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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jakrg. 27 
Nr. 27 
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erhob und ihre nackten Arme, deren Spangen leise 
klirrend zur Schulter zurückglitten, um meinen Nacken 
legte und mich dabei mit einem flehenden, unwider 
stehlichen Blick ansah. 
Aus ihren Augen leuchtete der Wille, mich zu ver 
führen. Sie wissen ja, daß die Begierde, den Mann zu 
besiegen, dem sinnlichen Blick der Frau das Faszi 
nierende des Auges der wilden Tiere verleiht. Diese 
Blicke brachen meinen Widerstand und erfüllten mich 
mit einer unbändigen Begierde, dieses Weib zu be 
sitzen. Kurz, wortlos, unerbittlich, von Auge zu Auge 
war der Kampf, dieser ewige Kampf zwischen den zwei 
menschlichen Bestien, Mann und Weib, in dem der 
Mann immer unterliegt. 
Ihre Hände waren hinter meinem Nacken verschränkt, 
so zog sie mich mit einem leisen, sich verstärkenden, 
unwiderstehlichen Druck zu dem wilden Lächeln ihrer 
roten Lippen, und mit einem jähen Ruck umschlang 
ich diesen fast nackten Leib. Die Spangen klirrten leise 
unter meiner Liebkosung vom Hals bis zu den Füßen. 
Nervig, biegsam und gesund war sie, wie ein Tier. Die 
Bewegungen, die Haltung und sogar ein leiser Duft er 
innerten mich an eine Gazelle. Ihre Küsse hatten einen 
seltenen, unbekannten Geschmack wie von einer 
Tropen-Frucht. 
Es war gegen Morgen, und ich überlegte, ob ich sie 
wegschicken sollte. Ich nahm an, sie würde still fort- 
gehen, genau so, wie sie gekommen war. 
Als sie aber meine Absicht erkannte, sagte sie leise: 
„Wenn du mich verjagst, wo soll ich jetzt hingehen? 
Ich werde in der Nacht auf der Erde schlafen müssen. 
Laß mich auf dem Teppich am Fuße deines Bettes 
schlafen,“ 
„Bleibe hier“, sagte ich „und erzähle mir etwas.“ Mein 
Entschluß war schnell gefaßt. Ich wollte dieses 
Mädchen behalten und es zu einer Sklavin machen, die 
zugleich meine Geliebte ist. In meinem Hause sollte 
sie verborgen leben wie eine Haremsfrau. Wenn ich 
ihrer überdrüssig wäre, würde ich sie fortschicken, denn 
auf afrikanischem Boden gehören uns solche Kreaturen 
mit Leib und Seele. Ich sagte deshalb zu ihr: 
„Ich will gut zu dir sein. Du sollst, es bei mir nicht 
schlecht haben, aber ich will wissen, wer du bist und 
woher du kommst. Sie begriff, daß sie reden mußte 
und erzählte mir ihre Geschichte, oder vielmehr eine 
Geschichte, denn alles, was sie vorbrachte, war sicher 
erlogen von Anfang bis zu Ende. Denn alle Araber 
lügen immer, ob sie einen Grund dazu haben oder 
nicht. Dieser Hang zur Lüge ist einer der merk 
würdigsten und unverständlichsten Charaktereigen 
schaft der Eingeborenen. Nie kann man ihren Reden 
trauen. Verdanken sie diese Eigentümlichkeit ihrer 
Religion? Ich weiß es nicht. Man muß mit diesen 
Leuten gelebt haben, um zu ermessen, wie sehr die Lüge 
ihr Wesen, ihr Herz, ihre Seele durchtränkt. Es ist 
ihnen zur zweiten Natur, zu einer Lebensnotwendigkeit 
geworden. Sie erzählt mir, sie wäre die Tochter eines 
Caid der Ouled sidi Cheik und einer Frau, die er bei 
einer Razzia den Touareg entführt hätte. Diese Frau 
war sicher eine schwarze Sklavin oder jedenfalls die 
erste Kreuzung von arabischem und Negerblut. Es ist 
bekannt, daß die Negerinnen in den Harems wegen 
ihrer aphroditischen Reize sehr geschätzt sind. 
Nichts verriet übrigens an ihr diese Herkunft, als die 
purpurne Farbe der Lippen und die dunklen Beeren der 
länglichen Brüste, die spitz und elastisch sich hoben, als 
ob eine Feder sie schnellte. Diese charakteristischen 
Merkmale konnten einem aufmerksamen Beschauer 
nicht entgehen. Der Rest aber gehörte der schönen, 
schlanken, weißen Rasse des Südens an, deren Gesicht 
nur aus einfachen, geraden Linien besteht. Die sehr 
weit auseinanderstehenden Augen erhöhten noch den 
etwas hieratischen Ausdruck dieser Nomadin der 
Wüste. 
