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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Jafsrg, 37 
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den Fingern ein Papier. Sie nahm es empor und starrte 
verständnislos darauf nieder. Ein Zettel mit ein paar 
Bleistiftzeilen. Noch drang die Erkenntnis, eine Mit 
teilung in Händen zu halten, nicht in ihr Hirn. Matt 
sank ihre Hand wieder auf die Decke zurück, und sie 
Nackend empfangt man mich! 
schloß die Augen. Hinter geschlossenen Lidern aber 
fing das Bewußtsein an, sich zu klären. Das Bild dieses 
wüsten Morgens trat wieder vor sie hin. Mit Mühe 
richtete sie sich empor und ließ ihre Augen suchend 
umhergehen. Bender— wo war er? Wälzte er sich noch 
am Boden? Aber, wie war sie in das Bett gekommen? 
Nachsinnen bereitete ihrem Kopf Schmerzen. Da 
knisterte der Zettel in ihrer Hand. Sie hob ihn empor 
und begann zu lesen. 
„Um nicht noch mehr Untaten zu begehen, gehe ich 
fort. Auf Tage. Ich rate dir, möglichst bald nach Hause 
zurückzukehren.“ 
Nach Hause. Ja, wo war sie denn nur zu Hause? Ge 
hörte sie denn nicht hierher? Sie kannte doch diesen 
Raum, der am Tage mit dumpfer, stickiger, Luft ange 
füllt war? Dort die Tür, die ins Atelier führte, war 
ihr vertraut. Warum sollte sie hier nicht bleiben? War 
das denn nicht ihr zu Hause? 
„Mammi, süße liebe Mammil“ Erschrocken fuhr sie 
zusammen. Wo kam die Stimme her? Und nun öffnete 
sich die große braune Tür, und das Zimmer, in das sie 
hineinschauen konnte, war nicht das Atelier. Es war 
ein heller, sonniger Raum, in dem sich weiße Lack 
möbel befanden. Zwei Kinderbetten mit weißen Mull 
gardinen standen an der Wand. 
Dort war sie heimisch. Dort gehörte sie hin. Was 
wollte sie denn hier? Und wo war denn der schreck 
liche Mann geblieben, der sie zwang, zu trinken? Immer 
wieder und immer wieder. 
Da knisterte das Papier in ihrer Hand. 
Fort. Er war weggegangen und hatte sie hier liegen 
lassen. Allein. In brennender Fieberhitze. 
Auch sie mußte fort. Nach Hause. Sie war ja krank. 
Wie das in ihr wühlte und glühte. Sie richtete sich 
empor. Dann streckte sie die Füße unter der Decke 
hervor und setzte sich auf den Boden. Als sie sich er 
hob, schwankte sie und fiel wieder auf das Lager zu 
rück. Sie biß die Zähne aufeinander und strebte von 
neuem empor. Mit Mühe gelang es ihr, sich anzuziehen. 
Kalte Schauer und glühende Hitze überfluteten sie ab 
wechselnd. Sie ging taumelnd, mit schweren Füßen in 
die Küche, drehte den Hahn der Wasserleitung auf und 
stürzte drei Glas eiskaltes Wasser herunter. 
Dann ging sie vor den Spiegel, um sich den Hut auf 
zusetzen. Sie tat alles in fieberhafter Eile und doch 
waren ihre Bewegungen langsam und schwer. Das Ge 
sicht, das ihr aus dem Glas entgegenblickte, war ihr 
fremd. Sie stierte es an, schüttelte den Kopf und wandte 
sich ab. 
Als sie die Hand auf die Klinke legte, blieb sie 
zögernd stehen. Irgend etwas hatte sie vergessen. Was 
konnte es sein? Lange sann sie nach. Ah — den Koffer. 
Wie sollte sie ihn hinunterbekommen? Selbst wenn sie 
ging, um einen Menschen zu holen, wo sollte sie den 
Schlüssel hernehmen, um die Tür wieder öffnen zu 
können? Er mußte bleiben. Aber die Handtasche, die 
mußte sie mitnehmen. Sie kam ja von der Reise zu 
rück. 
« 
Schwerkrank war Elisabeth von Teilmann von ihrer 
Reise nach Hause gekommen. Eine heftige Lungenent 
zündung hatte sie drei Wochen ans Bett gefesselt. Nun 
war sie eine Genesende. Im luftigen Schlafzimmer lag 
sie am offenen Fenster und starrte in den blauen 
Himmel. Von Luxus, Fürsorge und Liebe war sie um 
geben. Unzufriedenheit und schlechte Laune gab sie 
zurück. 
„Daß man dir auch nichts recht machen kann, 
Elisabeth“, hatte ihr Mann heut früh bei seinem Be 
such gesagt, als er, einen Blumenstrauß in den Händen, 
vor ihr stand, und sie, die Lippen ziehend, sagte: „Du 
solltest doch wissen, daß ich Nelkenduft nicht ver 
tragen kann. Ja, ja, ich weiß, ich bin ein launisches un 
zufriedenes Geschöpf, aber — ich kann mich nun mal 
nicht ummodeln — du mußt mich schon so nehmen, wie 
ich bin.“ 
„Das habe ich ja auch getan, Elisabeth, aber der 
Kinder wegen wünschte ich manchmal, du möchtest 
dich mehr zusammennehmen und deine Mißmutigkeit 
nicht an ihnen auslassen. Du wirst dir ihre Liebe ver 
scherzen.“ 
Elisabeth zuckte die Achseln. „Ich bin keine richtige 
Mutter auch das weiß ich. Ich habe eine Dummheit 
begangen, zu heiraten. Ich bin für die Ehe nicht ge 
schaffen. Manchmal denke ich, Herbert, wir sollten im 
guten auseinandergehen.“
        
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