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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 2? 
Nr. 2/ 
Zwischen <ztuci Feuertv 
J A N K O 
W er gern und viel Abenteuer auf dem holden 
Gebiete der Frau Venus erleben will, der muß 
- davon zeugt die galante Geschichte aller 
weiten — vor allem zwei Eigenschaften besitzen; 
Kaltblütigkeit und ein ausgezeichnetes Gedächtnis. 
Herzog Louis Francois Armand Duplessis von 
Richelieu, der am 13. März 1696 geborene Großneffe des 
mit der Geschichte der französischen Könige so eng 
verknüpften Kardinals gleichen Namens, war ein Aben 
teurer auf dem Gebiete der Liebe, wie man sie ganz 
selten findet. Er war ein ausgesprochener Liebling der 
Frauen, und da zur damaligen Zeit die Damen der 
guten Gesellschaft, insbesondere auch die der höfischen 
Kreise, einem oder mehreren Liebesabenteuern durch 
aus nicht abhold waren, so begegnete die amoureuse 
Abenteuerlust Richelieus fast niemals irgendwelchen 
Schwierigkeiten. Im Gegenteil; sein Bedarf an ge 
eigneten holden Objekten seiner Leidenschaft war 
stets voll gedeckt, mitunter sogar, um einen modernen 
Ausdruck zu gebrauchen, direkt „überzeichnet“. 
So kam es mehr als einmal vor,, daß der Herzog 
gleichzeitig mit mehreren Damen seiner Bekanntschaft 
in vertraulichen Beziehungen stand; da er mit eifer 
süchtigen Ehemännern, Liebhabern, die er entthront 
hatte usw. schon des öfteren unangenehme Erfahrungen 
gemacht hatte, so zog er es vor, die Damen, welche ihm 
ihre Gunst schenken wollten, nicht nach seiner Pariser 
Stadtwohnung kommen zu lassen, sondern in ein kleines 
Landhaus außerhalb der Mauern der Hauptstadt, das 
er ganz als Liebesnest eingerichtet hatte, und das so ab 
seits und verschwiegen lag, daß nur er und die ihn be 
suchende Dame, sowie der Kutscher, der die Schöne in 
einer eigens zu diesem Zweck von Richelieu ange 
schafften Chaise dorthin bringen mußte, von der ganzen 
Angelegenheit etwas wußten. 
In diesem entzückenden Liebestempel pflegte ihn 
regelmäßig Madame de Guesbriant, die Gattin eines am 
Hofe des Königs hochangesehenen Mannes zu be 
suchen. Zur gleichen Zeit aber unterhielt Richelieu 
intime Beziehungen zu der reizenden Frau von Sabran, 
die ebenfalls infolge der hohen Stellung ihres Gemahls 
in der Pariser Gesellschaft und am Hofe von Versailles 
allgemeine Achtung genoß. 
Nun ereignete es sich eines Tages während dieser für 
Richelieu so abwechslungsreichen Epoche, daß der 
Herzog seinen Kutscher an einem Nachmittage, wo 
programmäßig der Besuch der Madame de Guesbriant 
vorgesehen war, aus Vergeßlichkeit der Exau von Sabran 
schickte, die er vorher durch ein paar glühende Liebes- 
worte an oft verlebte süße Stunden erinnern ließ. 
Der Kutscher, der, weil er verschwiegen wie das Grab 
sein mußte, sich jedes selbständige Denken abgewöhnt 
hatte, zeigte keinerlei Erstaunen, als im Hofe des Palais 
Royal, von wo er Madame de Guesbriant abholen sollte, 
statt dieser eine andere, nämlich Frau von Sabran in 
den Liebeswagen des Herzogs einstieg. Um so er 
staunlicher war Richelieu, als er in ungeduldiger Er 
wartung den Wagenschlag vor seinem Liebesneste 
öffnete und aus der Kutsche statt der Erwarteten, die 
andere Freundin aussteigen sah. In diesem Augenblick 
freilich fiel es wie Schuppen von den Augen unseres 
Helden, und er erinnerte sich daran, daß er für diesen 
Nachmittag, bevor er noch Madame de Guisbriant zu 
sich gebeten, die gleiche Verabredung mit Frau von 
Sabran getroffen hatte. 
