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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr. 28 
„Was soll das heißen? Meinst du damit, daß es im 
bösen geschehen könnte? Du bist nun einmal ver 
heiratet und hast deine Pflichten zu erfüllen. Zur Liebe 
kann ich dich nicht zwingen, aber Rücksichtnahme und 
Pflichterfüllung verlange ich von dir. Von einem Aus 
einandergehen kann gar keine Rede sein, weder im 
guten noch im bösen, das laß dir gesagt sein. Und für 
eine moderne Ehe, wo Mann und Frau, jeder seine 
eigenen Wege geht, bin ich nicht zu haben, das weißt 
du. Ich bin dein Mann und verlange von dir, was mir 
Z/ UiVWlillJ.lL. 
Sie hatte aufgelacht und die Fäuste geballt. „Das ist 
es ja, was mich von dir stößt, — diese Anmaßung — 
dieses Trumpfen auf dein Recht.“ 
„Ich begreife dich nicht, Elisabeth. Habe ich denn 
nicht ein Recht auf dich? Du — ich werde es niemals 
dulden, daß man mir dieses Recht schmälert. Ich habe 
dich sehr geliebt, Elisabeth — ob das heute noch der 
Fall ist, weiß ich nicht — aber — ich will, daß du rein 
bleibst, — du bist die Mutter meiner Kinder und darum 
bist du mir heilig.“ 
Dann hatte Herbert von Teilmann mit dem roten 
Nelkenstrauß das Zimmer verlassen. 
Zwischen Elisabeths Augenbrauen hatte sich eine 
scharfe Falte gebildet. Finster und böse sah sie aus. 
Wie die Kette klirrte, an die sie sich selbst ge 
schmiedet hatte! War sie wirklich unzerreißbar? 
Er hatte ein Recht auf sie. Aber — hatte sie nicht ein 
Recht an sich selbst? Wenn sie dieses Zusammenleben 
als Fessel empfand? Wenn ihr diese ganze Wohlan 
ständigkeit doch in den Tod zuwider war! Was wollte 
er denn tun, wenn sie ging und nicht wiederkam? Wenn 
er sie suchen würde und Ninon de Barry fand statt 
Elisabeth von Teilmann? Würde er eine Hetäre in sein 
Haus zurückholen? 
Warum blieb sie nicht unter dem leichtlebigen Volk? 
Warum kehrte sie immer wieder in den Kreis zurück, 
in dem sie geboren? Das Blut, das in ihren Adern rollte, 
gehörte nicht dorthin. Ihre Mutter mußte sie mit 
einem Liebhaber gezeugt haben. Einem Liebhaber aus 
der Hefe des Volkes. 
„Möchten Frau Baronin mir nicht sagen, welchen 
Koffer ich packen soll? Den großen oder den kleinen? 
Und soll der Schrankkoffer auch mit?“ 
Elisabeth war zusammengefahren, als sie die Stimme 
des Mädchens hörte. In ihrer Versunkenheit hatte sie 
das öffnen der Tür überhört. 
„Natürlich den Schrankkoffer und den kleinen. Das 
genügt für vier Wochen.“ 
Wieder lehnte sich Elisabeth seufzend in die Kissen 
zurück. Morgen würde sie reisen. Auf Anordnung des 
Arztes vier Wochen an die See. Das wäre gut und ange 
nehm gewesen, wenn sie allein hätte fahren können. 
Aber, Herbert wünschte, daß die Kinder mitgingen. Das 
Vorschützen ihrer schwachen Nerven hatte nichts ge 
nützt. Machtlos war sie gegen seinen Willen angerannt. 
So fuhr sie denn im Troß. Mit den Kindern, der Er 
zieherin und der Jungfer. 
