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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr, 27 
Jahrg. 27 
7 
Das erklärt mir 
deinem Zelt 
in 
entfacht, der ich mein Hiersein verdanke. Es war ein 
heißer Julitag, und ich verbrachte fast die ganze Nacht 
an meinem Fenster und starrte sehnsüchtig nach dem 
Zelt Mohammeds. 
Als er am anderen Morgen mein Zimmer betrat, sah 
ich ihm gerade in das Gesicht. Er senkte den Kopf ver 
wirrt wie ein Schuldiger. Ahnte er, was ich wußte? 
Ich fragte ihn plötzlich: 
„Bist du denn verheiratet, Mohammed?“ 
Ich sah, wie er errötete, dann stammelte er; 
„Nein, Monsieur!“ 
Ich zwang ihn französisch zu sprechen und mich im 
Arabischen zu unterweisen und das gab mitunter eine 
merkwürdig gemischte Sprache. Ich fuhr fort: 
„Nun, warum hast du ein Weib bei dir?“ 
Er murmelte: 
„Es ist aus dem Süden.“ — 
„Ah! Sie kommt aus dem Süden, 
aber nicht, warum sie sich jetzt 
befindet?“ 
Ohne meine Frage zu beantworten, sagte er: 
„Es ist sehr hübsch.“ 
„Ah, was! Nun, ein anderes Mal, wenn du e'nen so 
hübschen Besuch aus dem Süden bekommst, laß ihn in 
meinen gourbi eintreten und nicht in den deinen. Ver 
standen?“ 
Er antwortete mit großem Ernst: 
„Ja, Monsieur.“ 
Die Erinnerung an dieses auf dem roten Teppich lang 
hingestreckte arabische Mädchen verfolgte mich den 
ganzen Tag, und als ich am Abend zum Essen zurück 
kehrte, verspürte ich die größte Lust, mich in das Zelt 
von Mohammed zu begeben. Dieser verrichtete seinen 
Dienst an diesem Abend wie immer, und hantierte um 
mich herum mit einem undurchdringlichen Gesicht. 
Mehrmals wollte ich ihn fragen, ob er noch lange 
dieses Mädchen aus dem Süden, das sehr schön war, 
unter seinem Dach aus Kameelhaar behalten würde. 
Gegen neun Uhr, von dem Begehren nach einer Frau 
geplagt, das den Menschen so zusetzt wie das Jagd 
fieber den Hunden, ging ich hinaus, um Luft zu 
schöpfen und um das kegelförmige, braune Zelt, woraus 
Licht schimmerte, zu umschleichen. 
Ich fürchtete aber, von Mohammed in der Nahe seines 
Lagers ertappt zu werden und entfernte mich. 
Als ich nach einer Stunde wieder vorbeikam, sah ich 
deutlich Mohammeds Schatten auf der Zeltleinwand. 
Dann nahm ich aus meiner Tasche meinen Schlüssel, um 
in mein bordj einzukehren, wo mein Inspektor, zwei 
Landarbeiter aus Frankreich und eine alte Köchin, die 
ich in Algier aufgegabelt hatte, schliefen. 
Beim Flinaufgehen nach meinem Zimmer war ich er 
staunt, einen dünnen Lichtstreifen unter meiner Tür zu 
sehen Ich öffnete. Auf einem Stuhl neben dem Tisch, 
auf dem eine Kerze brannte, das Gesicht der Tür zuge 
wandt, saß ein Mädchen mit hieratischen, unbeweg 
lichen Zügen, das auf mich zu warten schien. Es wai 
mit all dem silbernen Geschmeide geschmückt, das 
die Frauen aus dem Süden an Beinen, Armen, aut 
dem Busen und auch auf dem Bauche tragen. Ihre 
Augen, mit Khol unterstrichen, blickten mich 
unverwandt an. Stirn, Wangen, und Kinn 
waren mit vier kleinen, blauen, sternartigen 
Tätowierungen verziert. Ihre Arme, mit 
Spangen beladen, ruhten auf ihren 
Schenkeln, die von einer rotseidenen 
Gebba bedeckt waren, einer Art 
Mantel, der lose um ihre Schul 
tern hing. Als sie mich 
sah, erhob sie sich. So stand 
vor mir, angetan mit ihrem 
wilden Schmuck, in einer Hal 
tung, die gleichzeitig Stolz und 
Ergebung zum Ausdruck brachte. 
„Was machst du hier?“ fragte 
ich auf arabisch. 
„Ich bin hier, weil mir befohlen wurde, zu kommen.“ 
„Wer hat es dir befohlen?“ 
„Mohammed.“ 
„Gut. Setze dich.“ 
Sie setzte sich und schlug die Augen nieder. Ich blieb 
vor ihr stehen und betrachtete sie. 
Ihr Gesicht war sonderbar. Feine, regelmäßige Züge, 
jedoch mit einem etwas tierischen Ausdruck. Die dicken, 
aufgeworfenen, roten Lippen, aber auch noch andere 
Stellen ihres «Körpers verrieten, daß sie ein Mischling 
war und Negerblut in sich hatte. Arme und Flände 
waren jedoch tadellos weiß. 
Ich fühlte mich zu ihr hingezogen, war aber doch ver 
wirrt und überlegte, was ich beginnen sollte. Um Zeit 
und Ruhe zu gewinnen, fragte ich sie aus. Woher sie 
käme, seit wann sie hier wäre, wie sie Mohammed 
kennen gelernt hätte? Sie gab aber nur Auskunft auf 
die Fragen, die mich am wenigsten interessierten, und 
ich konnte nicht erfahren, aus welchem Grunde sie ge 
kommen, was sie damit bezweckte und wer ihr den 
Befehl dazu gegeben hatte. Auch seit wann zwischen 
ihr und meinem Diener Beziehungen beständen und 
welcher Art sie wären, verriet sie mir nicht. Ich wollte 
ihr gerade sagen: „Nun kehre zurück zu Mohammed“, 
als sie, meinen Gedanken wohl erratend, sich plötzlich 
Sie lag hingestreckt auf einem roten Teppich
        
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