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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 2 7 
Nr. 27 
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in ihrer Verzweiflung; schließlich schickte ich sie fort, 
damit sie auf ihrem Zimmer allein schliefe. 
Eine Stunde später, ich war im Begriff mich schlafen 
zu legen, klopfte es leise an meine Tür, so leise, daß 
man es kaum hörte. 
„Herein!“ rief ich, und Allouma trat ein, beladen 
mit einem Tablett voll von arabischen Leckereien, von 
gezuckerten, gebratenen, gedämpften Kroketts, eine 
ganz bizarre Nomaden-Pastetenbäckerei. 
Sie lächelte und ließ all ihre schönen weißen Zähne 
sehen: „Wir werden zusammen Ramadan feiern.“ 
Sie wissen, daß das Fasten mit Sonnenaufgang an 
fängt und abends bei fortschreitender Dunkelheit auf 
hört, und zwar in dem Augenblick, wenn man einen 
weißen von einem schwarzen Faden nicht mehr unter 
scheiden kann. Dann folgt ein intimes Beisammensein, 
es wird erzählt und schnabuliert bis der Morgen 
dämmert, so daß die weniger Frommen einfach aus der 
Nacht den Tag machen. Allouma befolgte aber strenger 
die Riten. Sie stellte ihr Tablett zwischen uns beiden 
auf den Diwan, nahm mit ihren dünnen langen Fingern 
ein kleines, mit Zucker bestreutes Krokett und sagte, 
indem sie es mir in den Mund schob; „Es ist gut, iß!“ 
Ich knabberte diesen in der Tat vorzüglichen Bissen 
und fragte: „Hast du alles selbst gebacken?“ 
„Ja.“ 
„Für mich?“ 
„Ja, für dich.“ 
„Damit ich den Ramadan besser ertragen kann?“ 
„Ja, sei nicht böse. Ich werde dir jeden Tag Kuchen 
und Süßigkeiten bringen.“ 
Ach, es war der fürchterlichste Monat, den ich ver 
brachte. Ein Monat voll Süßigkeiten, Niedlichkeiten, 
voll Versuchungen und Zorn und vergeblichen An 
strengungen, um einen unbeugsamen Widerstand zu 
uberwinden. 
Endlich kamen die drei Tage des Beirams; ich feierte 
sie nach meiner Art und der Ramadan War vergessen. 
Der Sommer verstrich, er war sehr heiß gewesen. In 
den ersten Herbsttagen schien mir Allouma nachdenk 
lich, zerstreut und lustlos. 
Eines Abends ließ ich sie rufen. 
Man fand sie nicht auf ihrem Zim 
mer. Ich dachte, sie sei in der Nähe 
spazieren gegangen und ließ sie 
suchen. Sie war überhaupt nicht 
zurückgekommen. 
Ich öffnete das Fenster und rief: 
„Mohammed!“ 
Ich hörte die Stimme des Mannes 
unter seinem Zelt antworten: „Ja, 
Monsieur.“ 
„Wo ist Allouma? Weißt du es?“ 
„Nein, Monsieur. — Nicht mög 
lich. — Allouma verloren?“ 
Einige Sekunden darauf trat der 
Araber in mein Zimmer ein und 
war so aufgeregt, daß er sich nicht 
bemeistern konnte. Er fragte; 
„Allouma verloren?“ 
„Ja, Allouma verloren!“ 
„Nicht möglich!“ 
„Such, sagte ich.“ 
Er blieb stehen, dachte nach, be 
griff nicht. Dann ging er in die 
Stube von Allouma. All ihre Kleider 
lagen umher. Er betrachtete alles 
wie ein Polizist, oder vielmehr be 
schnüffelte alles wie ein Hund, 
dann, unfähig lange nachzudenken, 
murmelte er resigniert: 
„Weg er ist weg.“ 
Ich fürchtete, ihr könnte etwas 
zugestoßen sein, vielleicht habe sie 
sich den Fuß verrenkt und liege nun 
in einer tiefen entlegenen Schlucht. 
Alle Männer des Lagers bot ich auf, um nach Allouma 
zu fahnden. 
Man suchte die ganze Nacht, den anderen Tag, eine 
ganze Woche. Man fand keine Spur. Ich litt, sie fehlte 
mir, mein Haus schien leer, mein Leben verwaist. Ich 
fürchtete, man habe sie entführt, vielleicht ermordet. 
Aber wenn ich Mohammed meine Befürchtungen mit 
teilte, antwortete er beständig: „Nein, — weg.“ 
Dann fügte er das arabische Wort „r’ezale“, das 
Gazelle bedeutet, um auszudrücken, sie liefe schnell 
und sei schon weit fort. 
Drei Wochen vergingen, und ich hoffte nicht mehr, 
meine braune Geliebte je wieder zu sehen. Aber eines 
Morgens trat Mohammed mit einem vor Freude glän 
zenden Gesicht zu mir ins Zimmer: „Monsieur, — 
Allouma, er ist zurück!“ 
Ich sprang vom Bett auf und fragte: „Wo ist sie?“ 
„Wagte nicht kommen. — — Dort, unter dem 
Baum!“ 
Mit ausgestrecktem Arm zeigte er durch das Fenster 
auf einen weißen Punkt am Fuße eines Olivenbaumes. 
Ich ging hinaus und als ich einem Bündel, das gegen 
den krummen Stamm hingeworfen zu sein schien, nahe 
gekommen war, erkannte ich die großen, dunklen 
Augen, die tätowierten Sterne, die langen und regel 
mäßigen Züge des wilden Mädchens, das mich ver 
führt hatte. Beim Herannahen überfiel mich ein namen 
loser Zorn, eine Lust zu schlagen, weh zu tun, mich zu 
rächen. 
Von weitem schrie ich: „Wo kommst du her?“ 
Sie antwortete nicht, blieb unbeweglich, regungslos, 
als ob das Leben in ihr erstorben war. Sie fürchtete 
meine Gewalttätigkeiten, glaubte, ich würde sie prügeln. 
Nun stand ich dicht vor ihr und betrachtete mit 
Staunen die Lumpen, die sie bedeckten, Fetzen von 
Seide und Wolle, grau von Staub, zerrissen, zer 
schlissen. 
Ich wiederholte mit erhobener Hand, wie über einem 
Hund: „Wo kommst du her?“ 
Sie murmelte: „Von dort.“
        
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