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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. za 
Jaürg. 27 
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sie, so weit gegangen zu sein. Er sieht ganz anders aus 
in diesem Augenblick als sonst im Ballsaal, im Theater, 
auf der Promenade, wo sie ihn heimlich traf. Bis jetzt 
was es nur ein Flirt gewesen . . . aber jetzt . . . zentner 
schwer fällt es ihr aufs Herz: 
Was hast du getan? Was tust du? 
Sein Gesicht ist verzerrt. Mit einemmale bemerkt 
sie, daß seine Züge schlaff sind und seine Augen wie die 
eines Raubtieres glühen. Seine Hand kommt ihr vor 
wie eine Pranke, bereit, sich in ihr Fleisch zu graben. 
Und sie zieht sich noch tiefer in den Schatten der 
dunklen Tapeten zurück und streckt abwehrend die 
Hand von sich; „Nein, gehen Sie! Gehen Sie! Ich habe 
eine Sünde auf mich geladen! Eine schwere Sünde — 
ich will nicht!” 
Doch er achtet keine Schranke mehr. Sie reißt sich 
los, eilt durch das nächste Zimmer, schlägt eine Tür 
hinter sich zu, doch er stößt sie ein — sie findet keinen 
Ausweg mehr, lehnt sich an die Wand, ihre Lippen 
murmeln wie beschwörend, wie bebend, bittend und 
hilferufend den Namen des Gatten, den sie preisgab —- 
Der andere dringt durch die Tür — sie meint seinen 
heißen Atem zu fühlen — sie sieht die rollenden Augen 
— wenn man in einer Sekunde ein Gebet sprechen 
kann, ein Gebet voll Angst und glühender Inbrunst, so 
tut sie es da — da ist es, als fahre eine rächende 
Faust mitten hinein zwischen sie und ihren Verfolger. 
So schwer schlägt die Faust auf, daß der Boden sich 
spaltet, daß die Decke wankt und zentnerschwere 
Steine niederprasseln zwischen sie und zwischen ihn. 
Ein furchtbarer Donner erfüllt die Luft, und das Ge 
schrei von hunderttausend Menschen scheint die Stadt 
zu durchpfeifen . . . 
Sie ist auf die Knie gesunken. Sie fühlt, wie ein 
Balken sich schützend über sie legt, dann rollen die 
Steine von neuem, und mit dumpfem Fall legt sich die 
Decke darüber ... 
Und es wird Nacht und sie weiß nichts mehr, als daß 
sie erlöst ist . . . die Versuchung ging vorüber . . . 
Halb rasend vor Angst um die geliebte Frau war der 
Kaufmann durch Schutt und mitten durch die berstende 
Straße herbeigestürzt, begleitet von seinen beiden 
Dienern. Auf halbem Wege begegnen sie der Zofe, die 
nach Ogliastri eilen wollte. Der eine der Diener wird 
auf dem Wege nach der Via di Monasteri erschlagen 
-- doch der Kaufmann läßt sich nicht halten. Endlich 
hat er das Haus erreicht. Er ruft. Undeutlich hört man 
die Stimme eines Menschen, der antwortet, 
„Sie lebt! Sie lebt!“ ruft er in wilder Freude. Das 
Haus liegt ziemlich frei und sie sind geschützt vor 
fliegenden Steinen, so daß sie sich bald an die Aus 
grabung machen können, ohne zu warten, bis Hilfe 
kommt. 
Doch ihren schwachen Kräften glückte es nicht. Erst, 
wie am nächsten Tage italienische Soldaten eintreffen, 
da gelingt das Werk. Bewußtlos, aber unversehrt, heben 
sie die schöne, junge Frau im weißseidenen Kleide aus 
den berstenden Trümmern. Der Gatte hat unermüdlich 
geschaufelt und gegraben, zwölf Stunden lang. Hat 
keiner Gefahr geachtet, bis er sie endlich erreicht hat. 
