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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 26 
Jafirg. 27 
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„Keppler hat recht. Das ewige Spiel verblödet ja.“ 
„Blöder als ihr schon seid, kann es euch nicht 
machen!“ 
„Nicht. frech werden, Bender, oder es gibt ’ne 
Keilerei!“ 
„Ich meine es ja nicht böse, Kinder. Seid froh, daß 
euch die Natur mit Geist und Verstand nicht beschwert 
hat. Das Leben ist so bequemer.“ 
„Ob das wohl stimmt, Bender?“ Senta sah Bender 
fragend an. 
„Für die anderen muß es stimmen. Du aber — du 
gehörst auf meine Seite. — Du kannst ja versuchen, 
meinen Ausspruch zu widerlegen.“ 
„Aber nicht heute. Ich möchte mich jetzt davon 
machen, denn was nun kommt, reizt mich nicht. Rolf 
ist schon halb betrunken, in einer halben Stunde wird 
er ps ganz sein. Die anderen werden ihm folgen. Und 
dann kommt die Orgie. Ich habe genug davon.“ 
„Sonst warst du eine von den Tollsten.“ 
„Mir geht es wie Rolf. Ich muß eine Weile fasten, um 
wieder auf den Geschmack zu kommen. Weißt du 
übrigens, wer diese Ninon ist?“ 
„Eine Frau, die auf Abenteuer ausgeht.“ 
„Eine Frau, die sich in der Ehe langweilt und die du 
vorübergehend unterhalten wirst.“ 
Langsam waren sie bis zur Tür gegangen, als Bender 
eine Hand auf die Klinke legte, war Rolf mit einem 
Sprung neben ihnen. 
„Ihr wollt fort? Das gibt es nicht. Hiergeblieben!“ 
„Rolf, diese Wüstenei, die jetzt kommt, ekelt mich 
an. In einer Stunde seid ihr alle betrunken.“ 
„Liebe und Suff — kennst du was Besseres auf der 
Welt?“ 
„Laß uns gehen, Roderich, du hast ja Menschen ge 
nug um dich. Es kann dir doch gleichgültig sein, ob 
wir dabei sind.“ Bender drückte die Klinke nieder. 
„Nein, ich will aber, daß ihr bleibt.“ Ärgerlich 
stampfte er den Boden. „Senta, komm!“ Er packte 
ihren Arm. „Übrigens du — du bist die einzige Frau, 
die nicht in mich verliebt gewesen ist. — Wie kommt 
es, Senta, daß du mich nicht liebst? Eigentlich müßte 
mich das reizen. — Geh, Bender, die Senta bleibt hier. 
„Über mich bestimme ich — mein Lieber. Und ich 
sage dir, daß ich nicht bleibe. Betrinke dich, laß dich 
von deinen Weibern lieben, aber mich laß aus dem 
Spiel,“ 
„Ich will aber, daß du dabei bist. Ich will, daß du 
tanzt und trinkst.“ Eigensinnig beharrte Rolf auf 
seinem Willen. 
„Komm, Bender.“ Senta riß sich von Rolfs packen 
dem Griff los, öffnete die Tür und verschwand. 
Als sie auf der Straße standen, sagte Senta: „So ist 
es jedes Mal, wenn er trinkt. Erst wird er streit 
süchtig, dann eigensinnig und dann kommen die Weiber 
an die Reihe — trotz Ekel und Überdruß.“ 
„Hast du nie etwas für ihn empfunden?“ 
„Ich — für diesen eingebildeten Menschen? Das 
kannst du doch nicht gut glauben, Bender? Was ist 
denn in seinem Gehirn drin? Nichts weiter, als sein 
eigenes Ich, um das sich alles dreht.“ 
„Sein Äußeres und sein Beruf hat ihn zu dem gemacht, 
Was er ist. Hätten die Frauen ihn nicht so vergöttert, 
vielleicht wäre er ein ganz brauchbarer Mensch ge- 
„Brauchbar ist er ja auch so. Die größte Anziehungs 
kraft des Films ist Rolf Roderich. Sem lächelndes Ge 
sicht, seine eleganten Anzüge sind für das große 
Publikum anziehender als meine Beine.^ 
„Mir scheint, du bist neidisch, Senta.^ _ 
Ein Seufzer kam aus ihrem Mund. „Um seine Gage 
beneide ich ihn allerdings. Seine Kunst, die darin be- 
steht, sich nur auf der Leinwand zu zeigen, wird höher 
bewertet als die meine, die Arbeit und ein anstrengen 
des Studium erfordert. Doch sag, lohnt es sich, so lange 
von dem schönen Rolf zu sprechen?“ 
„Also, sprechen wir von etwas anderem.“ 
„Nein, reden wir überhaupt nicht mehr. Ich bin 
müde und überdies, in ein paar Minuten stehen wir vor 
meiner Haustür.“ 
* 
Mit einem sarkastischen Zug um den Lippen liegt 
Kurt Bender in seinem Atelier auf dem Diwan und pafft 
den Rauch seiner Zigarette in die Luft. Es ist bereits 
die vierte Zigarette, die er raucht, wartend auf das 
Erscheinen seines Besuches. 
Was für ein tolles Volk sind doch diese Weiber! 
Eine elegante, vornehme Frau wirft sich ihm aus reiner 
Abenteuerlust in die Arme. Setzt sich der Gefahr aus, 
einen Ehekonflikt herbeizuführen und ihre Kinder und 
ihre gesellschaftliche Stellung zu verlieren. Sind Sinnes 
freuden dieses Einsatzes wert? 
Nicht der Zwang einer großen Leidenschaft ist es, 
der sie zu ihm führt, nur rebellisch gewordenes Blut, 
das sich austoben will. 
Bender bläst kleine Rauchkringel in die Luft. Nun, 
ihm kann es nur so recht sein. Aus dieser Situation her 
aus, die sie zusammengeführt, hat er nicht nötig, Rück 
sichten zu nehmen. 
Gegen acht Uhr sollte er sie hier erwarten. In ein 
paar Minuten konnte sie hier sein. Er spürte nicht die 
geringste Erregung. Nur Neugierde. Eine grenzenlose 
Neugierde, wie sie sich wohl benehmen würde. 
Eigentlich war er des Abenteuers schon überdrüssig, 
noch bevor es begonnen. 
Jetzt schrillte die Klingel. Sie hatte einen spitzen, 
scharfen Ton. Und wie stets, wenn sie ertönte, zuckte 
1 
„Oh, wie grausig das ist.“ 
er nervös zusammen. Langsam erhob er sich und ging 
um zu öffnen. 
Ein wenig außer Atem stand sie vor ihm und trat 
schnell durch die Tür. „Ich bin vom Bahnhof zu Fuß 
gegangen. Meinen Handkoffer wird ein Dienstmann in 
einer halben Stunde bringen. Und nun lassen Sie sehen, 
wie Sie wohnen.“
        
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