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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Hr. 3 
Der Gent (heiter): Aber natürlich, sie sind vom Kommer 
zienrat Fechtner. Gestern um diese Zeit haben sie noch der 
Kommerzienrätin gehört. Heute gehören sie der blonden 
Vilma. 
DieKokotte:So warst du mit bei dem Millionen-Einbruch 
am Kurfürstendamm? 
Der Gent; Wenn du nichts dagegen einzuwenden hast, ja! 
Das Ding ist famos geglückt! Wir hatten nicht länger als 
eine halbe Stunde zu arbeiten gehabt. Unser Baron , . na, 
der Name tut ja auch nichts weiter zur Sache — war gestern 
Gast der Abendgesellschaft, die der Kommerzienrat gab. 
Er versteckte sich zu gegebener Zeit und als der letzte Gast 
gegangen war und Gastgeber und Dienerschaft sich zur 
Ruhe begeben hatten, ließ er uns ganz einfach durch ein 
Fenster ein. 
Die Kokotte; Und ihr habt große Beute gemacht? 
Der Gent; Nun, ich glaube, daß wir für längere Zeit aus- 
esorgt haben. Ich wenigstens habe bereits meine ganzen 
pieischulden im Klub getilgt und außerdem meine Bank 
safes frisch aufgefüllt. Weißt du, besonders freute mich, 
daß mein Smoking und meine weißen Glacös bei dem Ding 
nicht die geringste Verletzung erfahren haben. 
DieKokotte; (hat auf einen elektrischen Knopf gedrückt). 
Der Gent: Was willst du, Vilma? 
Die Kokotte: Marion soll uns den Tee bringen. 
(Die Zofe tritt ein). 
Die Zofe: Gnädiges Fräulein haben geklingelt? 
Die Kokotte: jawohl, Marion. Ich bitte Sie, hell zu 
machen und dann den Tee zu bringen. 
Die Zofe: Sehr wohl, gnädiges Fräulein. (Sie knipst das 
elektrische Licht an, dann geht sie). 
Der Gent: (im Zimmer auf und abgehend): Ein nettes 
Mädchen, ich glaube fast, daß du an ihr eine treue Seele hast. 
Die Kokotte; Ich bitte dich, Dienerschaft und dazu noch 
ein Weib. 
Der Gent: Du denkst nicht gerade gut von deinem 
Geschlecht. 
Die Kokotte: Mein Gott! — Erfahrungen! 
(Die Zofe tritt ein). 
D i e Z o f e : (trägt die Teekanne zum Tischchen und schenkt 
ein. Dabei wirft sic auf den Gent einen bedauernden Blick. 
Dann bleibt sie wie unschlüssig stehen). 
Die Kokotte: Wollen Sie noch etwas, Marion? 
Die Zofe: Gnädiges Fräulein wollten mir doch nun ge 
statten. ... 
Die Kokotte: Ah, ganz recht! Sie wollten, nachdem Sie 
den Tee serviert hatten, Ihre Schwester besuchen, nicht 
wahr? Hoffentlich, Marion, ist es auch Ihre Schwester ? 
Die Zofe (wie gekränkt): Aber, gnädiges Fräulein. . . . 
Die Kokotte: Nun, dann gehen Sie nur. Wir brauchen 
Sie nicht mehr. Aber bleiben Sie nicht allzu lange, ver 
stehen Sie? 
Die Zofe; Ich werde bald wieder zurück sein, gnädiges 
Fräulein (ab). 
Pause. 
^ c r Gent: Ich weiß nicht, ich weiß nicht, du kommst mir 
heute anders als sonst vor, Vilma. Als würdest du dich 
nicht ein bißchen freuen über mein Glück und darüber, daß 
lc h in meinem Glück an dich gedacht habe. Bist du krank? 
Die Kokotte: Ich bin höchstens ein wenig nachdenklicher 
als sonst. 
Der Gent: Wozu? Du hast alles, wonach sich dein Herz 
sehnt und noch mehr. Ich habe dich lieb. Wir beide sind 
jung. . . 
Die Kokotte: Aber was bist du, Walter? 
Der Gent: Dummheit! . .. Komm, setzen wir uns gemütlich 
zum Tee. Weißt du, mir war bange nach dir! Schon darum, 
weil man doch nie wissen kann, wie eine solche Sache aus- 
geht! Es ist genau so, wie wenn der Soldat in die Schlacht 
zieht. Ob er wiederkommt, kann niemand sagen. Aber ge 
rade das ist das Anreizende bei unserem Beruf! Ich möchte 
keinen anderen haben. 
Die Kokotte: Ach! 
Der Gent: Du bist unzufrieden mit ihm? Ja, Kind, wer 
in der Welt könnte denn alles das zu deinen kleinen Füßen 
legen? Niemand! Nur der Einbrecher! . . . Pfui, ich nehme 
dieses häßliche Wort sehr ungern in den Mund. Es gemahnt 
so leicht an schlecht gekleidete und übel riechende 
Menschen. Und ich, ich glaube doch kaum an einen Ein 
brecher zu erinnern. 
Die Kokotte; Verbrecher! 
Der Gent: Ach, schon wieder so ein häßliches Wort! Um 
alles in der Welt, Vilma, sage mir doch, was ich übles tue? 
Ich erleichtere steinreiche Leute. Und dabei stehle ich ihnen 
noch nicht mal was, denn sie bekommen alles, was ich für 
begehrenswert hielt, von ihren Versicherungsgesellschaften 
zurück. Glaube mir, Vilma, die Anschauung, die Gesetz 
und Welt von der Art unserer Tätigkeit haben, ist grund 
falsch! 
Die Kokotte: Deshalb wandert Ihr doch ins Zuchthaus! 
Der Gent: Weil sich die Welt noch nicht bis zur letzten 
Erkenntnis durchgerungen hat. . . Aber, warum das . . . 
deshalb bin ich bestimmt nicht zu dir gekommen. Was 
hast du denn die letzten paar Tage gemacht? 
Die Kokotte: Ich bin spazieren gefahren, war einmal im 
Theater und einmal beim Rennen, Ich habe in Karlshorst 
einen jungen Mann kennen gelernt. ... 
Der Gent: Ah, sieh doch an! 
Die Kokotte: Ein ganz reizender Mensch! 
Der Gent: Irgend ein Rennbahnschieber wahrscheinlich. . . 
Die Kokotte: Im Gegenteil; ein tadelloser junger Mann 
aus allerbester Familie. Sohn eines Hamburger Exporteurs. 
Er hat sich sterblich in mich verliebt. . . . 
Der Gent;, So, hat er das . . . (er umarmt plötzlich die 
Kokotte und preßt sie an sich) Vilma, ersinne doch nicht 
derartige Geschichtchen, mich eifersüchtig zu machen! 
Die Kokotte: Aber . . . 
Der Gent: Närrchen! Kindchen! Ich weiß doch, warum 
ich dich, gerade dich so lieb habe! Du hast es wirklich 
nicht nötig, solche Dinge zu erfinden, um dich mir noch 
begehrenswerter zu machen! Ich will dir auch sagen, Vilma, 
warum ich dich so liebe. Ich liebe dich, weil du schön bist! 
Ich liebe dich, weil du elegant bist! Aber ich liebe dich 
mehr, weil du mir nicht nur Geliebte, sondern auch Mutter 
und Schwester bist! Schau, Vilma, die Menschen gehen 
aneinander vorüber: kalt, herzlos und seelenlos. Jeden inter 
essiert nur sein eigenes Schicksal Man wechselt dumme 
Phrasen, tauscht herzliche Händedrücke, aber keiner von
        
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