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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. 20 
20 
2. Tortsetzung 
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arer 
Bifefer: Linge 
eidscheine flogen auf den Tisch. 
„Spiel gemacht — ab für die be 
setzten Beträge.“ 
Und das Spiel beginnt. 
Atemlose Stille herrscht, Gier, Angst 
in den starrenden Augen. 
Die Bank gewinnt. Noten verschwin 
den, Neue werden gesetzt. 
„Nun, warum spielen Sie nicht? Ich 
habe dem Moloch schon geopfert.“ 
Sie schrickt zusammen, als sie Benders Stimme hört. 
Ja, warum spielt sie nicht? Warum starrt sie auf die 
Felder, von den Feldern auf die Hand des Bankiers 
und wieder zurück? Wieso ist sie im Fieber ohne inter 
essiert zu sein? 
„Ich warte darauf, daß Sie setzen.“ Ein blonder junger 
Mann an ihrer Rechten flüstert die Worte in ihr Ohr. 
„Sie spielen zum ersten Mal — Sie werden gewinnen. 
So spielen Sie doch!“ 
Unter der Eindringlichkeit seiner Worte hebt sie die 
Hand, die die Note umschlossen hält, und wirft den 
Schein in das Feld. 
„Ab dafür.“ 
Ihr Atem geht schneller, 
„Gewonnen! Ich habe es ja gewußt. Schnell, setzen 
Sie wieder, wohin Sie wollen.“ Der Blonde hat ihr die 
Geldscheine zugeschoben. Sein heißer Atem streift ihr 
Gesicht. Sie fühlt, wie er sich dicht an sie drängt. Mit 
zitternder Hand schiebt sie die Scheine zurück. Und 
dann stieren sie beide auf die Hände des Bankhalters, 
so starr, so unentwegt, daß die Augen zu schmerzen 
beginnen. 
Und das Geld kommt zu ihnen zurück. Verdoppelt, 
verdreifacht. Der Blonde in seiner Freude küßt ihre 
Schulter. „Sie haben mich gerettet. Noch zweimal 
werde ich setzen, dann höre ich auf.“ 
Ninon hört kaum, was er spricht. Sie ist beschäftigt, 
die gehäuften Scheine aufzustapeln. Sie sieht nicht auf 
ihre Umgebung — sie sieht nur das viele Geld, das ihr 
so mühelos zugeflattert kommt. Gedankenlos greift sie 
nach dem Glase Sekt, das man vor sie hingestellt hat 
und trinkt es leer. Dann spielt sie weiter. Dreimal 
noch ist das Glück ihr treu, dann wandern die Scheine 
in die Kasse des Bankhalters. Immer niedriger wird 
das aufgestapelte Häufchen, immer zuckender schieben 
ihre Hände die Noten in das Feld. Der letzte Schein 
bringt ihr ein paar Banknoten zurück. Verächtlich gibt 
sie sie wieder ins Spiel. Und dann erwacht sie wie aus 
einem Traum, blickt auf und wird sich ihrer Umgebung 
wieder bewußt. Der Blonde neben ihr hat sich zurück 
gelehnt. Auch vor ihm ist die Tischplatte frei von 
Geldscheinen. „Sie hätten früher aufhören sollen.“ 
Schweigend zuckt sie die Achseln. 
„Sie haben mir Glück gebracht — wenn Sie wollen, 
helfe ich Ihnen aus — man sagt ja auch, geborgtes 
Geld bringt Glück.“ Er hatte seine Brieftasche hervor 
gezogen und reicht ihr einen Schein. 
„Lassen Sie nur, für heute habe ich genug.“ 
„Wie Sie wollen.“ Und er steckt die Tasche wieder 
ein. 
Sie wendet sich und blickt auf Bender, dessen Augen 
über das Spiel starren. Und sie sieht in Gier und Angst 
stierende Äugen, Gesichter mit verzerrten Zügen, sieht 
Menschenhände zu Schaufeln gekrümmt, und ein 
Schauer überläuft sie. 
Jetzt tönt wieder das messerscharfe „Ab dafür“. Er 
regter Atem weht durch die lautlose Stille. 
