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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 28 
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Die im Himmef geschlossene Ehe 
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Eine Sensation vor 1 4 o J a ß r e n 
ERICH WALTHER UNGER 
h, lieber Baron, das ist schön, daß Sie noch ein 
mal mich sehen kommen.” 
„Wollen Sie verreisen, Marquis?” 
„Wenn Ihnen diese Auffassung liegt, ja! Ich 
gedenke zu sterben.” 
„Darf man erfahren, warum?“ 
„Aus Langeweile, lieber Baron!“ 
Louis Leon lächelte. 
„Töten Sie die Langeweile, Marquis, und leben Sie!“ 
„Ach, das Leben ist diese Bemühung nicht wert. Alles 
ist reizlos.“ 
„Sie lieben nicht' mehr, Marquis?“ 
„Ich habe alles genossen, Baron. Die Unschuld ist 
ermüdend. Der Morgen errötet ganz wie sie. Die Ver 
derbtheit ist ekelhaft. Die Kurtisanen sind plump, sie 
verstehen nicht mehr die Kunst der Verschleierung, die 
nackter als nackt erscheinen läßt. Die betrogenen 
Gatten erniedrigen die Abenteuer zu Krankenbesuchen: 
sie überraschen einen nie mit ihrer Frau oder sie ent 
schuldigen sich, wenn es geschieht, und schleichen aus 
dem Boudoir, weil sie ihren Degen für zu kurz halten. 
Wo ist da die Höhe? . . . Was ist ein Stelldichein ohne 
Gefahr, was ein Billet-doux, das nicht mit dem Toten 
kopf gesiegelt ist, was ein Sofa ä deux ohne den 
Dritten! . . . Der sechzehnte Ludwig ist nüchtern und 
ohne Schönheiten, und seitdem er den Intendant des 
Menus-Plaisiers im Boi de Boulogne sozusagen ent 
hauptet hat, ist das Vergnügen ohne Krone,“ 
„Aber Clarlot!“ bemerkte der Baron. 
„Der Graf von Artois? ... Er ist mir zu gewöhnlich, 
mein Lieber . . . O, ich bin müde auf dieser Erde . . . “ 
„Auf dieser Erde“, wiederholte Louis Leon, „hm, 
deshalb muß man noch nicht unter die Erde, Marquis.“ 
„Sie wüßten ein anderes?“ 
„Ja, erheben Sie sich über die Erde!“ 
Der Marquis lachte bitter. 
„Das ist landläufigem Glauben nach die unsterbliche 
Bewegung — nach dem Tode , . . Erinnern wir uns, 
Baron, daß Voltaire noch nicht sieben Jahre tot ist.“ 
„O, nichts dergleichen!“ rief Louis Leon abwehrend 
und etwas belustigt. „Haben Sie noch nichts von Mont- 
golfier gehört, von den Brüdern Stefan und Josef Mont- 
golfier? Nichts von Professor Charles?“ 
„Ah, und Sie meinen ?“ 
„Allerdings! Besteigen Sie mit einer Geliebten eine 
Charliere und genießen Sie die Gefühle einer hohen 
Liebe. Pilatre de Rozier hat mit dem Marquis d’Ar- 
landes vom Hofe des Schlosses La Muette im November 
vorigen Jahres einen Aufstieg unternommen . . . “ 
„Das ist freilich eine Idee, die das Leben wert macht 
und sei es auch nur, um es dafür zu opfern. Aber — 
cherchez la femme!“ 
• „Man wird sie finden, Marquis!“ 
„Welch eine Aussicht, in den Himmel zu steigen in 
den Armen der Liebe." Der Marquis leuchtete, völlig 
erfüllt von lustigen Vorstellungen. „Versinkende Erde. 
. . . Neue Winde und in neuen Sphären wir-selbst als 
neue Wesen . . . Womöglich andere Rhythmen des 
Blutes . . . denkbar größte Gefahr — und eine delikate 
Frau, die sicher außergewöhnlich ist . . . Welch eine 
Idee!“ 
Im Frühjahr 1784 flog der Marquis Hyacinthe mit 
der entzückenden Mademoiselle Victoire Desiree de 
Largilliere ins Blaue. Sie war die einzige unter den 
vielen Frauen seines pikanten Kreises, die, obzwar erst 
siebzehnjährig, tapfer genug war und noch etwas mehr. 
Die größte Überraschung jedoch war dies: Nach der 
glücklichen Landung und Heimkehr erklärte der Mar 
quis, man dürfe der Marquise und ihm gratulieren: ihre 
Ehe sei die einzige, die wirklich im Himmel geschlossen 
worden sei . . . 
ANEKDOTEN 
EGON H. STRASSBURGER 
ICH SUCHE EIN ZIMMER / 
ei meiner Wirtin, Frau Harms, Witwe, war mir 
der Aufenthalt langsam unangenehm geworden. 
Frau Harms Witwe erzählte mir täglich 
zwischen zwei und drei, zur Zeit, wenn andere 
Sterbliche Mittagsschlaf halten, die Zeiten seien so 
niederträchtig, daß man sich nicht mehr anständig er 
nähren könne. Ich fragte verschiedene Male, wie sie 
ihre Ernährungsweise demgemäß ändern würde, und 
hierauf erwiderte sie regelmäßig: „Das ist mein Ge 
heimnis.“ 
Das Geheimnis enthüllte sich, indem ich in der Nacht 
Trippeln und Flüstern von der einen und von der andern 
Seite meines Zimmers hörte. Frau Harms Witwe war 
bestrebt, sich glänzend zu ernähren. 
Da mir die nächtliche Ruhestörung kolossal auf die 
Nerven fiel, nahm ich mir vor, Frau Harms Witwe zu 
verlassen und mir ein neues Heim zu suchen. Ich sprach 
bei einigen Dutzend älteren und jüngeren Witwen vor 
und so verlief fast immer das Gespräch; 
„Verzeihen Sie, ist hier ein Zimmer zu vermieten?“ 
„Bitte sehr, wollen Sie nicht zuspazieren?“ 
„Ich brauche viel Ruhe, große Sauberkeit und möchte 
wenig mit Ihnen zu tun haben.“ 
Immer dasselbe verdutzte Gesicht. 
„Ich bin ein Herr, der in Scheidung lebt, verzichte
        
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