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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 28 
Jahrg. 27 
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Männer, verwöhnt von dem reinsten Tempeldienste, 
der in Griechenland und Afrika nicht minder Brauch 
war wie an den Gestaden des Euphrat, wählten vor 
sichtig. Dieser fand den Leib rein wie Elfenbein, aber 
die Füße waren nicht schmal genug für den Bau der 
Brüste. Eine andere hätte sicherlich den Apfel des 
Paris gewonnen, aber dem geübten Auge der Männer 
entging die kleine Falte nicht, welche ihre linke Brust 
umzog. Vor den beiden Jungfrauen, welche sich ab 
seits von den andern gesetzt hatten, staute sich die 
Masse der Männer. 
Hundert Blicke hingen gebannt an dem Leibe der 
Königin, die unbeweglich, ein höhnisches Lächeln auf 
den Lippen, im Purpur ihres Mantels lag. Aber nur 
einen Augenblick währte die Ruhe. Ein schlanker 
Syrier wollte Geld in ihren Schoß schütten. 
„Im Namen Melittas“, wollte er sagen, doch schon 
stieß ihn ein starkknochiger Karthager beiseite, nach 
seiner Reisetasche greifend. Aber er kam nicht dazu, 
das Geld dem Weibe zu geben. Ein junger Grieche 
schleuderte ihn zu Boden, um gleich darauf von einem 
Indier in das Gras geworfen zu werden. 
Ein wildes Ringen entstand. Niemand dachte an die 
tausend Weiber, welche diesen Hain beseelten. Diese 
eine wollten alle besitzen und selbst mit ihrem Blute 
erkaufen. Nie war ähnliches geschehen. Blut im Haine 
Nanas. Alles rannte wie irr durcheinander bei diesem 
Schauspiele, Weiber und Priester. Inmitten des Knäuels 
kämpfender Männer aber lag das Weib und regte sich 
nicht. Ihre Augen jedoch verfolgten jede Bewegung der 
Ringenden. Nichts entging ihr. Ein Jüngling von unge 
heuerer Körperkraft, ohne Fehl am ganzen Leibe, ragte 
aus der Masse hervor. 
Seine Glieder waren mit Blut bespritzt. Seine Augen 
aber brannten auf dem Weibe. Plötzlich stand er neben 
ihr. 
„Im Namen Melittas“ — und ein Geldstück flog in 
ihren Schoß. Die anderen wollten es fangen, ihn weg 
stoßen. Doch mit einer geschickten Bewegung ihrer 
Schenkel hatte es die Jungfrau aufgefangen. Sie erhob 
sich und lächelte dem Manne zu, welcher bebend sich 
aus der Masse der anderen löste. 
Die Männer beugten sich dem Gesetze und ihrer 
Wahl. Den Jüngling mit haßerfüllten Blicken messend, 
entfernten sie sich, um die Frauen Babylons zu freien, 
die für die schönsten der Welt galten und ihnen jetzt so 
häßlich erschienen. 
Ein Phönikier hatte sich Chrysis erwählt. 
In dem Schatten der uralten Bäume, die sich am 
Ende der Gärten zu einem Parke dehnten, zerriß der 
Schnurengürtel um den Lenden des Weibes, das sich 
Königin nannte. 
Ihre Sklavin wand sich nicht ferne von ihr in den 
Armen des Phönikiers. 
„Dein Wesen ist wie das einer Statue“, sagte keuchend 
der Jüngling. 
Sie lächelte: „Das ist gut so.“ 
„Du bist kein Weib.“ 
„Vielleicht eine Göttin?“ 
„Auch Göttinnen empfinden menschliche Leiden 
schaft.“ 
„Ich liebe dich ja nicht!“ 
„Aber meine Glut muß dich zur Liebe zwingen.“ 
„Zwingen?“ Sie sah einen Augenblick zu ihm auf. 
„Nein. Meine Leidenschaft ist königlich. Nur einer soll 
sie genießen.“ 
„Und?“ 
„Du bist nicht der Eine.“ 
Der Mann umschlang ihre Knie. 
„Warum, Grausame?“ 
Aber sie antwortete ihm nicht. Ihr Blick flackerte, 
und ein sattes Lächeln spielte um ihre Lippen. 
„Gehl“ 
„Ich bin kein Sklave!“ 
„Doch. Du hast mir gegeben, wonach ich verlangte, 
nun gehe.“ 
„Wonach du verlangtest? Mein Wille besaß dich!“ 
„Du irrst dich. Das Weib ist der Wunsch. Der Mann 
nur Knecht ihres Willens. Meine Leidenschaft ist ge 
stillt. Geh, Sklave.“ 
Der Mann erwiderte nichts mehr und ging rasch 
davon. 
Das Weib aber dehnte die göttlichen Glieder. 
„Chrysis!“ 
Die Sklavin kam. 
„O Herrin, mein Herz ist ausgefüllt von Liebe.“ 
„Und ich bin kalt geworden wie der Stern am abend 
lichen Himmel. Denn ich habe die Leidenschaft ent 
deckt, welche die Herrschaft verleiht.“ 
„Die Sehnsucht?“ 
„Ja, die Sehnsucht der anderen.“ 
„Und du, Herrin?“ 
„Ich? Ich will herrschen, Chrysis.“ 
Die Sklavin senkte das Haupt. Ihr Leib war von Ruhe 
und Liebe erfüllt. Aber sie antwortete nichts. 
PL O 
ie junge Frau stand an dem großen 
Fenster der zweistöckigen, eleganten 
Villa in der Via di Monasteri. Von Zeit 
zu Zeit wandte sie sich unruhig um und 
der Blick, der etwas von einem ge- 
ängstigten Vögelchen an sich hatte, irrte 
über die steife, vornehme Einrichtung 
ä la Louis XIV. 
Das ganze Haus lag still und einsam. Plötzlich 
drückte die junge Frau die Klingel. Ein leichter Schritt 
wurde hörbar und Maria, die Zofe, trat ein. 
„Signora befehlen?“ 
Die Gattin des reichen Kaufmannes, die in der Ge 
sellschaft von Messiona eine glänzende Rolle spielte, 
war zerstreut. Sie schien um eine Antwort verlegen zu 
sein. 
„Sind Pietro und Beppo im Hause?“ 
H E V M\J A N N 
„Nein, Signora! Der gnädige Herr hat sie zu sich in 
das Bureau befohlen, denn er arbeitet die Nacht durch!“ 
„So. Ganz recht. Er hat es mir gesagt. Du bist also 
allein mit mir zu Hause?“ 
„So ist es, Signora.“ 
Die schöne Frau lächelte. Sie befand sich noch in der 
weißseidenen Galatoilette. Die dekolletierte Büste 
schimmerte wie Marmor. Reich floß das blauschwarze 
Haar unter dem funkelnden Diadem hervor und rahmte 
das kapriziöse Gesichtchen mit den tiefblauen Augen 
ein. 
„Du kannst mir einen Brief nach Ogliastri besorgen, 
Maria. Er eilt sehr und es wäre mir angenehm, wenn 
du ihn selbst noch abgeben würdest.“ 
Die Zofe geriet einigermaßen in Erstaunen. 
„Es ist weit bis nach Ogliastri. Wenn die Signora 
etwas benötigen, ist niemand im Hause . . . “
        
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