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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafr0. 27 
Nr. 28 
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Lippen, die Erinnerung von tausend Küssen in den 
Augen. Blaue Seen, auf deren Wellen der Schaum gleich 
weißen Perlen sich im Winde wiegte, umrahmt von den 
Schatten ewig grüner Lorbeerbäume, in deren Wipfeln 
sich die Sonnenstrahlen fingen. Dann wieder dichte 
Lauben, Bäume, deren Zweige sich unter der Last ihrer 
Früchte beugten, durchschnitten von silbernen Bächen 
und murmelnden Quellen, so klar, daß man die weißen 
Nymphen auf ihrem steinernen Grunde zum Tanze 
sich paaren sieht. Schmale Wiesen mit lachendem 
Grün wechseln mit Feldern voll prangender Rosen, 
halberblühte Lilien schaukeln unter der Last des Taues, 
dazwischen Oliven und Weinstöcke und über allem die 
Sonne. Zwischen Bambusgräsern und Gewürznelken, 
im Schatten von tausend Bäumen, umrauscht von 
Springbrunnen, in deren Bassins silberne Stufen 
führen, liegt Numas Tempel, ein Komplex von 
schwanenweißen Gebäuden mit rätselhaften Zieraten 
und Inschriften. Zur linken und rechten Seite goldge 
schmückte Kapellen, zu ebener Erde das Allerheiligste 
der wollüstigen Göttin, und dahinter der Zikurat, der 
eigentliche Tempel mit seinen sieben Stockwerken, 
deren jedes einzelne beinahe ein babylonisches Haus 
überragte. Ein seltsamer Gesang, halb schwermütig, 
halb leidenschaftlich, halb grausam, lockte die Frauen zu 
dem Tempel selbst. Hinter einer Säule aus reinstem 
griechischen Marmor, die die Göttin selbst in ihrer 
Vollkommenheit, größer als drei Palmen, darstellte, er 
hoben sich zwanzig Stufen aus Silber, mit Mohn und 
Rosen bestreut und in Weihrauchwolken gehüllt. 
Eilenden Schrittes drangen die beiden Frauen die 
Treppen empor. Sie kamen auf eine Terrasse, welche 
ringsum mit Orangenbäumen begrenzt war. Und mit 
einem Male umgab sie menschliches Leben, pulsierende, 
duftende Jugend. Tausend nackte Mädchen gingen, 
saßen, oder lagen auf dem heißen Marmor. Und um säe 
der Rauch von unsichtbaren Opferflammen, die gen 
Himmel stiegen, zuckend, sich windend unter der Kraft 
all der Begierden, welche aus den brennenden Augen 
leuchteten. Da und dort ein Seufzer, losgelöst aus Sehn 
sucht eines junges Herzens, ein Klatschen, wie wenn 
weiche Hände auf das Fleisch der Brüste oder Schenkel 
schlagen, dann wieder Stille. Und von heiligem Schauer 
erfüllt, stiegen die Frauen schnell die Zickzackwege em 
por zur Tempelfassade. Die hohen Wände, welche gegen 
jede Zinne schief verliefen, waren bedeckt mit Reliefs 
und Malereien von unnachahmlicher Kunst. Auf einem 
Grunde aus dem reinsten Blau des Lapislazuli hoben 
sich orangegelb die Figuren, welche Begebenheiten 
aus dem Leben der Göttin darstellten, Szenen, welche 
das Blut rascher durch die Adern jagten und die Sinne 
entzündeten. Vor einem Tore, welches Von zwei 
ehernen Löwen mit aufgesperrten Rachen bewacht 
War, machten sie halt. Die Sonne war schon hoch ge 
stiegen, und der ganze Tempel samt allen Terrassen und 
Bildwerken war in Glut getaucht. Aber alle Strahlen in 
ihrer goldenen Pracht wurden von dem Innern dieses 
Tempels verdunkelt. Die Wände aus reinstem Ala 
baster, bedeckt mit kunstvollen Reliefs. Die Decke aus 
emaillierten Backsteinen, die in prächtiger Farben 
mischung ein Mosaikgemälde von mächtiger Schwere 
Und Plastik ergab. Die Schritte erstarben in weichen 
indischen Teppichen von kostbarer Webung. In der 
Mitte des Saales führten hundert Stufen zum Standbilde 
Und Altäre der Göttin selbst, welche links und rechts 
durch granitene Kolosse beflügelter Drachen von zehn 
facher Menschenhöhe abgeschlossen waren. Der Altar 
selbst lag in einem Grunde von Gold und Beryllen, 
Rubinen und tiefblauen Aquamarinen und in all der 
reichen Pracht der grausame Körper der von Hundert 
tausenden Verehrten auf silbernem Throne, stumm und 
lächelnd in herrlicher Grausamkeit, Anunit oder Nana, 
die Gebenedeiete, die Strahlende, die Göttin aller Herr 
lichkeit und Glorie, die Göttin der Liebe. 
