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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 23 
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2W/W0 
ff 
SKIZZE VON G. D' EN PASSANT 
Das geteilte Kind 
ls Kinder schon waren sie Freunde. 
Wie zwei Brüder hatten sie sich ge 
liebt und gezankt, um, nachdem der 
Zorn verflogen war, um so fester an 
einander zu hängen. 
Zank und Liebe sind eben doch die 
Herrscher im Leben! 
Zusammen hatten sie das große 
Geheimnis des Lesen- und Schreiben 
lernens gelöst, zusammen die erste Bekanntschaft 
mit dem Rohrstock gemacht — wenn irgendwo was aus 
gefressen wurde, sie waren immer beide beteiligt. 
An einem Tage hatten sie das Abiturium am Gym 
nasium gemacht, und als die Liebe — Frühlingserwachen 
— mit schüchternem Finger an ihre Herzen klopfte, war 
es die Trägerin ein und desselben blonden Zopfes ge 
wesen, der sie gemeinsam begeisterte. 
Beide hatten dann für ein paar Semester die Uni 
versität bezogen, weniger um zu studieren, als um das 
Leben kennen zu lernen, ehe sie in die Fabriken ihrer 
Väter eintreten würden. 
War es da ein Wunder, daß auch ein und dasselbe 
kleine Grisettchen, ein und dasselbe „anständige Ver 
hältnis“ es war, das ihre Jünglingsherzen entflammte. 
Na, und diese Kleine, Elise hieß sie, war freigebig mit 
den Gütern die sie zu vergeben hatte, und, da die beiden 
Freunde in ein und derselben sturmfreien Bude 
wohnten, war sie vorurteilsfrei genug, diese Freigebig 
keit beiden gegenüber in gerechter Weise zu be 
tätigen. Beide erkletterten umschichtig das liebliche 
Bäumlein, an dem die süßen Äpfel der Erkentnis des 
Zweckes unseres Lebens hingen. 
Gleichmäßig teilte sie das, was sie zu geben hatte, an 
die beiden Verliebten aus, von beiden empfing sie die 
tiefsten Beweise ihrer Liebe, wenn auch natürlich diese 
Beweise von ihnen einzeln geführt werden mußten. 
Das ging nun mal nicht anders, denn die Natur läßt sich 
nicht befehlen. 
Da beide Freunde das Glück hatten, über reichliche 
Wechsel zu verfügen, und ihre Zeit nicht unter schweren 
Pflichten des Studiums litt, lief dieses Dreirad vergnügt 
und unbekümmert um das, was möglicherweise aus 
diesen Beweisführungen entstehen konnte, lustig 
klingelnd durch eine frohe Welt, die ihnen mit lächeln 
dem Munde täglich neue fröhliche Stunden, Abende 
und Nächte in Aussicht stellte. 
Aber, aber! — Es kam ein Tag, an dem die Freund 
schaft der beiden beinahe einen tiefen, klaffenden 
Riß erhalten hätte. 
Es war der Tag, an dem die gebefreudige und emp 
fangsfrohe Elise weinend und errötend den beiden 
Freunden umschichtig in die Arme sank und ihnen 
beiden, aber jedem besonders, ein und dasselbe 
schwere und süße Geheimnis in die Ohren flüsterte. 
Es galt nun, einwandfrei festzustellen, wer das Blüm 
chen gepflanzt hatte, das sich anschickte, langsam dem 
Lichte der Sonne entgegenzusteigen. 
Und es gab erregte Szenen zwischen beiden, denn 
keiner wollte eben der fleißige Gärtner gewesen sein. 
Aber schließlich gelang es der Geschicklichkeit, den 
Tränen und Beschwörungen Elisens eine Einigung her 
beizuführen. 
Bei einem kleinen Versöhnungsabendessen, bei dem 
sie auf dem Sopha rechts und links einen der Gründer 
der neuen Lebensgemeinschaft am Arme hielt, wurde 
der Friedensvertrag unterzeichnet. 
Und zwar verpflichteten sich die beiden Freunde 
schriftlich, für das Blühen, Wachsen und Gedeihen 
des erwarteten Weltbürgers, oder der Weltbürgerin, 
gemeinsam einzutreten, so daß also der weise 
Spruch Salomos, daß das Kind geteilt werden müsse, 
wenigstens bildlich erneut ausgewertet wurde. 
Zufrieden und glücklich schob Elise ihr verbrieftes 
Recht in den Ausschnitt ihrer Bluse und barg es an 
ihrem hübschen weißen Herzen, das zur Besiegelung 
der wiederhergestellten Freundschaft und um die Ge 
meinsamkeit der Rechte und Lasten klar festzustellen, 
mit liebevollen Küssen von rechts und links bedeckt 
wurde. 
In alter Weise spielte sich die kleine Lebenskomödie 
weiter ab. Da, gerade als der Aktschluß dicht vor der 
Türe stand und Elise still und ruhig zu Hause bei ihrer 
Mutter blieb, um das ihr in Aussicht stehende Geschenk 
in Ordnung und nach der Vorschrift in Empfang zu 
nehmen, mußte der eine der beiden Freunde, eines 
Familienfestes im väterlichen Hause wegen, die Uni 
versität auf einige Tage verlassen. 
„Max!“ sagte er zu seinem Freunde, der ihn zur Bahn 
gebracht hatte, „Max! Kümmere dich um Elise! Und 
sollte das, was wir erwarten, eintreten, während ich nicht 
da bin, so schicke mir sofort ein Telegramm, denn du 
wirst es verstehen, daß es mich natürlich intressiert, 
sofort zu hören, wie alles steht, w a s es ist, ich meine 
Mädel oder Junge, und wie es Elise geht “ 
Max drückte dem Freunde fest die Hand und ver 
sprach es. 
Und er hielt, was er versprochen hatte. 
^TM- e i Tag , e , s Päter ging das Telegramm pünktlich ab: 
,,Elise geht s gut! Es sind Zwillinge, zwei Jungen. 
Meiner leider tot. Dir herzlichen Glückwunsch! 
Max.
        
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