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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 26 
Jahtg. 27 
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schlug. Max, der diese Störung seiner königlichen 
Schwermut nicht begriff, gab sich keine Mühe mehr, die 
Eile seines Tieres, das den Griffen um ihn entfliehen 
wollte, zu zügeln. Im Galopp sauste der Hengst mit 
samt seinem Reiter und dem fünffachen Anhängsel die 
Landstraße entlang dem Stadttor zu. Der würdige 
Magistrat stob vor dem heranpreschenden Tier ausein 
ander, und da man ihm Langsamkeit als Mangel an 
Ehrerbietung hätte auslegen können, begann er einen 
gewaltigen Lauf hinter dem seltsamen Galopp her. 
Max vermochte den Hengst, der vom Geschrei und 
Geruch der fünf Damen, die den königlichen Schutz 
des Mantels nicht fahren lassen wollten, um auf recht 
liche Weise iii die alte, liebe Stadt wieder hineinzu 
kommen, immer wilder wurde, nicht zu zügeln. All 
mählich begriff er. Mit Vergnügen hörte er die Jagd 
der Schöffen und ehrbaren Bürgervertreter hinter sich, 
und lachend schaute er von der Höhe des Sattels auf 
die ihre Röcke raffenden und wie Böcke springenden 
Damen unter sich. Solch einen Einzug hatte er noch 
in keiner Stadt gehalten. Sein reiterlicher Ehrgeiz er 
wachte. Er zwang den Hengst in einen manierlichen 
Trab, der ihm erlaubte, alles das, was rund an diesen 
Schönen mitsprang, mit heiterem Genuß von oben her 
zu betrachten. Und da er seit Wochen nicht gelacht 
hatte, goß sich seine lange zurückgedämmte Fröhlich 
keit in diese Gelegenheit. Als ein Mann von lustigem 
Blut nutzte er sie weise aus, leitete den Trab in immer 
gemächlicheres Tempo und brachte den zitternden 
Hengst nebst den derangierten Schönen schließlich 
elegant auf dem Marktplatz zum Stehen. Huldvoll nahm 
er den Dank der Damen in Empfang, und als der 
Kavalier, als der er im ganzen heiligen römischen 
Reich bekannt war, half er ihnen, ihre bedenklich ge 
wordene Toilette in einigermaßen schickliche Ordnung 
zu bringen. 
Lachend empfing er die schnaufende Deputation. 
Lachend schnitt er dem atemlos keuchenden Bürger 
meister die verwirrte Bewillkommnungsovation ab, ver 
langte nach einem Humpen Wein, trank erst den 
Schönen, dann dem schwitzenden Stadtoberhaupt leut 
selig zu und ließ sich heiter in sein Quartier geleiten. 
Der Bann war gebrochen. Die alte Lebenslust er 
wachte im Kaiser. Neue Pläne zu neuen Abenteuern 
schossen in seiner unruhvollen Seele auf. Er empfand 
dankbar, daß hier durch ein fröhliches Spiel des Schick 
sals seine Schwermut aufgetaut war, und schonte die 
Stadt. Die Fama meldet nicht, ob er den fünf Schönen 
auch persönlich noch seinen Dank abgestattet hat, ob 
er zur . . . aber, was geht es uns an . . . Dies aber be 
richtet sie: daß, als er nach neun Tagen weitergezogen 
war, der Magistrat in feierlichem Aufzuge den fünf 
Schönen je eine kostbare Equipierung überreichte, den 
Schaden zu ersetzen, den ihre Kleider bei dem ein 
wenig heftigen Wiedereintritt in die Stadt genommen 
hatten. 
DAS URTEIL DER BEIDEN PARIS 
ROBERT HEYHANN 
\\ m Tempel von Syrakus steht eine 
Venus-Statue von so berückender 
^ ' Schönheit, daß es kein Fremdling 
vermag, den Blick von ihr zu wenden, 
ohne seine Knie zu beugen, und 
keiner verläßt das Heiligtum, ohne 
im Schoße einer Hierodule der Göttin 
ein Opfer gebracht zu haben. 
Zwei Schwestern haben diese Statue gestiftet und 
ein Künstler hat sie gemeißelt, indem er das Schönste 
von jedem der beiden Körper nahm, so daß der kri 
tische Kerkides von Megalopolis begeistert das Lob 
solcher Schönheit in alle Welt trug, ohne die Geschichte 
dieses Bildnisses zu kennen. 
Nicht weit von Syrakus entfernt, bildet das Meer 
eine schmale Bucht, dicht umkränzt von hohen Büschen 
und Silberpappeln. Die Frauen der Fischer pflegen 
sich dort zu baden, und die Jungfrauen trieben daselbst 
des Nachts im Mondenschein allerlei Spuk und Spiel, 
von neugierigen Blicken geschützt durch eine Wächterin, 
welche oben auf dem Hügel Umschau hielt und die 
Gespielinnen warnte, wenn ein Mann sich dem Meere 
näherte. 
Dann verschwanden die Mädchen unter Lachen und 
Jauchzen in den Wellen, und der überraschte Wanderer 
konnte ferne noch einige weiße Linien entdecken, welche 
sich schlangengleich durch die grünen Wogen wanden. 
Daselbst badeten in einer weißen Nacht zwei Jung 
frauen aus Megara, welche beide einen Vater, doch 
jede eine andere Mutter besaßen. Ihre kaum erblühten 
Körper wiegten sich wollüstig in dem kalten, klaren 
Wasser und der Gischt spritzte rings auf die Felsen, 
den sie mit Händen und Füßen zur Höhe schleuderten. 
Bald fingen sie sich, bald trennten sie sich, be 
spritzten sich dann wieder unter Lachen und scherzen 
dem Schelten, rangen mitsammen und stießen sich in 
die Fluten, sprangen ans Ufer, flogen pfeilschnell durch 
den weißen Sand, daß ihre üppigen Haare kaum dem 
Körper zu folgen vermochten. 
Ermüdet ließen sie sich auf einen Rasen nieder und 
ruhten sich aus. 
Nicht lange saßen sie so stille, da sagte die jüngere 
der beiden Jungfrauen, indem sie ihren Blick über den 
Leib der Schwester gleiten ließ; 
„Dein Haar ist sehr schön — aber meine Brauen 
sind feiner als die deinen.“ 
Die Ältere lächelte, zog die Knie bis zu den 
Brüsten und sagte ebenso: 
„Deine Glieder sind marmorweiß —* aber meine 
Hände sind zierlicher als die deinen.“ 
Die jüngere Schwester erhob sich zur Hälfte und 
antwortete gereizt:
        
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