Vor den Blicken der Frauen verschwamm alles zu 
einem Chaos märchenhafter Pracht. Vor ihren Augen 
wechselten die Bilder in schwindelnder Schnelligkeit: 
Der Garten, der Tempel, die Priester in den langen, 
faltigen Gewändern, welche eben das Opfer brachten, 
und die starren, weißen Mädchenkörper, welche sich in 
die Teppiche des Tempelsaales gruben, zittertend in 
Sehnsucht, weinend vor Entzücken im Rausche der 
duftgeschwängerten Gebete. 
Denn alle beteten sie um die Liebe. 
Um dieselbe Liebe, welche die Welten erschuf, welche 
in glühenden Strömen das Innere der Erde durchwühlt 
und Feuerbäche aus Vulkanen schleudert, welche aus 
jedem Samenkorne spricht und die Furchen der Äcker 
und der großen Menschheit mit ihren Schritten 
zeichnet, welche in nimmermüder Schaffenslust Jahr 
tausende hindurch an einem Kunstwerke schafft und 
ein Weltenreich über Nacht zertrümmert. 
Und erfaßt vom Taumel des tausendfachen Willens, 
warfen sich die beiden Frauen zu Boden in heißer 
Wollust, und ihre Leiber bildeten mit denen all der 
anderen eine zitternde Masse. — 
Als sie sich erhoben, da bemerkten sie, daß sie von 
dem Strome der Mädchen mit fortgerissen wurden, der 
gleich stürmender Lava die Terrassen hinunterfloß, um 
sich in hundert Bächen in alle Gärten zu ergießen. Und 
jede wählte sich ihren Platz. Diese am Rande einer 
kristallenen Quelle, jene im Schatten einer Platane, eine 
andere warf ihren Leib in das brennende Rot eines 
Mohnbeetes. Die beiden Jungfrauen setzten sich an den 
Rand des Baches und harrten zitternd des Kommenden. 
Nun erst merkten sie, daß der ganze Garten von 
Frauen belebt war. Und das sah aus, als seien plötzlich 
unzählige Lilien aus der Erde geschossen. Priester 
gingen prüfenden Blickes die Reihen hindurch und 
teilten Olivenkerne aus, welche die Frauen entzündeten. 
Das duftete wie Flieder. Ein Priester trat zu den beiden 
Frauen. 
„Warum trägst du einen Mantel, wie er nur Köni 
ginnen gebührt?“ fragte er. 
„Sie ist eine Königin“, entgegnete Chrysis für die 
Angesprochene. 
Über des Priesters welke Lippen huschte ein Lächeln. 
Das ärgerte die Königin. Mit einer stolzen Handbe 
wegung nahm sie Mantel und Tunika vom Leibe und 
hielt die Arme hinter ihr Haar. 
„Glaubst du, daß ich eine Königin bin?“ fragte sie 
mit leise vibrierender Stimme. 
Der Priester senkte das weiße Haupt. 
„Ich glaube dir“, sagte er einfach und ging. 
„Sieh nur, Herrin“, sagte Chrysis leise zu ihrer Ge 
fährtin, „die Augen aller Weiber sind bewundernd auf 
dich gerichtet. Du bist die Schönste hier unter allen.“ 
Und sie legte den wallenden Purpur auf den Boden, 
daß ihre Herrin sich in die Falten legen konnte. Und 
die Götter hätten kein Schöneres Gemälde erfinden 
können, als dieser Leib jetzt in dem Grunde von Purpur 
war. Wieder kam ein Priester an den beiden vorüber, 
hinter welchem eine Schar von Eunuchen weiße 
Schnürengürtel trugen. Diese legten sich die Frauen um 
Haupt und Hüften zum Zeichen der Bereitheit, ihr 
Opfer zu vollbringen. 
Nun ward es sehr still. Nur die Frutilla, der heilige 
Vogel Nanas, lockte in den Büschen, und das klang wie 
der Ton einer silbernen Lyra. 
„Sie kommen“, sagte ein Weib in der Nähe der 
beiden Jungfrauen. 
Und alle schauerten und lächelten. 
Die breite Pappelallee herauf drang langsam eine 
buntfarbene Masse. Je näher sie kam, desto mehr ver 
lor sie an Einheit. Am Anfang der Felder zerteilte sie 
sich in alle Richtungen. Und es waren Männer aus 
allen Ländern der Erde, die gekommen waren, im 
heiligen Haine Aphrodites das Opfer der Erde in Emp 
fang zu nehmen. Und nun verfiel alles in einen Zu 
stand der Raserei. Jede wollte zuerst das Geschenk 
Nanas genießen. Keine wollte zurückstehen. Jede 
wollte für die Schönste befunden werden. Aber diese
        
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