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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 27 
Jaßrg. 27 
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H. . W. . B 
TTenscits der Säulen des Herakles Hegt ein Land, über das 
I einst Neptuns Ahnfrau Klito herrschte und später jenes 
I wundersam stolze Weib, das der siegreichen Römer gött- 
9 liehe Feldherren durch die Schönheit ihres Leibes überwand 
' und — vom trügerischen Glück verlassen — der Nattern 
Gift schmachvollem Tode vorzog. Heute sind wilde, sehnige 
Reiter die Herren der fruchtbaren Ebenen, die selten nur eines 
Europäers Fuß betritt, sind die braunen, stolzen Gestalten der 
Beduinen, die Könige jenes Wunderlandes, in dessen Palmen- 
gärten schlanke, glutäugige Frauen ruhen und stolze, harte 
Männer Löwen und Antilopen jagen. Die Opfer für Isis und 
Bacchus sind verraucht und des Abends knien die Gläubigen 
auf seidendurchwirkten Teppichen, das Gesicht der heiligen 
Stadt Mekka zugewandt, Südwestlich des hunderttorigen, ur 
alten Thebens wohnt ein Stamm, dessen weiser Häuptling der 
Scheich Iben ben Aki war. Die Männer waren kühne Jäger, 
auf Löwen wie auf feiste Kaufleute, deren Ruhesitz fast aus« 
schließlich der Sattel ihrer windschnellen Pferde war, Die 
Frauen und Mädchen aber waren Schönheiten, die begehrt 
waren von allen Stämmen im Umkreis. Das schönste Weib 
aber war Fatme, die Geliebte Akis. 
Ein Mann aber war im Stamme, dessen Blut nach jener 
Fatme schrie und dessen wilder Sinn nach dem ersten Platze 
im Stamme Verlangte. Ali ben Illaha war leidenschaftlich, er 
verachtete die Jagd, wenn nicht Löwen erlegt wurden und trieb 
den Stamm dazu, grausamer und beutegieriger die Karawanen 
zu überfallen, Aki war mit seinen Reitern tief in die große Wüste 
geritten, um neuen Jagdruhm und neue Löwenfelle mit zurück 
in sein Zelt zu bringen. 
Und während der Scheich mit einigen Getreuen zu der Quelle 
schlich, wo die Löwen des Abends zur Tränke kamen, beriet 
sich der wilde Ali mit seinen Freunden, wie der Scheich un= 
schädlich gemacht werden könne. 
Dann schlichen die Männer den Stammesbrüdern nach und 
gerade, als der Wüstenkönig brüllend die Menschen witterte, 
krachten zwanzig lange Beduinenflinten. Und die zwanzig Ge 
treuen des Scheichs lagen blutüberströmt im Sand. Aki 
richtete sich hoch auf und stand stolz dem finsteren ÄH gegen 
über, „Nimm deinen Dolch und laß uns um die Herrschaft 
im Stamme kämpfen", sagte Aki ruhig, „Deine Brüder hättest 
du nicht zu morden brauchen". 
„Der Stamm braucht einen tapferen Führer", antwortete AH 
finster, „Weisheit und Weichheit ernähren unsere Weiber nicht . 
Und er zog seinen blinkenden Dolch und sprang auf Aki zu. 
Doch gewand wich der alte Scheich aus und umfaßte im nächsten 
Augenblick seinen Feind mit starken Armen. Lautlos rangen 
die Kämpfer. AH fühlte, wie des Scheichs kraftvolle Arme 
ihm den Atem abpreßten, wie eine sehnige Hand langsam seine 
Kehle suchte, wie nervige Finger sich um seinen Hals legten, 
wie todbringende Nattern, wie sie sich fester und fester zu- 
sammenkrampften. Seine Glieder wurden matt und schwach, 
die kraftlosen Finger ließen den Dolch fallen, die Augen traten 
aus ihren Höhlen. Unbeweglich, mit kalten, strengen Zügen 
stand der Scheich auf dem lockeren Wüstensand. Mit unheim 
licher Kraft umschlossen seine Finger die Kehle des Gegners. 
