei bist!“ 
„Alexandra, ich weiß ja, welch ein Opfer du mir 
bringst, aber, ich bitte dich, halte noch drei läge aus. 
„Nein, nein, ich kann nicht mehr.“ 
„Du mußt, Alex“, er zerrte sie in die Hohe und 
preßte sie an sich. „Ich kann nicht allein sein ipn 
fange Grillen — die Hitze mag schuld daran sein. 
Wenn du mich allein läßt, dann hänge ich mich aut. 
Er legte den Kopf in ihren Schoß und bettelte wie ein 
kleines Kind. „Ich habe mir etwas dabei gedacht. Alex 
— wenn du gehst — dann ist alles zu Ende -— dann 
komme ich nicht mehr zu dir — dann suche ich mir 
eine andere Frau.“ — , „ . , 
Da riß sie seinen Kopf empor, nahm ihn zwischen 
ihre Hände und zischte ihm entgegen: „Du willst mich 
verlassen — du liebst eine andere? Du weißt, daß ich 
das nicht dulden werde. Hat man an dich geschrieben. 
Welche Frau ist es, die nach dir verlangt? 
Rolf richtete sich auf. Um den bittenden Mund legte 
sich wieder ein Siegerlächeln. Während seine Augen 
sie anstrahlten, sagte er; Alle anderen Frauen sollen 
warten, bis sie schwarz werden, wenn du jetzt mir zu 
liebe hoch drei Tage in diesem Backofen aushältst. 
„Liebling!“ sie umhalste ihn, „bisher hast du ineine 
Liebe nur geduldet, aber — nun — liebst du mich denn 
wirklich so leidenschaftlich, wie ich dich liebe?“ 
. . . er zerrte sie in die Höhe und preßte sie an sich. 
„Ja, Alex, die heutige Nacht soll dir beweisen, daß 
ich noch lieben kann. Ach, seit du bei mir bist, fühle 
ich mich jung. So unendlich jung!“ Er reckte die Arme 
in die Höhe und sreckte sich „Komm jetzt hinaus in die 
Abendkühle. Wir fahren mit dem Auto in den Grune- 
wald und essen dort zu Abend. Ach, Alex, noch bin 
ich jung und ich will es bleiben. Noch lange, lange 
Zeit. 'Fortsetzung folgt. 
Im Kurt Ehrlich Verlag, Berlin SW. 61, ist das bekannte 
Werk „Königsmark“ von Pierre Benoit in deutscher 
Übersetzung von Victor Auburtin erschienen. 
Ein Werk von Benoit, dem meistgelesensten Roman 
schriftsteller des gegenwärtigen Frankreich, wird immer 
Aufmerksamkeit erwecken. Dieses neue Buch hat ge 
rade für uns Deutsche ein besonderes Anrecht auf Inter 
esse, weil es in Deutschland spielt, in dem Deutsch 
land unmittelbar vor dem Kriege. Eine phantastische 
dunkle Begebenheit spielt sich an einem kleinen deut 
schen Fürstenhof ab und —- das ist der Kunstgriff des 
glänzend geschriebenen Werkes — bleibt dunkel und 
unaufgelöst bis zum Schluß. Erstaunlich ist, wie 
Benoit sich in deutschen Zuständen beschlagen zeigt, 
erstaunlicher vielleicht noch, wie gerecht und unpar 
teiisch er deutsche Gesinnungsart zu b urteilen weiß. 
Der heutigen Ausgabe unserer Zeitung liegt eine An 
kündigung der Firma Dr. med. Rob. Hahn& Co., G.m.b. H. 
Magdeburg, über ihr in vielen tausenden von Fällen be 
währtes Nerven-Nährmittel „Nervisan“ bei, auf welche 
wir unsere Leser hiermit ganz besonders hinweisen. Ein 
Versuch mit diesem Mittel dürfte sich auf jeden Fall 
empfehlen.
        
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