Ich erfuhr nichts genaues über ihre wahre Herkunft. 
Sie erzählte mir zusammenhanglose Episoden, die aus 
ihrem wirren Gedächtnis emporstiegen, alles mit 
kindischen Bemerkungen vermengt, die Vision einer 
Nomadenwelt, dem Hirn eines Eichhörnchens ent 
sprungen, das von Zelt zu Zelt, von Lager zu Lager, 
von Stamm zu Stamm gehüpft war. 
Und das alles wurde mit dem strengen Ausdruck er 
zählt, der diesem Volke eigen ist, und . einem etwas 
komisch wirkenden Ernst. 
Als sie fertig war, merkte ich erst, daß ich von dieser 
langen Geschichte mit all den unbedeutenden Begeben 
heiten, die dieses Vogelgehirn ausfüllten, nichts be 
halten hatte und ich fragte mich, ob sie mich nicht ein 
fach hatte düpieren wollen mit diesem leeren Ge 
schwätz, das mir nichts von ihr und ihrem Lebert 
verriet. 
Ich fragte sie nach ihrem Namen und sie antwortete 
lässig, mit einem verhaltenen Gähnen: 
„Allouma.“ 
Ich erwiderte: „Du willst schlafen?“ 
„Ja“, antwortete sie. 
„Nun gut, schlafe.“ 
Sie streckte sich ruhig bäuchlings neben mir aus, die 
Stirn auf ihren verschränkten Armen. Ich fühlte, wie 
ihre flüchtigen Gedanken entschwebten. 
Warum hatte Mohammed sie wohl zu mir geschickt? 
Hatte er als guter, großmütiger Diener das Opfer so 
weit getrieben, mir das Weib, das er unter sein Zelt 
gelockt hatte, zu schenken oder hatte er einen prak 
tischeren Gedanken verfolgt, indem er in mein Bett 
dieses Mädchen warf, das mein Gefallen erregt hatte? 
Wenn es sich um Frauen handelt . . . 
Alle diese Vermutungen beschäftigten und ermüdeten 
mich so sehr, daß ich leise entschlummerte. 
Das Knarren meiner Tür weckte mich. Mohammed 
trat ein wie jeden Morgen, um mich zu wecken. Er 
öffnete das Fenster, und das hereinflutende Licht fiel 
auf den Körper der neben mir immer noch schlafenden 
Allouma. Mohammed hob vom Boden meine Hosen, 
meine Weste und meine Joppe auf, um sie zu reinigen. 
Er warf keinen einzigen Blick auf die neben mir ruhende 
Frau. Er war ernst wie immer, mit derselben Haltung 
und demselben Gesichtsausdruck. Aber das Licht, das 
leise Geräusch der nackten Füße des Mannes und die 
frische Luft weckten Allouma aus ihrem Schlaf. Sie 
reckte die Arme, drehte sich um, öffnete die Augen 
und sah mich, dann Mohammed an. Mit derselben 
Gleichgültigkeit, dem gleichgültigen Tonfall, der ihr 
eigen war, sagte sie leise: 
„Ich habe Hunger heute.“ 
„Was willst du essen?“ fragte ich, „Kaffee mit Brot 
und Butter?“ 
„Ja.“ 
Mohammed stand neben unserem Lager, meine Klei 
der auf dem Arm und wartete auf meinen Befehl. 
„Bringe das Frühstück für Allouma und für mich.“ 
Er ging hinaus, ohne daß sein Gesicht die leiseste 
Spur von Erstaunen oder Verdruß verriet. 
Als er draußen war, fragte ich die junge Araberin: 
„Willst du in meinem Hause bleiben?“ 
„Ja, gern.“ 
„Ich werde dir ein Zimmer geben für dich allein und 
eine Dienerin.“ 
„Du bist großmütig und ich bin dir dankbar.“ 
„Aber, wenn du dich nicht gut beträgst, werde ich 
dich fortjagen.“ 
„Ich werde tun, was du von mir forderst.“ 
Sie nahm meine Hand und küßte sie, als Zeichen ihres 
Gehorsams. Mohammed trat ein mit dem Frühstücks 
tablett beladen. Ich sagte ihm: Allouma wird in meinem 
Hause wohnen. Du wirst Teppiche in dem Zimmer am 
Ende des Flures ausbreiten und die Frau von Abd-el- 
Nader-el-Hadara kommen lassen, damit sie Allouma 
bedient. 
„Ja, Monsieur.“
        
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