Nun trägt er sie triumphierend aus dem Trümmer 
haufen fort. 
„Keiner mehr da unten?“ frägt der Offizier. Einer 
der Soldaten antwortet: 
„Mir war es, als hätte ich einen Ton gehört.'“ 
Der Kaufmann aber wandte sich um: 
„Unmöglich! Ganz unmöglich! In dem Hause befand 
sich niemand als meine Gattin.“ 
Der Diener und die Zofe bestätigen es, 
„Du wirst eine Katze gehört haben“, sagt der Offi 
zier zu dem Soldaten und sie eilen weiter . . . 
Der Tod hielt seine Ernte. Die junge, schöne Frau 
kam rasch zu sich. Sie schlang die Arme um den Hals 
des Gatten und preßte den Kopf an seine Brust. Schier 
mit Gewalt mußte er ihre Hände lösen. 
„Ich will dich nie, nie mehr verlassen!“ 
Seine Majestät, das Erdbeben, hatte eine Seele ge 
rettet. — 
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EINE SATIRE 
,V Tihr. liebe Leser, warum Pan, der große Gott, 
VA/von seinen Priestern verlangte, daß sie an seinen 
▼ VFesten nackt gingen und so ihm Opfer brächten? 
Das ist eine lehrreiche Geschichte, die ich euch er 
zählen will. 
Das war damals, als Herkules mit Omphale, der 
treuen Gemahlin, sich in den Wäldern herumtrieb, um 
seine zwölf Arbeiten zu verrichten. 
Er hatte den Arm um ihren Leib geschlungen 
und dachte nur an allerhand Kurzweil, nicht aber an 
die Arbeit, was eben nur beweist, daß auch Herkules 
schon ein recht sündhafter Mensch gewesen ist. 
Ein Faun saß im Busch und bemerkte das Liebes 
paar, dessen Anblick ihm inmitten der Wälder etwas 
Neues war. Er machte sich auf und schlich den beiden 
heimlich nach in der Hoffnung, einen Augenblick er 
haschen zu können, da Herkules seine Gattin unbe 
wacht zurücklassen würde. Denn der Faun war 
seiner Waldnymphen überdrüssig und wollte andere 
Frauen kennen lernen. 
Herkules und Omphale begaben sich in eine Grotte 
und speisten. Der Faun blieb vor der Höhle und 
wartete. 
Herkules war guter Laune, Omphale nicht minder, 
und nichts war natürlicher, als daß sie wieder aller 
hand Kurzweil trieben, was eben wieder nur beweist, 
daß auch Omphale ein Weib gewesen. 
Voll Übermut kam Herkules auf die Idee, mit Om 
phale die Kleidung zu tauschen. 
Gesagt — getan. 
Omphale hüllte sich in das Fell des nemäischen 
Löwen und hing um die Schultern den Köcher samt 
den vergifteten Pfeilen. 
Herkules dekolletierte sich und schmückte den Leib 
mit den goldenen Armspangen seiner Geliebten. 
So unterhielten sich die beiden, bis sie endlich 
in Schlaf verfielen. 
Als es in der Höhle ruhig geworden war, schlich 
sich der Faun vorsichtig durch den Eingang und 
tastete in der Dunkelheit nach den Frauenkleidern. 
Als er das Lager der vermeintlichen Omphale gefunden, 
näherte er sich ihr. 
Nein. So weit und nicht weiter. Der ganze Wald 
erdröhnte von dem Schmerzgeheul des armen Fauns, 
dem Herkules seine Männlichkeit schlagfertig bewies. 
• *^ e . Traurige Geschichte hörte, ärgerte er 
sich nicht wenig daß sein Faun sich so hatte täuschen 
lassen und befahl, daß künftig alle seine Priester als 
Adam gingen, damit seine Faune wenigstens sie von 
eventuellen Omphalen unterscheiden könnten.
        
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