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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 23 
Jahrg. 27 
„Meine Hände? Was hast du an meinen Händen 
auszusetzen ?“ 
„Warum sind deine Brauen feiner als die meinen?“ 
antwortete zornig die andere. 
„Warum? Sieh dich doch in den Spiegel! Sie sind 
viel zu dicht, um angenehm zu sein. Außerdem fehlt 
ihnen völlig jede Grazie, während meine Brauen sich 
wölben, als seien sie von Kupido zum Bogen gespannt.“ 
„Ei, sieh doch!“ lachte nun hämisch die Ältere; 
„ich finde aber, daß deine Brüste viel zu klein sind, 
für deinen hohen Gliederbau, ganz abgesehen davon, 
daß deine Ellenbogen eckig sind wie die Steine der 
Akropolis.“ 
„Achl“ lachte die Schwester mit brennenden Augen, 
„was du nicht sagst! Lysippos hat mir erst kürzlich 
gesagt, daß meine Ellenbogen Athene geschaffen 
haben müsse, und was meine Brüste betrifft, so sind 
sie allerdings keine solche Palmnösse wie die deinen.“ 
Sie waren unter diesen Wechselreden aufgesprungen 
und maßen beide ihre Körper. 
„Wo hast du ein solches Ebenmaß?“ lachte hämisch 
die Ältere wieder, ihren Leib dehnend und die Arme 
nach aufwärts werfend. „Zweifelst du noch, daß ich 
die Schönere bin?“ 
„Die Schönere? Eine Eule bist dul“ schrie die 
Schwester und zeigte ihre Lippen, welche wie Pfirsiche 
blühten. „Wann hättest du je in solcher Jugend ge 
blüht? Bist du nicht zwölf Monate älter als ich? Ist 
dein Auge nicht schon blaß? Wiegt sich dein Leib je 
so beim Laufe wie der meine? Wo sind deine Hüften, 
he?“ 
So ging es weiter, bald hier, bald dort. Keine 
wollte die Schönheit der anderen anerkennen, und so 
hätten sie wohl noch lange gestritten und wären sich 
am Ende gar in die Haare geraten, wäre nicht plötzlich 
in den Büschen ein junger Manneskopf aufgetaucht, der 
mit dem Ausdruck der höchsten Bewunderung ihren 
Streit unterbrach: 
„Beim Styx, die Ältere ist die Schönere!“ 
Erschrocken flohen die beiden Schwestern, wobei sie 
ganz vergaßen ihre Kleider mitzunehmen. 
Girls 
10 
Aren
        
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