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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 16 
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BELOHNTES 
OTTO ERNST 
LASTER 
HESSE 
er hohe Magistrat von Regensburg, eine 
Korona von durchaus lebensfreudigen 
Männern, die sich ihre gute Laune nicht 
rasch verderben ließen, befand sich im 
Herbst des Jahres 1512 in großer Be 
trübnis und Aufregung. Kaiser Max, aus 
Italien von einer seiner vielen erfolglos 
verlaufenen Unternehmungen in die 
Heimat zurückkehrend, hatte seiner 
lieben, freien Reichsstadt seinen Besuch angekündigt. 
Man sollte meinen, ein Kaiserbesuch sei ein Ereignis, 
über das eine allzeit getreue Tochter des Reiches, wie 
die Stadt Regensburg seit undenklichen Zeiten zu sein 
den Ruhm hatte, hätte in Begeisterung und Jubel aus 
brechen müssen. Doch die Bürgerschaft wußte aus Er 
fahrung nur allzu gut, daß solch ein kaiserlicher Be 
such für den Stadtsäckel immer eine schwere Heim 
suchung bedeutete, da Max zeit seines abenteuerlichen 
L.ebens in Schulden ertrank, und diesmal war die Lage 
besonders bedrohlich, da dem Kaiser der Ruf voran 
eilte, er sei, infolge des römischen Unglücks — er, der 
Kaiser, hatte sich zugleich zum Papst wählen lassen 
wollen — in besonders böser Stimmung, gebe sich 
gänzlich einer chronisch gewordenen Schwermut hin 
und schröpfe seine Getreuen erheblicher als je, um die 
Unsummen einzubringen, die als Bestechungsgelder bei 
Kardinälen und anderen einflußreichen Herren Italiens 
vergeblich vertan worden waren. Dem Regensburger 
Magistrat ging die üble Fama schwer auf die vom 
Frankenwein wohl durchspülten Nieren, und als von 
befreundeten Ortschaften durch Eilboten gemeldet 
wurde, daß auch die Vorführung holder, in ansprechen 
der Entkleidung gehaltener Weiblichkeit, die sonst 
immer das Entzücken des kaiserlichen Herrn und seiner 
Berater gewesen war, ihre Wirkung diesmal völlig ver 
fehlt habe, war man am Ende alles diplomatischen 
Lateins und sah dem Kommen der Majestät mit Angst 
und Bangen entgegen. 
Wie immer, so entlud sich die Gereiztheit des 
Magistrats in einer Fülle von Verordnungen und De 
kreten, und die Bürgerschaft hatte mancherlei auszu 
halten. Erfreulicherweise fand der behördliche Zorn 
eine Gelegenheit, sich mit Donner und Blitz zu ent 
laden. Jene Damen nämlich, die man sonst gern zu den 
erwähnten Erlustigungen besuchender Herren zu enga 
gieren pflegte, hatten ihren Beruf in letzter Zeit ein 
wenig sehr öffentlich ausgeübt. Da man sie, wie gesagt, 
im Augenblick nicht gebrauchen konnte, so fand der 
Magistrat dieses Treiben plötzlich höchst lästerlich. Er 
griff mit moralischer Würde zu, holte aus der beträcht 
lichen Schar der ebenso schönen wie leichtfertigen 
Damen fünf heraus, die sich besonders bemerkbar 
gemacht hatten, indem sie ein halbes Dutzend ange 
sehener Patrizierjünglinge nahe an den Schuldturm her 
angebracht hatten, und verwies sie aus den Mauern der 
Stadt. Unter teils heiterer, teils trauriger Beteiligung 
der Bürgerschaft wurden die fünf Schönen vor das 
Stadttor geschafft, von wo sie in ihrer galanten Equi 
pierung zu Fuß in die herbstliche Landschaft hinein 
pilgern mußten. 
Tags darauf ritt Kaiser Max auf Regensburg zu. 
Düster und verbittert, das edle Großformat der habs 
burgischen Nase und die ebenso gewichtig gestaltete 
Unterlippe in schwerem Verdruß hängen lassend, lenkte 
die Majestät weit vor dem Gefolge, das seine kaiserliche 
Melancholie nicht zu stören wagte, seinen tänzelnden 
Hengst. Die Bürgerschaft, die ihm pflichtschuldig und 
ehrerbietig vor die Stadt entgegengezogen war, enthielt 
sich, die Heerstraße auf beiden Seiten einzäunend, aller 
lauten Expektorationen. Mit schlotternden Knien ver 
nahm der hohe Magistrat, der einige Wurfgeschosse 
weit vor dem Stadttor Aufstellung genommen hatte, 
die Majestät schicklich und würdig mit Ansprache und 
Willkommenstrunk zu empfangen, die peinliche Stille 
des nahenden Zuges, und auf den Geist des Bürger 
meisters drückte bereits schwer die hohe Säule von 
Dukaten und Gulden, die dieses Schweigen die arme 
Stadt kosten würde. 
Schon tauchte der traurige Reitersmann an der letzten 
Wegbiegung vor dem Tore auf. Schon hauchte der 
Hornist tief in sein Blech, eine Stille, die bereits da war, 
für die feierliche Begrüßung anzufordern. Schon setzte 
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sich die magistratliche Deputation ernsten Schrittes in 
Bewegung, durch ein schickliches Entgegengehen dem 
Schwermütigen ein Lächeln abzugewinnen. Da, plötzlich 
brachen aus den Haselnußsträuchern am Straßenrande 
fünf verwegene Gestalten hervor, stießen die gaffenden 
Bürger beiseite und stürzten sich auf den reitenden 
Kaiser zu. Erst glaubte man an einen Anschlag auf das 
große Leben der Majestät, aber bald erkannte man, 
daß diese fünf Gestalten niemand anders waren als 
jene fünf fragwürdigen Schönen, die man tags zuvor 
aus der Stadt gewaltsam entfernt hatte. Schreie der 
Verwunderung durchschnitten die Luft, als man die 
Damen mit aufgerafften Röcken auf den Kaiser zu 
laufen sah. Der Hengst, den der Kaiser ritt, durch den 
Überfall scheu geworden, ging hoch. Max hatte Mühe, 
sich im Sattel zu halten. Als er das Tier wieder auf die 
Beine niedergezwungen hatte, griffen auch schon zehn 
Weiberarme nach seinem Mantel, dem königlichen 
Mantel, dessen Berührung, wie man sich erinnern wird, 
jedermann Schutz gewährte. Der Hengst, fast schon 
wieder beruhigt, verlor erneut seine Haltung, als die 
fünfte der Damen, in Ermangelung eines Mantelzipfels, 
ihre schöne Hand in seinen wohlgepflegten Schweif
        
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