Es war Mitte Juli. Heiß und schwül in Berlin. Die 
meisten Bekannten waren fort. Auch Bender war an 
der See. Wo, wußte sie nicht. Er hatte kein Sterbens 
wort von sich hören lassen. .Nur ihren Koffer hatte er 
durch einen Dienstmann geschickt. Sonst keine Zeile, 
kein telephonischer Anruf. Daß er verreist, hatte sie 
durch Roderich erfahren, mit dem sie vom Bett aus ein 
Paar Mal telephoniert hatte. Roderich schimpfte und 
fluchte, daß er noch in Berlin sitzen mußte. Er steckte 
noch mitten in den Proben zu einem großen Film. Elisa 
beth hatte sich darüber gefreut, Roderich war der Faden, 
der sie mit der anderen Welt verband. Sie wollte und 
konnte nicht mehr davon los. Trotz der wüsten Szene 
mit Bender. Dachte sie jetzt zurück an diesen Auftritt, 
so empfand sie ein Gefühl, mehr dem des Wohlbe 
hagens ähnlich als dem des Widerwillens. Sie ärgerte 
sich, daß Bender schwieg. Hätte sie gewußt, wo er sich 
aufhielt, sie hätte ihm geschrieben. 
Wie sie sich langweilte! Seit vier Wochen war sie 
von der Außenwelt abgeschlossen. Ihre einzige Ver 
bindung mit ihr war das Telephon. Morgen endlich 
wird sie wieder andere Menschen sehen, wird wieder 
den Odem des pulsierenden Lebens verspüren. Das wird 
ihr helfen, die Mattigkeit, die noch immer über ihr liegt, 
zu überwinden. 
« 
Es war ein drückend heißer Tag gewesen. Rolf war 
von der Probe nach Hause gekommen, hatte Rock und 
Weste abgeworfen und stand in Hemdsärmeln in seinem 
Schlafzimmer. Er schrie und fluchte, daß die Türen 
zitterten. „Verdammte Schweinebande — wenn sie 
mich nicht bald loslassen, dann gehe ich ohne ihre Er 
laubnis auf und davon. Unerhört, einen in dieser Brut 
hitze in Berlin festzuhalten. 
„Aber — der Herr Roderich ist doch nun mal für 
diesen Film engagiert“, wagte Franz einzuwerfen — 
„und schließlich bringt es doch viel Geld ein.“ 
„Viel Geld“, höhnte Rolf, „was das schon ist! Das 
Leben wird alle Tage teuerer und die Weiber immer 
anspruchsvoller.“ 
„Ja, das Fräulein Alexandra ist eine sehr elegante 
Dame.“ 
„Eleganter als die Baronin?“ 
„Oh, nein. Die Baronin, das ist doch eine richtige 
Dame, aber das Fräulein Alexandra, die ist doch auch 
man eine, die von unten angefangen hat. Das Elegante 
an ihr machen nur die Kleider.“ 
Lachend warf sich Rolf auf den Diwan nieder. „Was 
Sie für ein Menschenkenner sind, Franz.“ 
„Gott, unsereiner hat viel Gelegenheit, zu beob 
achten.“ 
„Sie scheinen mir die Augen sehr offen zu halten. 
Übrigens — da Sie ja so manches wissen, wie steht es 
denn mit unserer Hulda? Noch immer unschuldsvoller 
Engel?“ 
„Herr Roderich, mit der ist nichts zu wollen. Das 
Mädel hat Charakter. Ich habe mir die größte Mühe ge 
geben, sie gefügig zu machen, aber —nichts zu machen. 
,Ich verkaufe mich nicht', gibt sie mir immer zur Ant 
wort.“ 
„Für wen soll sie denn gefügig gemacht werden?“ 
„Für den alten Herrn Bernheim. Der ist ganz scharf 
auf das Mädel. Goldene Berge hat er ihr versprochen, 
aber, sie will nichts von ihm wissen.“ 
„Der Kuppelpelz ist Ihnen also entgangen. Kann ich 
ihr übrigens nicht verdenken, daß sie den Bernheim 
nicht mag.' Das heißt, es ist doch sonderbar, daß Geld 
sie nicht lockt. Alle Weiber sind doch dafür emp 
fänglich.“ 
„Die nicht. Die ganz und gar nicht. Sie will auch kein 
Trinkgeld nehmen. Das ist ihr peinlich.“ 
„Na„ dann wollen wir doch mal sehen, ob es ihr 
peinlich ist, wenn ich ihr ein goldenes Armband schenke. 
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