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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 26 
Jahrg. 27 
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Taumel und ein gieriges Verlangen ergriff sie. Sie 
gab sich ihm hin. Sie leistete keinen 'Widerstand. 
Zitternd umschlang sie ihn. 
In diesem Augenblick kam ihre Mutter mit einer 
Lampe aus der Küche auf den Flur: 
»Franz — wo steckste? Mie?« 
Wie angewurzelt blieb die Braut vor den beiden 
stehen, die Lampe in der hocherhobenen Hand, 
Aus dem Gesicht ihrer Tochter leuchtete ihr der 
Triumph entgegen — der Triumph der Jugend über 
das Alter. 
Franz trat scheu zurück, das Gesicht vor seiner 
Frau verbergend. 
»Wat is?« trotzte Mie. 
Da schleuderte die Mutter die brennende Petroleum* 
lampe nach ihr. Im Nu zündete das leichte Kleid 
Mies. Flammen schossen aus ihr heraus, tanzten über 
sie hin und trieben sie ins Zimmer zu den Gästen. 
Ehe die das Feuer ersticken konnten, sank sie in 
sich zusammen, ohne einen Laut von sich zu geben. 
Rauch und Qualm stiegen von ihr auf, flössen 
gegen die niedrige, verräucherte Decke und strebten 
vergeblich höher . .. 
DER FRAUENTAUSCH 
* ' ' ★ 
ERICH WAL! 
D rei Edelleute waren zusammengekommen, um 
eine amüsante Nacht nach Pariser Art zu ver 
leben, im „Hotel du Roule“, wie sie ihr Ab 
steigequartier in der kleinen Stadt nannten. 
Sie hatten ihre besten Jahre im Herzen Frankreichs 
verlebt und nun, da ihnen auf ihren flandrischen Land 
sitzen die Haare ausgingen, veranstalteten sie hin und 
wieder ein Fest der galanten Erinnerungen. Gewiß, sie 
waren verheiratet und zwar mit beträchtlich jüngeren 
Frauen, aber was will das sagen in einer Zeit, da es zum 
guten Ton gehört, eine Maitresse zu haben! 
Sie erwarteten die bestellten Dämchen, und an ihrer 
Ungeduld gemessen, schien ihr Feuer nicht geringer als 
das eines Jünglings. 
Sie warteten eine Stunde. 
Zwei Stunden. 
Drei. Vergebens. 
„Gewiß haben sie unterwegs jüngere Liebhaber ge 
funden als wir sind“, meinte Alphonse de Savery, „ober 
flächlich genug sind sie, wie wir wohl wissen. Aber wo 
finden wir schnell andere Mädchen?“ 
Adam van Apshoven faltete die an den Schläfen an 
gegraute Stirn. 
„Wir sind nicht in Paris, Lieber! Wir sind in diesem 
Städtchen zu bekannt und können es nicht wagen, die 
Dirnen von der Straße wegzufangen. Und dann unsere 
Ansprüche! Aber trinkt doch! Der Tropfen ist gut! Das 
versöhnt!“ 
„Meine Herren!“ sagte der Baron de Laveleye schlau 
äugig, „ich habe eine grandiose, eine fabelhafte, eine un 
vergleichliche Idee!“ 
„Ist sie soviel wert wie die süße spanische Zorrilla?“ 
„Und die rotblonde Therese?“ 
„Erlaßt mir die Antwort. Ich setze mich nicht gern 
zwischen zwei Stühle. Übrigens könnt ihr sie euch so 
gleich selbst geben. Einen Augenblick!“ 
Und er entwickelte den Plan einer Überraschung für 
ihre Frauen. 
„Wir haben uns nun einmal eingebildet“, schloß er, 
„diese Nacht mit einer anderen zu schlafen. Nun denn! 
Wir tauschen unsere Frauen! Einverstanden?“ 
HER U N G E R 
Man lachte und ließ die grandiose, die fabelhafte, die 
unvergleichliche Idee leben. 
„Hier sind zwei Papierschnitzel. Auf dem einen steht 
der Name meiner Frau, auf dem anderen nichts . . . So. 
Ihr zwei, Los! Wer das Glück hat . . . Wer hat’s? 
Wer hat Claire?“ Die beiden entfalteten die Zettelchen. 
„Ich!“ Alphonse de Savery verneigte sich. 
„Damit“, sagte Louis Leon zu Adam van Apshoven, 
„damit ist auch unsere Partie geregelt.“ 
In angeregtester Stimmung ritten die drei in die 
sternklare Nacht bis an den Kreuzweg bei Moerbeke, 
wo sie sich überfließend trennten. 
„War das nicht eine brillante Überraschung?“ fragte 
Louis Leon am nächsten Tage seine Frau. 
„Charmant!“ erklärte sie. „Man könnte sich an 
solche Variationen gewöhnen . . . vor allem, da man 
durch den eigenen Mann nicht verwöhnt wird “ 
„Der Savery war glücklicher als ich!“ dachte er. 
tu 
„Nun, Germaine?“ 
Alphonse de Savery nahm den Kopf seiner Frau 
zwischen die Hände und schaute ihr lächelnd in die 
Augen. 
„Es war köstlich!“ flötete sie rosig, „sozusagen legi 
time Untreue . . . Man bekommt in der Tat Appetit!“ 
„Der Apshoven war glücklicher als ich!“ dachte er. 
tf 
Adam van Apshoven trat in das Schlafzimmer Leon- 
tines, stemmte die Arme auf ein ovales Tischlein und 
lachte. . 
„Noch nicht ausgeschlafen?“ 
Sie steckte den Kopf durch die Bettvorhänge. 
„Noch nicht? sagte sie. „Ich fange erst an . . . Wenn 
man seinen Mann einmal betrügen darf, soll man es 
gründlich tun “ 
„Der Laveleye war glücklicher als ich!“ dachte er. 
Die Pointe platzt. 
Ätsch! 
Die drei Edelleute kamen in jener Nacht — zu spät.
        
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