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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jaftrg. S7 
Nr, 23 
FLOEUI//ECEL 
s ist Sonntag Abend, und die Leute 
sind sehr vergnügt draußen am See. 
Eine warme Nacht mit Mondschein, 
Musik und einem Tänzchen — das 
macht heiter, wenn noch dazu das 
Bier kühl ist und frisch und der Wein 
nicht gar zu säuerlich. Vor dem See 
schlößchen brennt mitten über der 
halbrunden, kleinen Estrichterrasse eine grelle Gas 
laterne, in der Glasveranda dahinter spielt die Musik, 
Geige, Cello, Klavier und Flöte und drinnen im Saal 
wiegen sich die Mädchen in ihren hellen Kleidern hin 
und her, teils unter sich paarweise, teils mit den 
jungen Herren. 
Aber auf der Terrasse ist es besonders lustig. Mitten 
unter der Laterne sitzt der Onkel Julius. Er kann sich 
nicht mehr auf den gebrechlichen Beinen halten und 
klagt lächelnd in greisenhafter Selbstgefälligkeit: „Ach 
— ach — mich können sie nicht mehr berauben, mich 
können sie nicht mehr auslausen. — Ich hab nichts 
mehr bei mir — die silberne Uhr. . . . Na . . .“ Und 
dann kommt er herübergetorkelt zu dem Tisch, wo 
der Student Nikolaus mit seinen beiden Mädchen 
sitzt, Susi und ihre Freundin Mary. Und er meckert: 
„Die dort, die mit dem weißen Kopf, das ist 
meine Frau. — Die schimpft, wenn ich mit fremden 
Leuten spreche — hihi. — Aus guter Familie. — Pfeif 
auf die feine Familie!“ — 
Währenddessen hat der Rechtsanwalt, der rüstige 
Schwager des Onkels Julius, seiner Schwester mit dem 
weißen Kopf feierlich die Hand gereicht und dröhnt 
heiser mit Pathos; „Auf Ehrenwort!“ über das Ganze 
hin, so daß seine blonde, vollbusige Gattin drüben 
hochgeht: „Aber Willi — Willi!“ — 
Der Onkel Julius jedoch lacht höhnisch lallend: „Da 
gibt er sein Ehrenwort und säuft mein Bier aus — hihi.“ 
— Seine Frau aber sagt zu dem Rechtsanwalt, ihrem 
Bruder: „Willi, du kannst dich auf mich verlassendes 
bleibt alles in unserer Familie.“ Dabei blickt sie 
böse zu ihrer Nichte hinüber, die blond, still, kühl und 
abweisend im dunklen Winkel sitzt, während ihr Gatte, 
der lange, schlaksige Theodor jetzt zum Onkel Julius 
hinüberwankt. Sie halten sich beide aneinander fest 
und der alte Onkel mit den gebrechlichen Beinen, sagt: 
„Du Lausejunge — hä? — Daß du mir deine Frau 
gut behandelst!“ Und dann lassen sie sich los, Theodor 
kehrt, zu seiner jungen Frau zurück, und Onkel Julius 
wendet sich ans Publikum. „Ich bin heute zum ersten 
Male hier draußen in dem Nest. Sollte meine Nichte 
kennen lernen. — Dem Lausejungen seine Frau.“ — 
Dann fängt die Tanzmusik wieder an zu spielen und 
der Onkel Julius tanzt im Sitzen mit seinen beiden 
Stöcken in der Luft einen Cancan. 
Und nun geschieht etwas Merkwürdiges. Der Student 
Niki tanzt mit Susi. Da steht die schlanke blonde Frau 
plötzlich auf und geht an dem sich lustig wiegenden 
Paare vorüber. Niki ist ungeschickt und stößt sie an. 
