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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 27 
Jafirg. 27 
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„Herr Franz sagte mir, daß ich nur in der Küche zu 
tun hätte, und wenn Besuch ist, müßte ich ihm in den 
Zimmern zur Hand gehen.“ 
„Und wenn ich Ihnen nun sage: gehen Sie und 
bringen Sie mein zerwühltes Bett wieder in Ordnung?“ 
„Dann müßte ich es natürlich tun.“ 
Er war aufgestanden und trat jetzt nahe zu ihr heran. 
„Sie haben also keine Nebenabsichten?“ 
„Nebenabsichten?“ Verständnislos blickte sie ihn an. 
„Stellen Sie sich doch-nicht so dumm!“ herrschte er 
sie an. „Ich meine, daß Sie sich Hoffnungen machen, 
ich könnte ein Auge auf Sie werfen.“ — 
„Aber — gnädiger Herr — ich — Ihre Dienerin?“ 
— murmelte sie. 
„Na — daß ein Herr Gefallen findet an einer 
Dienerin, das kommt wohl alle Tage vor und zwar 
in Wirklichkeit — nicht nur im Film. Aber — nach 
meinem Geschmack ist so etwas nicht — merken Sie 
sich das. Also — nun wissen Sie Bescheid und meinet 
wegen — Sie können bleiben. Aber — eines müßte ich 
noch wissen. Warum haben Sie eigentlich an mich ge 
schrieben?“ 
Wieder überflammte glühende Röte ihr Gesicht. „Ich 
hatte noch nie einen so großen Künstler in der Nähe 
gesehen. — Sie erschienen mir wie ein Gott — ich 
wollte Ihnen — ein paar Blumen bringen.“ — 
„Weiter nichts?“ Durchdringend blickte er sie an. 
„Hofften Sie nicht auf einen Kuß?“ 
Er sah, wie ein Zittern durch ihren Körper lief und 
wie sie erbleichte. 
„Gnädiger Herr, wenn Sie so etwas von mir denken 
— dann — dann muß ich wohl gehen.“ — 
Sprachlos, wie ein Wunder starrte er sie an. 
„Nein — nun will ich, daß Sie bleiben. Geben Sie 
sich Mühe, daß Franz mit Ihnen zufrieden ist.“ 
Sie neigte den Kopf und wollte das Zimmer ver 
lassen. In der Tür wendete sie sich zurück. „Der 
gnädige Herr hatte geklingelt.“ 
„Richtig — das hatte ich vergessen. Starken Kaffee 
kochen und hereinbringen.“ 
Rolf ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab, dann 
warf er sich wieder in seinen Klubsessel und zündete 
... bei der Arbeit wirst du mich stören.“ 
sich eine neue Zigarette an. Seine Gedanken weilten 
noch bei Hulda Schön. Sonderbares Frauenzimmer. Ob 
sie ihn wirklich nur anhimmelte wie ein Backfisch? 
In sein Haus mußte sich eine wirkliche Naive ver 
lieren? Das kann ja spaßig werden. Er und seine Gäste 
kannten keine Rücksichten. Man war unter sich und 
ließ sich gehen. Die Dienstboten waren Luft. Aber — 
warum dachte er über diese dumme Person, die eine 
ganz untergeordnete Stellung bei ihm eirinahm, nur 
einen Augenblick nach? Auch sie ging sicher, wie jene 
andere, die liebestolle Baronin, auf Abenteuer aus. Die 
war er los. Seit jenem Abend hatte er nichts mehr von 
ihr gehört. Sie ließ ihn und sein Telephon in Ruh. 
„Hören Sie mal, Franz, ein ander Mal möchte ich 
doch darum wissen, wenn Sie das Haus verlassen. Ich 
sitze hier und klingele mich zuschanden.“ 
„Entschuldigen der gnädige Herr, aber — ich hatte 
doch Hulda “ 
„Kam, nachdem ich dreimal geläutet habe. Ja, 
schenken Sie ein“ — nickte er Franz zu, der mit einem 
fragenden Blick die Kaffeekanne in der Hand hielt. 
„Übrigens — diese Hulda — glauben Sie, daß die hier 
her paßt? Sie scheint doch ein Unschuldslamm zu 
sein?“ 
„Gott, gnädiger Herr, unschuldig waren sie alle ein 
mal.“ 
„Sie haben recht — was kümmert es uns, was ihr 
passieren kann.“ 
„Ich werde ihr schon beibringen die Augen zu 
schließen und die Hand offen zu halten.“ 
„Bender —du? Nett, daß du kommst. Da — steck 
dir eine Zigarette an und erzähle. Was gibt es Neues?“ 
Sie hatten sich die Hände gereicht und Bender setzte 
sich in den Rolf gegenüberstehenden Sessel. 
„Ich bin auf dem Wege zur Sand. Sie hat sich da 
ein paar ganz ausgefallene Kostüme bauen lassen. Die 
soll ich begutachten.“ 
„Was ist eigentlich mit der Sand los? Man sieht sie 
ja nirgends mehr. Hat sie eine neue Liebschaft, die 
sie in Anspruch nimmt?“ 
„Von einer Liebschaft weiß ich nichts. Ich weiß, 
daß sie angestrengt arbeitet und seit einer Woche ganz 
zurückgezogen lebt, ihre Wohnung nur verläßt, wenn 
sie zu den Proben muß, gesehen habe ich sie seit dem 
Abend bei dir auch nicht. Wir haben uns telephonisch 
unterhalten.“ 
„Verrückt, sich so abzuschinden! Aber sie hat es sich 
ja in den Kopf gesetzt, etwas Neues, etwas ganz Aus 
gefallenes zu bringen. Na — ich will wünschen, daß es 
ihr gelingt. Ich habe es mir bequemer gemacht und bin 
doch berühmt geworden.“ 
„Allerdings — dein Ruhm ist dir mühelos zugefallen.“ 
„Na, so ganz mühelos — das kann ich nicht gerade 
behaupten.“ 
Bender lächelte spöttisch. „Kleider anprobieren — 
das ist allerdings auch eine Arbeit.“ 
„Und ob es eine ist! Und sich die Frauen vom Halse 
halten — glaubst du, daß das keine Arbeit ist?“ 
„Sicherlich. Nur daß diese deine Arbeit eine 
Sisyphusarbeit ist.“ 
„Was ist das?“ 
„Sisyphus war ein Riese, der einen großen Stein auf 
einen Berg rollen mußte, der oben angelangt, sofort 
wieder den Abhang heruntersauste, so daß seine Arbeit 
vergeblich gewesen und er immer wieder von neuem 
beginnen mußte.“ 
„Wahrhaftig, genau so geht es mir. Ein Weib jage 
ich zur Tür hinaus — eine andere tritt herein.“ 
„So schließe die Tür doch ab.“ 
„Das ist nicht so einfach bei meiner Beliebtheit.“ 
„Du kannst eben ohne die Anbetung deiner Weibsen 
nicht leben. Das ist der Grund, warum du nicht die 
Energie aufbringst, sie zum Teufel zu jagen.“ 
„Du magst recht haben. Mein Leben ohne die Frauen 
.— kann ich mir nicht denken. Übrigens — da fällt mir 
ein, in was für einem Verhältnis stehst du denn zu
        
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