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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr 28 
Jafirg. 27 
Schicken Sie mir die Jungfrau, doch einmal her. Und 
bringen Sie mir eisgekühlten Mosel mit Mineralwasser. 
Ich verdurste.“ 
Rolf warf sich der Länge nach nieder, verschränkte 
die Hände unter dem Kopf. 
„Herr Franz hat mich gebeten, Ihnen den Wein zu 
bringen.“ Hulda setzte das Tablett auf ein Tischchen, 
das zu Füßen des Diwans stand. 
„Schenken Sie ein.“ Er streckte die Hand aus, um 
das Glas zu nehmen. „Und bleiben Sie ein paar Minuten 
hier, ich habe mit Ihnen zu sprechen.“ 
Hulda trat, nachdem sie Rolf das Glas gereicht hatte, 
zurück. Ihre Augen huschten scheu über den Liegenden 
hinweg. 
„Herr Bernheim hat Gefallen an Ihnen gefunden. Er 
ist schwer reich. Warum tun Sie nicht das, was alle 
anderen Frauen an Ihrer Stelle tun würden?“ 
„Ich weiß nicht, was alle anderen tun, aber ich — ich 
verkaufe mich nicht.“ Huldas Gesicht war jäh errötet. 
Ihre Augen hefteten sich jetzt voll auf Rolf. Starr sah 
sie ihn an. 
„Unsinn“, sagte er und machte eine wegwerfende 
Handbewegung, „eines schönen Tages werden Sie es 
doch tun.“ 
„Nein, nie!“ Es klang sehr fest, wie sie das sagte 
und sich dabei in die Höhe reckte. 
„Nun, so werden Sie sich das erste Mal aus Liebe 
veschenken, aber — dann werden Sie für Geld zu haben 
sein. Ich kenne doch die Karriere der Weiber.“ Er 
hatte getrunken und reichte ihr das leere Glas zurück. 
„Kommen Sie einmal näher heran zu mir. Sie brauchen 
sich nicht zu fürchten, ich möchte Ihnen nur in die 
Augen sehen,“ Er griff nach Ihrer Hand, zog sie heran 
und hielt sie fest. „Sie haben eine stille Liebe, nicht 
wahr? Und darum sind Sie gefeit gegen Versuchungen. 
Ist es nicht so?“ Durchdringend ruhten seine Augen 
auf ihr, Röte und Blässe wechselten auf ihrem Gesicht. 
Sie versuchte das Handgelenk zu befreien. „Ich liebe 
niemand“, stieß sie hervor. 
„Sie haben also kein Verhältnis und lieben niemand? 
Nun— mir kann das nur recht sein. Dann werden Sie 
mir ja den Dienst nicht so bald aufkündigen.“ Er gab 
ihre Hand frei. „Ich bin zufrieden mit Ihnen und ich 
habe mich an Sie gewöhnt. Es hätte mir leid getan, wenn 
Sie fort wollten. Daß Fräulein Alexandra hier die Herrin 
spielt, scheint Ihnen nicht mehr unangenehm zu sein. 
Sie haben sich in die Sitten, die hier herrschen, einge 
lebt. Und damit Sie sehen, daß ich Ihre Dienste aner 
kenne —“ er wies auf den Toilettentisch — „reichen 
Sie mir mal das kleine Kästchen das dort steht.“ 
Hulda, die schweigend, jetzt mit herabhängenden 
Armen vor ihm gestanden hatte, nahm das kleine vier 
eckige Kästchen, auf das seine Rechte gedeutet hatte, 
von der Platte und hielt es ihm entgegen. 
„öffnen Sie es und nehmen Sie das Ding heraus.“ 
Hulda hielt ein dünnes, goldenes Kettchen in der 
Hand, das ein Armband vorstellte und dessen Schließe 
von einem Smaragden gebildet war. 
„Legen Sie es um Ihr Handgelenk und behalten Sie 
es.“ 
Ganz erschrocken blickte Hulda auf Rolf. „Ich soll 
das behalten? Oh nein! So etwas paßt nicht für mich. 
Das ist viel zu kostbar.“ Sie ließ das Kettchen wieder 
in das Kästchen gleiten. 
„Hulda, ich bitte Sie, behalten Sie das Ding und — 
wenn Sie mir eine Freude machen wollen, tragen Sie es 
manchmal.“ Bittend sah er sie an. So weich hatte er 
gesprochen, wie sie noch nie ihn hatte sprechen hören. 
Ihre Finger zitterten, als sie den Deckel schloß. 
„Wenn Sie es wünschen, Herr Roderich“, — dann, mit 
25
        
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