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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr 27 
Ja arg. 27 
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9 
Eine Stunde später war meine schöne Araberin in 
einem großen, hellen Zimmer untergebracht. Als ich ein 
wenig später kam, um nachzusehen, ob auch alles in 
Ordnung war, bat sie mich flehendlich, ihr einen Spiegel 
schrank zu schenken. Ich versprach es ihr. Die Alte 
war inzwischen gekommen. Allouma kauerte auf einem 
Teppich aus Djebel-Amour, eine Zigarette im Munde, 
mit ihrer neuen Dienerin schwatzend, als wären es alte 
Bekannte. Leise schlich ich mich aus dem Zimmer. 
durch die immer geöffnete Tür und sah eine Frau, die 
vor den Reliquien betete. 
Ein reizendes Bild bot diese Araberin dar, die in dem 
öden Raum, in den der Wind in die Ecken Haufen 
von trockenen Tannennadeln gefegt hatte, ihre Ge 
bete verrichtete. Ich trat näher, um besser zu sehen 
und erkannte Allouma. Sie sah mich nicht, hörte mich 
nicht, sie war ganz in der Anbetung des Heiligen ver 
sunken. 
II. 
Einen ganzen Monat hindurch lebte ich sehr glücklich 
mit ihr. Ich fühlte mich seltsam hingezogen zu diesem 
Geschöpf, das zwar einer 
anderen Rasse angehörte, 
aber doch auf einem ande 
ren Planet geboren zu sein 
schien. — 
Ich fragte mich oft, ob ich 
Allouma liebte. Aber, die 
Mädchen dieser wilden Ge 
gend liebt man nicht. Zwi 
schen uns und ihnen, ja, 
sogar zwischen ihnen und 
den Männern ihrer Rasse, 
blüht nicht die träumerische 
Liebe der nordischen Län 
der. Sie sind auf einer noch 
zu niedrigen Stufe der 
Menschheit geblieben, ihr 
Herz ist zu primitiv, ihre 
Empfindungen zu wenig 
differenziert, um in unseren 
Seelen die sentimenlale Re 
gung zu wecken, die die 
Poesie der Liebe ist. Kein 
Rausch der Gedanken ver 
mischt sich dem Sinnen 
rausch, den diese ent 
zückenden, aber doch so 
nichtigen Wesen in uns ent 
fachen. 
Ich ließ ihr volle Freiheit. 
Gern verbrachte sie die 
Nachmittage in dem be 
nachbarten Lager mit den 
Frauen meiner arabischen 
Arbeiter. Sie blieb aber auch 
Nachmittage lang vor dem 
Spiegelschrank, den ich für 
sie in Milianah gekauft 
hatte. Sie konnte sich uner 
müdlich bewundern; sie 
stand dann vor dem großen 
Spiegel und verfolgte mit 
tiefem Ernst das Spiel ihrer 
Bewegungen; sie ging den Kopf ein wenig nach hinten 
geneigt, um ihre Hüfte, ihren Rücken betrachten zu 
können. 
Bald merkte ich, daß sie schon vor dem Frühstück 
hinausging und bis zum Abend verschwand. 
Ich war darüber etwas beunruhigt und fragte Moham 
med, was sie wohl während dieser langen Abwesen 
heit triebe. Er antwortete gelassen: „Beunruhige dich 
nicht. Bald kommt der Ramadan. Sie wird ihre Gebete 
verrichten.“ 
Auch er schien sichtlich erfreut zu sein, daß Allouma 
unter meinem Dach blieb, aber niemals bemerkte ich 
zwischen beiden irgend ein Zeichen, das meinen Arg 
wohn hätte wecken können, niemals schienen sie etwas 
vor mir verbergen zu wollen. Ich nahm also die Lage 
wie sie war, ohne sie ganz zu begreifen, und überließ 
der Zeit, dem Zufall, dem Leben ihr Spiel. 
Eines Abends, als ich zufällig in die Nähe einer 
mohammedanischen Kapelle kam, warf ich einen Blick 
,.. saß ein Mädchen, das auf mich zu warten schien 
Sie sprach zu ihm, halblaut, sie wähnte sich ganz 
allein, und erzählte dem Diener Gottes all’ ihre Sorgen. 
Manchmal hielt sie inne, als überlegte sie, was sie ihm 
noch zu sagen hätte. Dann wurde sie wieder lebhafter, 
als ob sie Antwort be 
kommen hätte und man ihr 
Dinge zumutete, die sie 
nicht tun vollte und mit 
triftigen Gründen ab 
wehrte. 
Ich entfernte mich leise, 
wie ich gekommen, und 
kehrte nach Hause zurück. 
Am Abend ließ ich sie 
kommen. Sie kam mit einer 
bei ihr ungewohnten sorgen 
vollen Miene. 
„Setz dich hier hin“, sagte 
ich ihr“, indem ich auf den 
Platz neben mir auf dem 
Diwan zeigte. 
Sie setzte sich und als ich 
mich zu ihr neigte, um sie 
zu küssen, prallte sie zurück 
mit einer heftigen Gebärde. 
Ganz erstaunt fragte ich: 
„Nun, was ist?“ 
„Wir haben Ramadan“, 
antwortete sie. 
Ich fing an zu lachen. 
„Und dein Heiliger hat 
dir verboten, während des 
Ramadans, dich küssen zu 
lassen?“ 
„Ja, ich bin eine Araberin 
und du ein Roumi.“ 
„Das würde wohl eine 
große Sünde sein?“ 
„Oh, ja!“ 
„Du hast also auch nichts 
gegessen den ganzen Tag, 
bis zum Sonnenuntergang?“ 
„Nein, nichts.“ 
„Aber nach Sonnenunter 
gang hast du gegessen?“ 
„Ja.“ 
„Nun, da es Nacht ist, kannst du auch, was das 
übrige anbelangt nicht strenger sein.“ — 
Sie schien verletzt und antwortete mit einem stolzen 
Ton, den ich an ihr nicht kannte; „Wenn ein arabisches 
Mädchen sich während des Ramadans von einem 
Roumi berühren läßt, dann ist es für ewig verdammt.“ 
„Und das soll einen ganzen Monat dauern?“ 
„Ja, den ganzen Ramadanmonat.“ 
Ich setzte eine erzürnte Miene auf und sagte: „Nun 
gut, pack dich, den Ramadan kannst du bei deiner 
Familie verbringen.“ 
Sie nahm meine beiden Hände und legte sie auf ihr 
Herz. 
„Ich bitte dich, sei nicht böse. Ich werde so nett zu 
dir sein. Wir werden zusammen Ramadan feiern. Willst 
du? Ich werde dich pflegen, dir jeden Wunsch von den 
Augen ablesen, aber sei nur nicht böse.“ 
Ich mußte unwillkürlich lächeln, so drollig war sie
        
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