Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr 21 
Jaßrg.27 
25 
Tasche und rief erschreckt: „Herrgott, ich habe meine 
Brieftasche vergessen, ich muß nochmal zurück!“ 
„Anmeldern ist nicht nötig, Hanna, das Fräulein er 
wartet mich.“ Das Mädchen zurückdrängend trat Rolf 
in Sentas Übungsraum. Sie lag mit geschlossenen Augen 
auf dem Diwan und schien zu schlafen. Leise trat er 
an sie heran, setzte sich neben sie und umschlang ihren 
Körper. 
Langsam öffnete sie die Lider und sah ihn aus großen 
Augen ruhig fragend an. „Was soll das heißen, Rolf? 
Du weißt, ich bin für Dummheiten nicht zu haben.“ 
„Seit wann nennst du Liebeständeleien Dummheiten? 
Du — die sich alle paar Tage einen neuen Liebhaber 
nahm?“ 
„Seit ich den Geschmack daran verloren habe. Meine 
Sinne sind abgestumpft. Ich habe einen Ekel vor dem, 
was ihr Liebe nennt. Wenn man noch wirkliche Gefühle 
füreinander aufbringen könnte! Rausch und Sinnen 
taumel — sie ekeln mich an. Ich sage es noch einmal 
— nichts als arbeiten — dabei finde ich meine Befriedi 
gung.“ 
„Du bist verrückt!“ 
„Du nennst mich verrückt und behauptest doch den 
selben Ekel zu haben wie ich. Aber du lügst. Du 
kokettierst nur mit dieser Überdrüssigkeit, weil du 
meinst, dich dadurch den Frauen noch interessanter 
zu machen, und das gelingt dir auch wirklich.“ 
„So — das weißt du also? Nur du — du bist von 
einer Kälte und Gleichgültigkeit. — Weißt du — daß 
mich das reizt?“ Er hatte seine Hand unter ihren 
Nacken geschoben Und hob ihren Oberkörper ein 
wenig in die Höhe. „Weil du so gleichgültig bist mir 
gegenüber, darum will ich, daß du mir gehörst.“ 
„Ich gebe mich nicht dazu her, die Sinne eines Mannes 
zu befriedigen und die meinigen — sprechen nicht 
mehr.“ 
„So werde ich sie wieder erwecken.“ 
„Du bist der letzte dem das gelänge.“ 
„Du bringst mir dieselbe Verachtung entgegen, wie 
ich allen anderen Frauen. Aber ich dulde das nicht, 
Senta. Mir hat sich noch nie eine Frau versagt.“ 
„So werde ich die erste sein.“ 
„Du hast es darauf abgesehen, mich begehrlich zu 
machen! Ich werde dich zwingen.“ — 
Rolf hatte nicht bemerkt, daß Senta einen Klingel 
knopf, der neben dem Diwan angebracht war, berührt 
hatte. Als er sich über sie beugte, wurde die Tür von 
Hanna geöffnet. 
„Geh zu denen, denen du ein Gott bist, Rolf, mich 
aber laß zufrieden.“ Sie hatte ihn zurückgestoßen und 
erhob sich. „Während ich mich umkleide, räumen Sie 
hier auf, Hanna“, wandte sie sich an diese. „Auf 
Wiedersehen, Roderich!“ ein kurzes Kopfnicken, dann 
war sie im Nebenzimmer verschwunden. 
$ 
Mißlaunig war Rolf nach Hause gekommen. Mißlaunig 
lag er im Klubsessel und rauchte eine Zigarette nach der 
anderen. 
„Theater“, murmelte er und zündete sieh eine neue 
Zigarette an. „Aber — sie hat es richtig angefangen, 
mein Blut in Wallung zu bringen. — Was gibt’s?“ fuhr 
er Hulda an, als er sie plötzlich im Zimmer sah. „Wa 
rum klopfen Sie nicht an, bevor Sie eintreten?“ 
„Ich habe geklopft und da ich keine Antwort bekam, 
nahm ich an, Herr Roderich ist im Schlafzimmer, Ich
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.