Da klopft sie ihm auf die Schulter und sagt nur 
nüchtern und trocken: „Sie haben falschen Tritt, junger 
Herr.“ — 
Das war nun in der Tat erstaunlich aus dem Munde 
Gudruns zu hören, so daß sich der Student unwill 
kürlich umwandte und der schlanken, blonden Frau 
gerade in die Augen sah. Die lustige Tischgesellschaft 
merkte das alles freilich in ihrer Betrunkenheit nicht. 
Die blonde Frau kam nicht zurück. Der Student 
wunderte sich darüber und war von einer Unruhe be 
fallen, die ihm selber auffiel. Er spürte noch immer 
ihre Hand auf seiner Schulter. Die Tischgesellschaft, 
der Onkel Julius , , . das waren ja Puppen und Ge 
spenster. . . . Der alte Onkel tanzte immer noch seinen 
Cancan mit den Krückstöcken in der Luft. — Die blonde 
Frau war geflüchtet. — 
Da sagte der Student Nikolaus zu seinen beiden 
Mädchen: „Hört mal, es wird die höchste Zeit, daß 
Ihr zum Zug geht. Zehn Uhr fünfundvierzig geht der 
letzte von hier ab. — Also.“ — Susi machte ihm trau 
rige Augen. Er drückte ihre molligen Hände und 
schüttelte den Kopf. Sie zog ein Mäulchen, und Mary 
lachte in sich hinein. 
Die beiden Mädchen gingen also. Niki brachte sie 
zum nahen Bahnhof und lief schleunigst zum See 
schlößchen zurück. Die junge blonde Frau war noch 
nicht zum Tisch zurückgekehrt. Ob sie sich schlafen 
gelegt hatte? — Wohnte sie im Gasthof? — 
Die Tischgesellschaft lärmte unverdrossen. Der 
„Lausejunge“ blies auf einer Mundharmonika. 
Da machte sich der Student auf die Suche. Er ging 
um das Haus herum unter den Bäumen des Gartens 
hindurch zum Ufer. Da sah er am Gelände des 
Gartens gegen den mondbeschienen See eine Gestalt. 
Das konnte sie sein. 
Richtig, sie war es. Sie sah auf das Wasser hinaus. 
Er trat wie zufällig neben sie. Sie sah ihn groß an. Ihr 
Blick war flimmernd. Sie schien im Mondlicht sehr 
bleich. 
„Ob das Wasser hier sehr tief ist?“ fragte sie mit 
einer Stimme, in der Erregung zitterte. 
Niki schluckte. „Tief? Hier? — Nein. Ich habe mein 
Boot hier liegen, hier ist es flach. Aber vorn am Steg, 
wo die Dampfer anlegen.“ 
„So.“ 
Sie schwiegen schnellatmend nebeneinander. Dann 
sagte sie wieder: „Sie haben ein Boot hier? Das muß 
sehr nett sein. Fahren Sie auch nachts hinaus?“ 
„Manchmal, ja, gewiß“, antwortete Niki und war 
sehr verwirrt. 
Sie ließ sich das Boot zeigen. 
„Es ist jetzt zum Schlafen eingerichtet“, erklärte er 
ihr. „Ich schlafe nämlich nachts drin.“ 
„Ach? — Jetzt kann man also nicht mehr hinaus 
rudern?“ 
„Möchten Sie?“ fragte er und seine Stimme war 
dunkel vor Erregung. 
Sie nickte. Er sah es gegen den schimmernden Mond 
glast. 
„Bitte!“ 
Sie stieg ein und legte sich auf das lange Polster, von 
dem er die Hülle hinwegschlug. Dann ruderte er das 
Boot, am Heck sitzend, hinaus. Langsam fuhren sie in 
das mondhelle Wasser. Er sah sie vor sich liegen in 
dem weißen Kleide, das ihre herrlichen Beine freigab. 
Sie wälzte sich wie gequält. Einmal sah sie zu ihm auf 
nach hinten. Der Blick hatte etwas Wahnsinniges
        
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