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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 27 
Jafrrg. 27 
27 
Schachmeister Mg S' im Mercedespalast 
das ist eine, die versteht’s. Hat die Angel nach 
unserem Herrn ausgeworfen und er hat auch zuge 
schnappt. Von der wird er sicher für eine Weile fest 
gemacht. Er war auch heut nacht ganz fuchsteufels 
wild, so wie ich ihn seit langem nicht gesehen habe. 
Sagen Sie mal, Hulda“, Franz rückte ein wenig näher an 
Hulda heran — „ist denn für Sie nichts dabei gewesen? 
Ich rate Ihnen, sich bei mir nach dem Betreffenden zu 
erkundigen, ehe Sie eine Wahl treffen. Für frische Ware 
muß der Käufer ordentlich blechen.“ Franz zwinkerte 
mit den Augen und rieb Daumen und Zeigefinger an 
einander. „Verplempern Sie sich nicht. Unsereiner muß 
sehen, wo Bartel den Most holt.“ 
„Ich möchte auf die Art kein Geld verdienen, Herr 
Franz.“ 
„Man soll aus allem Kapital schlagen, liebes Kind. 
Sie würden eine Dummheit begehen, wenn Sie das nicht 
täten. Wo haben denn die feinen Damen, die Sie heute 
nacht hier gesehen haben, ihre Kleider, ihre Pelze und 
den Schmuck her?“ 
„Das kümmert mich nicht.“ 
„Das sollte Sie aber kümmern. Denn auf dieselbe Art 
könnten Sie auch dazu kommen.“ Franz schob seine 
Tasse zurück und erhob sich. 
„Sagen Sie, Herr Franz — ist das immer hier so — 
wenn Besuch ist?“ 
„Mal mehr, mal weniger toll. Aber getrunken wird 
immer. Und was die Frauenzimmer anbetrifft — na — 
ohne die geht es nun mal nicht. Und nun an die Arbeit. 
Stellen Sie mir das Geschirr zurecht für vier Personen.“ 
„Wer ist denn drinnen?“ 
„Die ausländische Schwarze natürlich und Herr 
Keppler mit seiner Lola.“ 
Auch Hulda war aufgestanden, sie trat an den Ge 
schirrschrank und begann das notige Geschirr zu 
sammenzustellen, während Franz die Küche verließ. 
Die ausländische Schwarze war bei ihm geblieben. 
Die war nun seine Geliebte. Eine feine elegante Dame. 
Ihre Finger waren mit Brillanten bedeckt. Kostbare 
Gehänge trug sie in den Ohren. Wenn sie nur nicht 
diese wilden Augen hätte. Angst konnte man davor 
haben. 
„Hulda — Sie sollen mal zu der .Schwarzen* hinein 
gehen und ihr behilflich sein.“ Franz war zurückge 
kommen und nahm das Tablett vom Tisch. 
„Was soll ich?“ 
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„Sie haben es doch gehört.“ 
„Ich bin aber doch nicht bei ihr im Dienst.“ 
„Aber Herr Roderich wünscht es. Er selbst läßt es 
Ihnen sagen.“ 
„Liebes Kind, kommen Sie einmal her und sehen Sie 
sich diesen Schaden an. Ich habe mir das Kleid gestern 
abend vom Leibe heruntergerissen, dabei ist dieses 
Malheur passiert — bitte, nehmen Sie Nadel und Faden 
und heften Sie die Verschlußfalte wieder an.“ 
Nur mit einem Spitzenhemd und hauchdünnen 
Seidenstrümpfen bekleidet, stand die „Schwarze“ vor 
ihr, reichte ihr das Kleid und erklärte die schadhafte 
Stelle. 
Das Kleid über den Arm gehängt, ging Hulda 
schweigend hinaus. Der Duft eines exotischen Parfüms 
stieg ihr in die Nase. Als sie ihr kleines Zimmer be 
treten hatte, und an dem Stoff herum stichelte, fühlte 
sie, wie dieser Duft sie umschmeichelte, wie er ihre 
Nerven erschlaffte. 
Es dauerte lange, bis sie die schadhafte Stelle aus 
gebessert hatte. Und als sie die Nadel beiseite legte 
und sich erhob, blieb sie zögernd stehen. 
Konnte sie wirklich auch solche Kleider tragen? 
Aber dann — dann hätte sie ihren Körper verkaufen 
müssen. Nur um Seide und Diamanten? — Nein, das 
würde sie niemals tun. — Wenn sie einen Mann liebte, 
— ja dann — ja dann. — 
Warum hatte Herr Roderich so sonderbar zu ihr ge 
sprochen? Hatte er sie prüfen wollen? 
„Herrgott — Hulda dauert denn die Geschichte 
so lange? Die „Schwarze“ ist schon fuchsteufelswild. So 
beeilen Sie sich doch ein wenig.“ Franz rief es durch die 
Tür. 
Hulda drückte die Klinke nieder. „Ich komme ja 
schon.“ 
„Sie sind eine langsame Person, und als Kammer 
jungfer nicht zu gebrauchen, mein Kind.“ Ärgerlich 
flogen ihr die Worte entgegen. 
„Ich bin ^auch keine Kammerjungfer und will auch 
keine sein.“ Die Worte klangen aus dem sonst so 
schüchternen Munde so fest und bestimmt, daß 
Alexandra erstaunt aufsah. 
„Lola!“ rief sie und öffnete die Tür, die zum Neben 
zimmer führte, „komm einmal herein.“ — Als Lola ein- 
s * e f° r t ; „Hilf mir mein Kleid überziehen, das 
Mädchen ist zu ungeschickt dazu.“ 
Es war ein langer, sonderbarer Blick, den Hulda auf 
die beiden Frauen warf. Dann verließ sie schweigend 
das Schlafzimmer. Tor,Atzung fo^t. 
RÄTSELECKE 
Silbenrätsel 
Aus den Silben: droh — e — eil — fe — ge — lei — ne — rau — rei 
— schwätz— se —zug — sind 5 Wörter zu bilden, deren Anfangs 
buchstaben von oben nach unten und deren Endbuchstaben von unten 
nach oben gelesen eine Komödie von Moliere bezeichnen. Die 5 
Wörter bedeuten: 
1. eine Bienenklasse, 
2. rasches Beförderungsmittel, 
3. Prögelszene, 
4. Vielredcrei, 
5. eine Dummheit.
        
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