Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 28 
Jahrg. 2 7 
also auf alle Vorzüge, die sich ein Herr meines Alters 
noch erlauben kann.“ 
Wieder eine Enttäuschung auf den Gesichtern der 
Wirtinnen. 
In der Bernburger Straße ist eine ältere Dame im 
roten Unterrock mit weißen Sreifen direkt empört über 
die geplante Enthaltsamkeit. „Aber lieber Herr, dann 
brauchen Sie nicht an mein Pförtchen zu pochen. Ich 
freue mich, wenn die Jugend sich austobt.“ 
Und in der Uhlandstraße erklärt mir eine Dame mit 
gebleichtem Haar, ob mein Zustand überhaupt normal 
sei. 
Ich erwidere ihr: „Allerdings nicht ganz, denn sonst 
wäre ich nicht zehn Jahre verheiratet gewesen.“ 
Als die Dame erfährt, daß meine Scheidung erst vor 
sich gehen sollte, erklärt sie mir, es gehe ihr auch so, 
und sie bietet mir ihr Heim und alles was drum und 
dran hängt, an. 
Auch hier mußte ich ablehnen, denn eine wasserstoff 
superoxidierte Frau war nie nach meinem Geschmack. 
Dann sprach ich bei einem Kommerzienrat vor, aber 
der Herr Kommerzienrat bekam einen Nervenchok, als 
er von seinem einstigen Reichtum, von seinen Dienern, 
von seinem Obergärtner und von seinen Reisen nach 
Ägypten, Indien und Tibet zu erzählen begann. Das alles 
wäre mir schließlich egal gewesen, aber da der Kom 
merzienrat doppelt so hohe Preise verlangte, als ein ge 
wöhnlicher Sterblicher sie ausgeben konnte, suchte ich 
den Weg ins Freie, 
Nachdem ich ganze vierzehn Tage damit verbracht 
hatte, mich Berliner Wirtinnen als Zimmerherrn zu 
empfehlen und überall gesehen hatte, daß es ein uner 
quicklicher Zustand ist, in Berlin Junggeselle zu bleiben, 
forschte ich nach der jetzigen Adresse meiner lieben 
Frau und als ich sie gefunden hatte, bat ich um Rück 
nahme des Scheidungsantrages. 
- Da erfuhr ich zu meinem Schreck, daß sie ihre Möbel 
verkauft hatte und ärgerlich gestand sie mir, daß es 
nichts Schlimmeres gäbe, als in Berlin ein Zimmer zu 
finden. Eine anständige Dame habe hierbei überhaupt kein 
Glück, und es sei ihr nichts anderes übrig geblieben, 
als im Hotel Wohnung zu nehmen. Aus Langeweile 
habe sie die Bekanntschaft mit einem sehr vornehmen 
Herrn gemacht, der ihr in der Scheidungssache bisher 
sehr behilflich gewesen sei. Aus Dankbarkeit habe sie 
sich mit ihm verlobt und gelegentlich werde sie jenen 
heiraten. 
Ich war verblüfft und faßte ihre Hand. Sie sah ein, 
daß mir die Sache sehr nahe ging und schließlich sagte 
sie: „Lieber Mann, liegt dir daran, daß wir wieder Zu 
sammenkommen?“ 
In der Furcht, daß die Wohnungsmisere die wasser 
stoffsuperoxidierten Wirtinnen, die korpulenten Damen 
mit roten Barchentunterröcken mein Leben ausfüllen, 
ergriff ich bewegt ihren Arm, zog ihren neuen Ver 
lobungsring wie selbstverständlich vom Finger und mit 
bebender Stimme sagte ich: „Ohne deine Küche und 
ohne deinen Staubwedel, vielliebe Fraue, kann und will 
ich nicht mehr weiter leben.“ 
Und nun laufen wir beide, die wir in einem Hotel 
wohnen, genau wie Reisende, von morgens bis abends 
herum, teils antichambrierend auf dem Wohnungsamt, 
teils eine Wohnung von hinten herum uns suchend, 
aber wir sind glücklich, denn Gott hat mein Flehen er 
hört; Madame hat ihren Scheidungsantrag zurückge 
zogen, der Hotelier hat uns bereits ausgezogen und 
Amor ist wieder bei uns eingezogen. 
★ 
LOH ENG RIN, DER HASENEUSS 
Ein berühmter Kammersänger, Herr X., hatte eine 
Frau, die wahnsinnig eifersüchtig war. Wenn ihr Mann 
im „Lohengrin“ auftrat oder in „Carmen“, betrachtete 
sie von ihrer Loge aus die vordersten Reihen der 
Damen, ob ihr Auge ein anderes Leuchten hätte als 
jenes, das durch schönen Gesang verursacht wird. 
Eines Abends näherte sich ihm eine reizende, junge 
Dame voller Begeisterung. 
„Meister“, redete sie ihn an, „Sie haben mich heute 
abend ins Paradies versetzt. Kommen Sie mit mir, ich 
möchte mit ihnen ewig glücklich sein.“ 
Der Kammersänger war einen Augenblick perplex 
über die exaltierte, etwas aufdringliche Annäherung. Er 
sagte: „Liebes, kleines Fräulein, Sie kennen wohl meine 
eifersüchtige Frau noch nicht?“ 
„Ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt, Meister“, 
antwortete das kleine Fräulein, 
Er lachte vergnügt und sagte: „Gut, im Paradiese 
können wir beide unterm Baume der Erkenntnis spa 
zieren gehen.“ 
Da meinte neckisch die junge Dame: „Aber Meister, 
wenp sie uns dort erkennt?“ 
Der Pantoffelheld schaute das Mädchen plötzlich ent 
geistert an und er sagte: „Gott, Sie haben ja ganz recht. 
Daran dachte ich ja gar nicht.“ 
Und indem er sich die Situation vergegenwärtigte, 
komplimentierte er die reizende Blondine mit den 
Worten zur Tür hinaus: „Mein liebes Kind, vielleicht 
haben wir im Jenseits wieder dasVcrgnügen.“ 
4 
Zieh', Schimmel zieh’ 1
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.