Der sah ein, daß nur noch ein letzter, verzweifelter Versuch 
ihn davor retten könne, daß er erwürgt werde wie ein räudiger 
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Hund. Und er hob seinen Fuß und stieß ihn mit seiner letzten 
Kraft gegen die Knie des Scheichs. Schwer fiel Aki zu Boden. 
Sein Gegner kniete auf ihm und im Nu war der Scheich ge 
knebelt und gefesselt- 
„Ich beschmutze meinen Dolch nicht mit deinem Blute", lachte 
ÄH wild auf, „der Löwe mag dich töten," 
Und er setzte sich den grünen Turban des Besiegten auf und 
schwang sich hohnlachcnd aufs Pferd. 
Als die Sterne am nachtblauen Himmel funkelten, trat AH 
ben Illaha als Scheich in Fatmes Zelt. 
Schmeichelnd legten sich weiche, volle Arme um seinen Hals 
und in seligem Taumel fühlte der falsche Scheich das so heiß- 
begehrte, junge Weib an seinem zitternden Leibe. In wilder 
Leidenschaft riß er dem schlanken Weibe die leichten Gewänder 
ab. Mit trunkenen Augen sah er den braunen Leib, der tausend 
süße und geheime Reize besaß und so liebevoll, so glückselig 
erschauernd vor ihm lag. Er sah die dralle feste Brust, den 
feinen Hals und küßte begehrend die üppigen Schenkel. 
Aber da stieß die schöne Fatme mit einem leisen Aufschrei 
den stürmischen Bewerber entsetzt von sich. 
„Du bist AH und nicht Aki! Wo ist der Scheich?" 
„Der Scheich bin ich", antwortete Ali stolz, „und du bist des 
Scheichs Dienerin." 
„Nie!" stieß das Mädchen zitternd hervor. In ihren Augen 
glühte unbändiger Haß. Ihr schlanker Leib zitterte in verhal 
tener Erregung. 
„Auf deinen Geliebten kannst du warten", lachte ÄH auf, 
der liegt gefesselt im Sand der Wüste und wartet, bis eine 
Hyäne ihn von den Qualen des Hungers und Durstes erlöst." 
„Ich hasse dich, Mörder!" schrie das Mädchen wild auf. Sie 
duckte sich wie eine Katze an die Zeltwand. 
„Schöne Fatme", höhnte begehrlich der wilde Reiter, „ich 
verlange nach dir. Seit Monden habe ich mein Blut zum 
Schweigen zwingen müssen, seit Ewigkeiten habe ich mich ein 
sam in qualvoller Sehnsucht auf meinem Lager gewälzt. Nun 
ich dich besitze, soll ich auf dich verzichten?" 
Mit schnellen Schritten ging er auf die langsam Zurück- 
weichende zu. 
Das Mädchen aber stieß ihn wild von sich. Als seine Hand 
in kecker Lüsternheit ihre Brust berührte, biß Fatme in seine 
Finger, Zornig brüllte AH auf und warf das junge Weib roh 
zu Boden. Mit ihrer letzten Kraft versuchte Fatme, den An 
greifer abzuschütteln. Aber sie mußte einsehen, daß sie der 
brutalen Gewalt des Mannes nicht gewachsen war. Wild und 
begehrlich kämpfte der Mann, das widerstrebende Weib zu be 
sitzen. In ohnmächtiger Verzweiflung wehrte sich das schöne 
Weib. Da, als gerade AH seine Finger um Fatmes Kehle 
legte, ergriff das beleidigte Mädchen den Dolch, der von Alis 
Gürtel hing. Und mit ihrer letzten Kraft stieß sie das blinkende 
Eisen tief in des rohen Mannes Kehle. Ein dicker Blutstrahl 
bespritzte ihren zarten Busen, dann sprang sic auf, eilte aus 
dem Zelt und rief die Männer des Stammes zusammen. An 
ihrer Spitze ritt sie in toller Jagd in die Wüste, den geliebten 
Herrn zu suchen. Und sie fand ihn, durchschnitt seine Fesseln 
und ritt vor ihm auf seinem Pferde, von allen umjubelt, ins 
Lager zurück, einer süßen, selig-berauschenden Liebesnacht 
entgegen.
        
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