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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 27 
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gleichen Freuden teilnehmen, die er kurz vorher der 
anderen gewährt hatte. 
Da nun die ahnungslose Frau von Sabran sich keinerlei 
Zwang antat, sondern ihrem feurigen Liebhaber ein um 
das andere Mal laut gestand, wie er und nur gerade 
er es verstünde, das sie verzehrende Feuer der Liebe 
zu löschen, so hatte Madame de Guesbriant, die im 
Nebenzimmer unfreiwillige Zeugin dieses Liebesge- 
stammels der von ihr gehaßten Nebenbuhlerin wurde, 
nicht gerade ruhige Minuten zu verleben. 
Je wundervoller und vollständiger der Triumph war, 
den die Beneidete im Nebenzimmer durchkosten durfte, 
umso unruhiger wurde das um den Rest dieses ange 
brauchten Nachmittags so schmählich betrogene Weib. 
Diese Wut steigerte sich in ihr derartig, daß sie alle 
Versprechungen vergaß und in das Zimmer der beiden 
Liebenden stürzte, wo sie unter heftigen Vorwürfen 
und einem gewaltigen Tränenstrom dem Herzog eine 
böse Eifersuchtsszene machte, aus der Frau von Sabran 
ihrerseits entnahm, daß wenige Minuten vorher Ma 
dame de Guesbriant hier das gleiche Glück genossen 
hatte, dessen sie soeben teilhaftig geworden war. Und 
auch in ihr regte sich die Wut der betrogenen Frau. 
Man kann sich unschwer vorstellen, daß die Situa 
tion für den Herzog nicht gerade eine angenehme war. 
Doch, wer viele Abenteuer in dem unerschöpflichen 
Waldrevier der Göttin Aphrodite sucht, der ist er 
fahrungsgemäß nicht gleich totunglücklich, wenn ihn 
seine Lust und seine Unwiderstehlichkeit einmal in 
eine Lage bringen, die einer gewissen Sensation nicht 
entbehrt. 
So bot denn Richelieu, nachdem die beiden feindlichen 
Frauen einander gründlich die Wahrheit gesagt hatten 
— was bei den Damen der sogenannten guten Gesell 
schaft in solchem Falle kaum vornehmer und feiner vor 
sich zu gehen pflegt als bei Mädchen und Frauen nie 
drigerer Stände — alle seine Überredungskunst auf, um 
die beiden wenigstens äußerlich miteinander zu ver 
söhnen. 
Zuerst schien diese vermittelnde Tätigkeit keinerlei 
Hoffnung auf Erfolg zu versprechen; erst, als der Her 
zog ins Treffen führte, daß es bei dem inzwischen ein 
getretenen Regenwetter eine mißliche Sache für die 
Damen sein würde, wenn eine von ihnen zu Fuß in die 
Stadt zurückkehren müßte, da der von Frau von Sabran 
benutzte Mietswagen längst wieder heimgefahren war, 
schienen sich die Gemüter etwas zu beruhigen. Die Auf 
regung machte kühlerer Überlegung Platz. Jede von den 
beiden liebestollen Frauen war so klug, daß sie sich 
sagte, diejenige von ihnen sei in einem ungeheuren Vor 
teil gegenüber der anderen, die allein mit dem Herzog 
in der engen, nach außen gut verschlossenen Chaise 
heimfahren durfte. 
So gelang es Richelieu, sie dazu zu bewegen, daß sie 
beide einwilligten, die Heimfahrt zu dreien anzutreten. 
Der erste Teil dieser originellen Fahrt war für den 
Herzog insofern ganz amüsant, als er jedesmal, wenn 
er Miene machte, einer seiner beiden schönen Begleite 
rinnen etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen als der 
anderen, der von dieser sehr energisch, wenn auch un 
auffällig an allen allzu intimen Huldigungen verhindert 
wurde. 
Nun hatte der Held dieses Abenteuers, bevor die 
Fahrt zu dreien begann, seinem vertrauten Kutscher 
Weisung gegeben, nicht auf dem direktesten Wege nach 
Paris zurückzufahren; infolge dieser weisen Maßnahme 
hatte nun unser Freund Zeit und Gelegenheit, das große 
Werk der Versöhnung der beiden erbitterten Gegne 
rinnen von Minute zu Minute zu fördern. Er tat dies 
nicht nur mittelst seiner berühmten Überredungskunst, 
sondern auch mit anderen, mehr handgreiflichen 
Mitteln, welche ihm gestatteten, die persönlichen Reize 
seiner eng an ihn geschmiegten Mitreisenden zu be 
wundern und miteinander zu vergleichen. Auf der 
anderen Seite war jede der beiden Frauen vernünftig 
genug, um zu begreifen, daß in der Liebe geteilte Freude 
zwar halbe Freude sei, daß es aber immer noch besser 
sei, geduldig zuzusehen, als gar nichts zu haben, be 
sonders wenn man nach dem braven Abwarten für 
seine Toleranz ergiebig entschädigt wurde. 
Bald war die Freundschaft unter den drei Wagen 
insassen so innig geworden, daß jeder nur das Glück 
des anderen im Auge hatte, und daß man ganz ent 
täuscht und betrübt war, als der Wagen, den der 
Kutscher immer weitere Umwege um die Hauptstadt 
hatte machen lassen, endlich wieder an einer ver 
schwiegenen Pforte des Palais Royal hielt, wo beide 
Damen aussteigen mußten. Richelieu mußte ihnen ver 
sprechen, sie bald wieder beide zusammen in seinem 
Landhause zu empfangen und er verabschiedete sie mit 
den lachenden Worten: „Für heute müssen Sie aus 
steigen, meine Angebeteten; mein Wagen hat Ihret 
wegen schon ganz tolle Umwege beschrieben, und meine 
armen Pferde können kaum noch weiter.“ 
Damit schlug er den Kutschenschlag hinter den beiden 
versöhnten Feindinnen zu und befahl seinem Kutscher, 
auf dem schnellsten Wege nach Hause zu fahren, da 
er einen mordsmäßigen Hunger und Durst verspüre, 
indem er sich bei der Wagenfahrt sehr ausgegeben hatte. 
Im übrigen wollte er sich drei Stunden später mit einer 
Komödiantin von kräftiger Statur treffen. Und so etwas 
verlangt immer vorher Ruhe und im gegebenen Augen 
blick seelische und körperliche Konzentration.
        
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