Ninon fühlt, wie die von Zigarettenrauch und Wein 
dunst durchschwängerte Luft sich ihr auf die Brust 
legt. Sie winkt Franz herbei und läßt sich Mineral 
wasser bringen. „Haben Sie keinen Kaffee bereit?“ 
„Wird in einer halben Stunde serviert, gnädige Frau.“ 
„Auch Sie hält das Spiel gefangen?“ 
Bender blickt auf. „Das Spiel und der Wein, das sind 
meine Leidenschaften.“ 
„Haben Sie mit Erfolg gespielt?“* 
„Leider bin ich iip Verlust, aber — ich hole mir die 
Scheine schon wieder zurück.“ 
„Soll das denn noch lange so gehen? Ich habe genug 
für heut.“ Ninon ergriff ihre silberne Handtasche und 
machte Miene, sich zu erheben. 
„Vergessen Sie nicht unsere Verabredung“, warf 
Bender hin. 
„Glauben Sie wirklich, daß ich die einhalten werde?“ 
Ein verächtliches Zucken läuft um ihren Mund. „Ihr 
Benehmen ist eine Unverschämtheit,“ 
Ein paar vergessene Banknoten knüllt sie zusammen, 
schiebt sie in die Tasche und erhebt sich. „Kommen 
Sie.“ 
Von den Spielenden entfernt, bleiben sie stehen. 
„Nun sind Sie die Dame, die Sie doch verleugnen 
wollen. Aber ich füge mich Ihren Wünschen. Bitte ver 
zeihen Sie mir, daß ich mich im Ton vergriff.“ Bender 
ergreift Ninons Hand und preßt einen Kuß darauf. 
Sie will etwas erwidern, aber erschreckt fährt sie zu 
sammen und wendet sich um. Ein Finger hat tippend 
ihre Schulter berührt. „Nu will ich Ihnen aba mal mein 
Beileid ausdrüeken — das heißt, eijentlich nich — denn 
Sie hab’n selbst schuld, daß alles wieder flöten gegangen 
is. Menschenskind, wenn man schon so viel gewonnen 
hat — denn hat man eben jenug. Aba natierlich, der 
Mensch kriegt nie jenug! Aber ich habe jelernt, mir zu 
bescheiden — ich bejnüje mir mit’n paar Lappen. Wenn 
ich die habe — Schluß. Na, Sie hab’ns jawoll dazu. Die 
Toijelette is ja nich von Pappe, die Sie auf dem Korpus 
hab’n!“ 
Es war eine ältliche, kugelrunde Person, deren Rede 
sie wie ein Wasserfall übergoß. 
Lustig blitzten die Äuglein, die über einer dicken, 
ein wenig breitgequetschten Nase saßen, in die Welt. 
Knallrote Seide umspannte ihren fetten Körper und 
verhüllte nur halb den erregt wogenden Busen. 
Lachend stellt sich die übrige Gesellschaft um sie 
herum. Man hatte eine Pause im Spiel gemacht. Franz 
und ein weiblicher Dienstbote kamen, um Kaffee und 
Kognak zu servieren. 
„Belinde Schröder — unsere komische Alte beim 
Film. Du merkst das wohl schon an ihrem Auftreten.“ 
Rolf war zu Ninon getreten und wies mit einer Hand 
bewegung auf die rotseidene Dame. 
Lächelnd streckte Ninon ihre Rechte aus. „Freut 
mich sehr, Frau Schröder.“ 
„Fräulein, wenn ich bitten darf. Leider, immer noch, 
es hat noch keiner gewagt, mir zu freien.“ 
„Du hast zu viel Fett, Belinde, daran stoßen sich die 
Männer.“ 
„Stoßen? An Fett soll man sich stoßen?“ kreischte 
Fräulein Belinde. „Das ist doch Polsterung das sind 
Formen da spiert man keene Knochen. Stißen kann 
man sich doch nur an euch magere Zicken! Sie machte 
eme bezeichnende Bewegung auf die Damen. „Komm 
m n- h m R ?\ U n d 7. ersuche ’ d^h an mir zu stoßen“ 
c D \ e b . I . ond ^.. Be11 ^ bäumte sich vor Lachen und Senta 
Sand, die lanzerin, verschluckte sich beim Kaffee-
        
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