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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 26 
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WER IST DER PAPA 9 
EGON H. STRASSBURGER 
\ \I /enn der GroQknecht Hannes durch die Tür trat, nahm 
\ \ / der Gutsbäuerin Therese Gesicht einen harten Aus- 
V V d ruc k an. Diese stämmige Gestalt und das stolze Haupt 
mit den blitzblanken Augen gefielen ihr nicht. Ihr eigener 
Mann hatte ein so bescheidenes Wesen, und so viel Freundlichkeit trug 
er aller Welt zur Schau. Die Gegensätze verglich sie, und dann hatte 
sie ein verachtendes, höhnisch hervorgestoßenes »Hm« auf der Zunge. 
»Bauernlümmel« raunte sie zwischen den Zähnen, und als sie eines 
Tages das Wäscheseil aufspannen und Hannes ihr dabei behilflich 
sein wollte, lehnte sie seine Assistenz mit den Worten ab: »Das 
kann ich allein, Knecht, gehen Sie in den Stall und striegeln Sie die 
Gäule.« Hannes trollte davon, aber aus seinen Angen blitzte ein 
überlegener Glanz, seine Stirnadern schienen röter als sonst, heißes 
Blut kochte in seinen Adern. 
Franz, der Mann, liebkoste seine Therese. Er war zärtlich und 
schmiegsam . . . fast wie ein Weib. Seine Ehefrau liebte diese 
Art, und wenn er sie küßte, dann streichelte sie sein üppiges Haar 
und hatte liebe Worte für ihn. Sie war vor Jahren in der Stadt 
als Magd in Stellung, und wenn der junge Herr recht zärtlich mit 
ihr war, fuhr sie auch auf diese Weise über das Blond. So oft sie 
nun den Mann im Arme hielt, flogen jene Erinnerungen an ihr vor 
über, und ihr schien, als knistere es bei ihrem Franz genau so wie 
bei ihrer ersten Liebe, als sprühe sein Haar dieselben glühenden Funken- 
Einmal im Taumel der Sehnsucht versprach sie sich sogar und sie 
raunte ihrem Franz zu: »O, du süßer Edgar 1« Franz war erschrocken 
und seit jener Zeit blieb ein Körnchen Eifersucht in seinem Herzen 
zurück. Franz besann sich auf sämtliche Vornamen der Bauern und 
Bauernburschen im Dorf, aber die hießen nur Hannes, Franz, Jörg- 
Anton, Adolf, Paul . . . Edgar hieß keiner drei Meilen im Um 
kreis. Therese erzählte ihm von einem feinen Herrn, der im Roman 
vorgekoramen sei, der Roman vom »Brandenden Glück« ... Dann 
verbesserte sie sich: es sei der Edgar vom F'l™, der Ruth an den 
Altar geführt habe. Den Edgar Hebe sie heute noch, denn er habe 
einen vornehmen Frack angehabt und sei ein süßer Junge gewesen- 
Als Hannes sie an jenem Abend sah, lächelte er und zuckle die 
Achseln. Sie Wurde rot vor Zorn und schrie ihn an: Was grinsen 
Sie so. Sie, Sie . . .« Das Wort verschluckte sie. Hannes sah sie 
überlegen an und fragte seelenruhig: »Frau Schneider, gehen wir 
morgen in die Wiesen?« Sie fand ihre Gedanken nicht zusammen, 
wußte im Augenblick nicht, was es mit den Wiesen für eine Be 
wandtnis habe, und sie sagte nervös und doch wie geistesabwesend: 
»Warum zur Wiese?« 
»Um zu mähen«, antwortete er. 
Ihre Phantasie ging wie ein Räderwerk: »Edgar, Franz, Hannes, 
Wiese, Mahd . .. Und ihr Herz klopfte, daß sie den Ton zu hören 
vermeinte. 
Therese fuhr mit dem Knecht hinaus zur Wiese, allein. Beide 
saßen auf dem Bock, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Jeder 
dachte über seine Welt nach, und die Pferde, vom Peitschenhieb 
des Hannes getrieben, zogen fest an. Durch das Vibrieren der 
rhythmischen Bewegungen des Wagens kamen die beiden eng zu 
sammen. Therese fühlte die Körperwärme des Mannes, während 
dieser die Nähe der Herrin angenehm empfand. 
Und beide verharrten so, bis ein heftiger Ruck — er kam von 
einem harten Granitstein, der auf dem Wege lag — beide ausein 
anderriß, und sie fühlten mit einem Hauch von Wehmut den Verlust 
der angenehmen Wärme. 
Hannes malte sich in seiner derben Art ein törichtes Paradies aus, 
die Frau dachte an den jungen Herrn in der Großstadt ... an 
Franz dachte sie mit einer gewissen Mißachtung, aber nur ganz 
flüchtig streifte sie ihn. Plötzlich wurde ihr dieser Bauernknecht 
sympathisch. »Lachen Sie mal, Hannes«, ermunterte sie ihn. Der 
kräftige Bursch war einen Augenblick beklommen, dann zeigte er 
die weißen, scharfen Zähne. Sie hatte in diesem Augenblick den 
Wunsch, von ihm in die Lippen gebissen zu werden. Er hatte im 
Auge einen unruhigen Phosphorglanz, der sie bezwang und ihr Herz 
höher schlagen ließ. 
Da verwirrten ihr die Sinne . . . die Frau, die ohne Kinder ge 
blieben war, hatte den Wunsch, plötzlich Mutter zu werden. Dieser 
Gedanke berauschte sie, und ohne daß das Aufstoßen des Fuhr 
werks sie wieder zusammenpreßte, drückte sie sich fest an den 
Knecht. 
Als ihr Mann an einem schönen warmen Juliabend zu ihr zärtlich 
wurde, zu Hause in der Stube, hinter der breitblätterigen Schuster- 
linde, da hauchte sie ihm zerstreut entgegen: »Hannes . . . küsse 
; ; . küß mich noch einmal, Franz , . .
        
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