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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Ni-, 27 
Jatirg. 27 
11 
„Woher?“ 
„Vom Stamm.“ 
„Von welchem Stamm?“ 
„Von meinem Stamm.“ 
„Warum bist du weggegangen?“ 
Als sie sah, daß ich sie nicht schlug, schöpfte sie 
Mut und antwortete leise: „Ich mußte ich 
mußte. Ich konnte nicht mehr in diesem Hause leben.“ 
Ich erblickte Tränen in ihren Augen und mir wurde 
ganz dumm weich zu Mute. Ich bückte mich zu ihr 
herab und als ich mich umdrehte, um mich zu setzen, 
sah ich Mohammed, der uns beobachtete. 
Dann sagte ich mit weicher Stimme: „Nun, gestehe 
mir, warum bist du weggegangen?“ 
Sie erzählte mir, daß der unwiderstehliche Drang zu 
den Zelten ihres Stammes ihr seit lange schon keine 
Ruhe mehr gelassen hätte. Sie wollte im Sand schlafen, 
rennen, sich wälzen, mit den Herden umherwandern, 
von Ebene zu Ebene, über ihrem Kopf zwischen den 
gelben Sternen des Firmaments und den blauen Sternen 
ihres Gesichtes nur die dünne, abgebrauchte, geflickte 
Leinwand des Zeltes fühlen, durch welche man in den 
wachen Nächten die Sterne wie Feuerpunkte schaue. 
Das alles erklärte sie mir in ihren naiven, aber doch 
treffenden Ausdrücken, daß ich sogleich fühlte, sie 
sage diesmal nicht die Unwahrheit. Ich hatte großes 
Mitleid mit ihr. 
„Warum hast du mir nicht gesagt, daß du für einige 
Zeit wegzugehen wünschtest?“ 
„Weil du nicht gewollt hättest.“ 
„Wenn du mir versprochen hättest zurückzukommen, 
ich hätte es dir erlaubt.“ 
„Du würdest mir nicht geglaubt haben.“ 
Da sie sah, daß ich nicht erzürnt war, lachte sie und 
sagte: „Du siehst — es ist vorbei — ich bin zurück 
gekommen — zu dir. Ich mußte nur einige Tage dort 
hin. Jetzt habe ich genug — es ist vergangen — ich bin 
geheilt. — Ich bin zurück, daheim. — Mir ist wohl. Ich 
bin sehr zufrieden. — Du bist kein Böser.“ 
„Komm ins Haus!“ befahl ich. 
Sie erhob sich. Ich nahm sie bei der Hand, einer 
feinen Hand mit dünnen Fingern 
und sie schritt stolz und trium 
phierend in ihren Lumpen an meiner 
Seite, dem Hause zu, in dem Mo 
hammed auf uns wartete. Ihre 
Spangen und Ketten klirrten leise. 
Bevor sie die Schwelle betrat, 
sagte ich zu ihr: 
„Allouma, jedesmal, wenn du Lust 
verspürst zu den Deinen zu gehen, 
sag es mir. Ich werde dich beur 
lauben.“ 
Sie wiederholte mißtrauisch; 
„Wirst du es?“ 
„Ja, ich verspreche es dir. 
„Und ich verspreche dir auch, 
wenn ich Heimweh haben werde“ 
— und dabei legte sie mit einer 
großen Gebärde beide Hände an die 
Stirn — „werde ich dir sagen: ,Ich 
muß dort hingehen!* und du wirst 
mich gehen lassen.“ 
Ich begleitete sie zu ihrer Stube. 
Mohammed trug hinter uns Wasser, 
denn man hatte die Frau von Abdel- 
Kader-el-Hadara noch nicht be 
nachrichtigen können, daß ihre 
Herrin zurückgekommen war. 
Allouma trat ein und lief freudig 
zum Spiegel wie zu einer wiederge 
fundenen Mutter. Sie sah ihr Bild 
einige Augenblicke an, warf die 
Lippen schmollend auf und sagte 
etwas gekränkt zum Spiegel: Nun stand ich di 
„Warte, ich habe seidene Kleider iili Schrank. Gleich 
werde ich schön sein.“ 
Ich ließ sie allein mit sich selbst kokettieren. 
Unser Leben fing wieder von neuem an wie früher, 
und immer mehr erlag ich dem sonderbaren Reiz dieses 
Mädchens, obwohl ich doch nur ein spöttisch väter 
liches Gefühl für sie empfand. 
Sechs Monate lang ging alles vortrefflich, dann fühlte 
ich, daß sie wieder nervös, unruhig, und traurig wurde. 
Eines Tages sagte ich ihr: „Willst du zu den Deinen 
zurückkehren?“ 
„Ja, ich will!“ 
„Du wagtest es nicht zu sagen?“ 
„Ich wagte es nicht.“ 
„Geh! Ich gestatte es dir.“ 
Sie griff nach meinen Händen und küßte sie, wie sie 
es jedesmal in ihren Dankbarkeitsanwandlungen tat. 
Am Tage darauf war sie verschwunden. 
Wie das erste Mal kam sie nach ungefähr drei 
Wochen zurück, zerlumpt, gebräunt von Staub und 
Sonne, müde und satt von Freiheit und Wanderleben. 
Und so verschwand sie vier Mal im Laufe von zwei 
Jahren. Jedesmal nahm ich sie mit Freuden wieder auf, 
ohne Eifersucht, denn Eifersucht kann nur aus der 
großen Liebe kommen, wie wir sie kennen. Gewiß, ich 
hätte sie töten können, wenn ich sie bei einer Untreue 
ertappt hätte. Wie man einen widerspenstigen Hund 
tötet, im Affekt, ohne diese verzehrenden Qualen der 
schrecklichen Eifersucht des Nordens empfunden zu 
haben. Ich liebte sie, aber nur wie man ein seltenes, 
prachtvolles Tier liebt, sei es Hund oder Pferd, das 
man nur schwer ersetzen kann. Es war in der Tat ein 
prachtvolles Tier, ein Freudentier das einen Frauen 
körper hatte. 
Ich kann nicht sagen, welche abgrundtiefe Weiten 
unsere Seelen trenn 
ten, obwohl unsere 
Herzen in gewissen 
Momenten sich an 
einander erwärmt 
haben mochten. Sie 
vor ihr und betrachtete mit Staunen die Lumpen, die sie bedeckten ...
        
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