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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Jahrg, £? 
17 
Niki zog wie von einem Dämon gezwungen das Ruder 
ein. Er beugte sich über sie. Der Duft, der von ihr auf- 
stieg, raubte ihm die letzte Besinnung. Er stürzte sich 
auf sie und nahm sie wild, besinnungslos, in den 
Kleidern. 
Als sie zurückruderten — das Ganze hatte kaum 
zehn Minuten gedauert — erhob sie sich plötzlich. Es 
war vor der Landungsbrücke. „Hier ist es also am 
tiefsten?“ fragte sie schrill — und hätte sie Niki nicht 
mit Aufbietung aller Kraft und Geschicklichkeit zu 
rückgerissen, so wäre sie gewiß ins Wasser gestürzt. 
Nun lag sie auf dem Polster und allmählich er 
schütterte krampfhaftes Weinen ihren Körper. Er 
suchte sie zärtlich zu beruhigen. Sie stieß abgerissene 
Worte hervor, aus denen Niki entnahm, daß sie nicht 
zu der wüsten Gesellschaft zurückkehren wollte. Niki 
erinnerte sich jetzt der gelallten Worte des Onkels 
Julius an den „Lausejungen“: daß du mir deine Frau 
gut behandelst. 
Am Ende war das eine Rache an dem — ? 
Niki fröstelte. Er wurde energischer. „Kommen Sie, 
es fällt schließlich doch auf.“ 
Sie ließ sich bewegen, mitzukommen. 
Gerade als die beiden auf die Terrasse zurück 
kehrten, brach dort helles Gelächter aus, denn die 
weißhaarige Tante war von ihrem Stuhle aufgestanden 
und taumelte betrunken umher. „Fangt sie! — Fangt 
sie!“ krächzte der Onkel Julius. 
Der Neffe aber sah seine Frau erstaunt an. „Nanu 
■—• was ist denn mit dir?“ 
Gudrun drückte krampfhaft Nikis Arm und der 
Student stammelte: „Ach —■ Ihrer Gattin wurde es 
übel. Ich — ich habe ihr beigestanden.“ 
„Beigestanden •— Tralala”, sang der Rechtsanwalt, 
aber seine Frau schlug ihn auf den Mund. Da sagte er; 
„Pardon!“ 
„Also setzen Sie sich zu uns. Trinken Sie eins mit. 
Jawohl. Holla: ein Glas! Gudel, mach ein vergnügtes 
Gesicht!“ 
Und dann fing die Musik wieder an zu spielen. 
« 
Zuerst hatten sie die Tante auf ein Sofa in der Gast 
stube betten müssen. Dann legte sich der Onkel Julius 
auf den Teppich nieder und war nicht zu bewegen, 
wieder aufzustehen. Der Rechtsanwalt und seine Frau 
bekamen ein Zimmer und der „Lausejunge“ war ver 
schwunden. Vermutlich schlief er irgendwo im Gras 
des Gartens seinen Rausch aus. 
Der Student Niki hat.te sich leise zu seinem Boot 
hingestohlen. Aber kaum lag er eingehüllt auf dem 
Polster, als eine weiße Gestalt auf der Brücke über 
ihm auftauchte. Er fragte nicht, sondern nahm sie her 
ein ins Boot. — 
Der Mond war untergegangen. Es schlug zwei vom 
Turm der Dorfkirche.
        
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