Was sollte unser Held nun beginnen? Sollte er die 
reizende junge Frau ungetröstet und enttäuscht wieder 
fortschicken, nur um der ungewissen Hoffnung willen, 
daß die andere Freundin ihn möglicherweise besuchen 
würde? Im Grunde glaubte er gar nicht an den Be 
such der anderen, da diese doch vergeblich auf den ihr 
versprochenen Wagen gewartet, und dann sicherlich ihr 
Vorhaben aufgegeben haben würde. 
So zog er denn Frau von Guesbriant mit glühenden 
Gebärden in sein Haus, und bald hatte ihm die lebens 
sprühende Gegenwart dieser Schönen die Abwesenheit 
der an ihrer Stelle Erwarteten völlig vergessen lassen. 
Während die beiden aber schier unersättlich das süße 
Spiel der Frau Venus erneuerten, rollte vor dem Land 
hause ein Wagen vor, dem eine tiefverschleierte Frau 
entstieg. Es war Madame de Sabran, die sich durch das 
Ausbleiben des herzoglichen Wagens nicht hatte zu 
rückhalten lassen, sondern in ungeduldiger Erwartung 
der ihr für diesen Nachmittag in Aussicht stehenden 
Liebesfreuden sich eine Mietskutsche genommen hatte 
und nun an der Schwelle des Hauses ihres Freundes 
stehend, ungeduldig Einlaß begehrte, indem sie heftig 
an der Hausglocke zog. 
Richelieu selbst öffnete der Einlaß Begehrenden die 
Tür und bat sie, in einem Vorzimmer einen Augen 
blick zu warten; dann kehrte er wieder zu Madame de 
Guesbriant zurück und eröffnete dieser mit entschul 
digenden Worten, daß der Wagen, der sie heute hierher 
gebracht hätte, nicht für sie, sondern für eine andere 
bestimmt gewesen wäre. Doch mit den großen Damen 
ist ebenso wenig gut Kirschen essen wie mit den großen 
Herren. Diese Erfahrung mußte Richelieu in dieser 
Stunde machen; denn Madame de Guesbriant erklärte 
kategorisch, sie dächte gar nicht daran, sich von irgend 
einer Nebenbuhlerin um die weiteren süßen Stunden 
bringen zu lassen, die ihrer — sie kannte den Herzog 
augenscheinlich recht genau — hier noch warteten. 
Unser Held bat und beschwor die eigensinnige 
Schöne, und da diese allen seinen Bitten gegenüber un 
zugänglich blieb, so griff der Herzog, eigentlich ganz 
gegen seinen Willen und seine Gewohnheit, zu einem 
Gewaltmittel: er erklärte der aufgeregten Frau, daß er 
von dem Augenblicke an, wo sie es wagen würde, ihrer 
Nebenbuhlerin in seinem eigenen Hause einen Skandal 
zu machen, er die zärtlichen Briefe, die er von ihrer 
Hand besäße, einfach der Öffentlichkeit preisgeben 
würde. 
Diese unritterliche, aber von der Not der Stunde 
diktierte Drohung beruhigte das erbitterte Frauchen 
dann auch so weit, daß sie mit den Worten: „Sie sind 
ein Schurke, Herr Herzog“, ihren Liebhaber entließ, 
der nun die schon ungeduldig wartende Frau von Sabran 
in das Nebenzimmer eintreteri ließ. 
Dort machte der galante, immer zu den Freuden 
irdischer Glückseligkeit aufgelegte Richelieu nicht viel 
Federlesens, sondern ließ die neu angekommene an den
        
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