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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 27 
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FLO R-IECEL 
onica hatte sich stets dagegen gesträubt, das 
kleine Zimmer an Fremde zu vermieten. Aber 
Tonio hatte gesagt: „Bedenke! Die Aussicht 
auf das weite Tal und den Fluß, die 
Zypressen nebenan, die alte Kirche, die hübsche Trat 
toria in der Nähe — ah, Madonna! Das haben die 
Fremden gern, das gefällt ihnen so. Das wirft ein gutes 
Stück Geld ab.“ Und mit dem Hinweis auf das Geld, 
das die schmutzigen Malepartas unten an der Straße 
durch Vermieten an Fremde einheimsten, hatte Tonio 
es durchgesetzt, daß das kleine Zimmer an einen 
Tedesco vermietet wurde. Er blieb wochenlang und 
zahlte gut. Die Signora Monica brachte ihm jeden 
Morgen den Kaffee hinein, den teuer bezahlten, der 
ein wenig nach Erde schmeckte oder Gott weiß was 
Madonna! ein guter, reiner Kaffee! Ja, den brachte 
sie ihm hinein, nachdem sie, züchtig und ehrbar mit 
ihren fünfundvierzig Jahren, angeklopft, und er Herein! 
gerufen hatte. 
Oh, sie war . eine sehr ehrbare und züchtige Frau, die 
Signora Monica, und hatte tiefe Ehrfurcht vor Kirche 
und Gesetz. Frauenzimmer wie die Simonetta Male- 
parta da unten aus der Spelunke waren ihr ein Greuel. 
Sie wußte, wie die es mit den Fremden trieb, diese 
Tochter des Lüdrians Anibale! — An alle Herren, die 
in dieses schöne Tal kamen, suchte sie sich heran 
zumachen mit schmachtenden Blicken und Blumen 
sträußchen: „Cinque Centesimi, Signore!“ Und dann 
will sie aus der Hand das Schicksal lesen können, und 
was dergleichen Zauberei mehr ist. Ah! Dieses junge 
Weibsvolk! Und wie sie zu gehen verstand, zu tänzeln 
im kurzen Röckchen mit ihren siebzehn Jahren. Ma 
donna — dieser Sündengreuel! 
Nun — eines Morgens klopft die fromme Signora 
Monica bei dem Fremden an, und als er nicht hörte, 
klopft sie noch einmal und noch einmal. Keine Ant 
wort. Sonst war er stets wach und bereit, sie einzu 
lassen. Heute — Totenstille. 
„Tonio! Tonio! So komme doch!“ schreit sie nun. 
„Er antwortet nicht. Tonio — ach, es ist ihm etwas zu 
gestoßen. Geh hinein, Tonio — ich kann es doch nicht 
— geh hinein und sieh selbst nach ihm. Am Ende ist 
er krank oder gar — die Madonna behüte uns! . . . . 
Ach, ich zittere ja am ganzen Leibe Geh hinein, 
Tonio! . . . Du, du hast das Zimmer vermieten wollen. 
Du! Du! Geh jetzt hinein! . . . 
Tonio brummt etwas. Zu erwidern wagt er ja nichts, 
denn die fromme Signora Monica hat eine scharfe 
Zunge und ein hitziges Gemüt. Alsö, er macht die Tür 
auf, geht hinein, macht sie aber gleich wieder hinter 
sich zu. Warum macht er sie gleich hinter sich zu und 
läßt die Signora nicht horchen oder gar hineinspähen? 
Ja — er weiß wohl, warunk . . . Auf dem Kopfkissen 
des Fremden ruht nämlich noch ein Köpfchen. Jawohl! 
Ein schwarzes Lockenköpfchem Und da es eine schwüle 
Nacht war, und die Morgensonne schon heiß herauf 
steigt, so haben sich die beiden nicht recht zugedeckt. 
Und Tonio findet, daß die kleine Simonetta eine rechte 
Heidenschönheit ist, von weißer Haut, wie die sünd 
haften Standbilder im Museo. Aber — er rafft sich 
auf aus seiner trunkenen Versunkenheit in den süßen 
Anblick — was soll er jetzt seiner Monica sagen? Er 
erbleicht bei dem Gedanken, daß sie das in „seinem“ 
Fremdenzimmer entdecken könne. Jetzt klopft sie 
schon. Er deckt die kleine, süße Simonetta schnell zu 
und geht wieder hinaus zur Monica. Sie packt den Er 
bleichten beim Arm — das Wort bleibt ihr im Halse 
stecken. Erst als er traurig nickt — was sollte er denn 
sagen? — da schreit sie auf: „Tot?“ Er nickt wie eine 
Marionette, und sie schreit nochmals: „Tot?“ Dann 
rutscht sie hin auf die Erde und stammelt: „Ach — ach 
—ich hab’s ja gewußt . . . Strafe des Himmels. — Ums 
Geld! Ums Geld! Ach, der Kaffee war ja gut ... so 
gut alles . . . Und nun — Polizei Ach! Ach! Der 
Herr Pfarrer! — Ach, was wird er denken? Du! Du!“ 
fährt sie nun auf, „du, Tonio, du Gierschiunk, du 
bringst uns ins Gefängnis! Man wird uns verhaften 
— Gift! wird man sagen . . . Gift hätten wir . . . Oh!“ 
Sie heult laut auf. 
Tonio blickt ängstlich nach der Tür, ob der Fremde 
durch das Geschrei etwa herbeigelockt würde. Dann 
schiebt er Monica hinaus: „Geh — du wirst mir noch 
krank! Geh, lege dich nieder!“ Er sperrt sie in die 
eigene Kammer. Dann schleicht er zu den beiden 
Schläfern zurück. Sie sind inzwischen erwacht und 
blicken ihn Verstört an. Er legt den Finger auf den 
Mund — Simonetta kriecht unter die Bettdecke — dann 
raunt er dem Fremden zu: „Jetzt bleiben Sie ganz ruhig 
hier liegen mit der da ... Ganz still! Verstehen Sie? Ich 
bringe Sie dann beide hinaus. Verstehen Sie? Ganz 
still! . . . 
Nun geht er wieder zur Monica und sagt zu ihr: 
„Mönchen, mein armes Weib, beruhige dich! Ich gehe 
jetzt zu dem Schäfer Basilio — der ist ja taubstumm 
— und hole eine Bahre. Dann schaffen wir ihn fort — 
verstehst du? — Aber du darfst nicht im Hause allein 
bleiben . . . !“ 
„Nein, nein!“ schreit Monica wieder weinend. „Nicht 
mit dem Toten allein! . . . . “ 
Also sie geht hinaus und stapft ein Stück dem davon 
eilenden Gatten nach. Dann sinkt sie heulend auf die 
Erde nieder. •— 
Nach einer Weile sieht sie Tonio und Basilio eine 
hochbeladene, schwere Bahre fortschleppen, gegen das 
Wäldchen hin, an den Zypressen vorbei. Da denkt sie 
an den Kaffee, der inzwischen gewiß kalt geworden ist 
und kehrt in das Haus zurück und trinkt davon. Es 
wird ihr besser. Aber sie zittert, bis Tonio, schweiß 
gebadet, zurückkehrt. 
„Was habt ihr mit ihm gemacht? Aber die 
Last war ja so hoch, so dick?“
        
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