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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 2J 
Nr. 36 
2 
* 
HANS OSTWALD 
M ie war wütend, daß ihre Mutter einen so 
jungen Mann heiraten wollte. Zu ihrer 
Mutter sagte sie nichts. Denn sie fürchtete 
sich vor den scharfen Worten und den harten Fäusten 
noch manchmal wie ein kleines Kind. Aber sie ging 
hinaus, wenn abends der Bräutigam kam, oder sie 
lächelte höhnisch, wenn sich die Mutter vor den Spiegel 
stellte, sich jugendlich mit Bändern schmückte und 
das blanke Glas befragte, wie ihr das helle Kleid 
und die bunten Schleifen ständen. 
Sprach einer in Mies Gegenwart von der baldigen 
Hochzeit der Mutter, dann zuckte Mie verächtlich 
mit den Achseln. 
Als sie einmal gegen Abend im Krug einkehrte, 
saßen mehrere Männer an dem Tisch vor dem Kram« 
laden. 
»Na — nu kriegste ja bald wedder ’n Vater 1« 
meinte der alte Schmied. 
»’N Vater?« antwortete Mie, »det könnte min 
Bruder sink 
»Na, nak machte der Schmied. »Man nich so 
hitzigl Din Mutter is ja ooch noch nich reif fors 
Altendeel, is jo man erst fünfundreißig.« 
Mie sagte nichts. Sie packte ihren Korb voll mit 
Tüten und Paketen, band sich das Tuch fest um den 
Kopf und ging. 
In der Tür blieb sie stehen, drehte sich um nach 
dem alten Schmied und sprach mit fester Stimme: 
»Dat is nu alles gleich . . . Aber so’n junger Mann 
gehört zu ’ne junge Frau . . . Un dat werd’ ick euch 
zeigenl Paßt mal upp, wie sich der in mich verliebt!« 
Sie lachte und warf die Tür hinter sich zu. 
Auf dem Wege nach Haus hatte sie nur immer 
wieder das Bild vor sich, wie sie ihre Mutter treffen 
würde; Auf dem Sofa, in dem Arm von Franz und 
mit dem Kopf gegen seine Schulter gelehnt. 
So sehr es sie peinigte, so häßlich es ihr schien, 
daß ihre Mutter sich in Zärtlichkeit und Liebe hingab, 
so sehr peitschte es auch ihre Sinne auf. Und der 
Franz, der Uhrmacher und Mechaniker, der im Dorfe 
alle Uhren und Fahrräder und elektrischen Leitungen 
flickte, reizte sie ebenso mit seinem weichen Wesen, 
wie er sie abstieß, wie er ihre Verachtung heraus« 
forderte. 
Als sie in die Stube trat, lachte sie ihn an. 
Sein rundes, volles Gesicht mit den weichen Lippen 
wurde rotfleckig, und er zog die Hand zurück, die 
er auf die Schulter seiner Braut gelegt. 
Mies Mutter legte sich um so zärtlicher und um so 
verlangender gegen seine Schulter. Sie schloß die 
Augen und lächelte selig, mit seinen Händen spielend. 
Da setzte sich Mie ihnen gegenüber und starrte 
Franz an. 
Er wurde rot und erregt und wollte seine Braut 
von sich abschütteln. 
Als sie das aber merkte, schlang sie ihre Arme 
um ihn und bat ihn, er solle sie küssen. 
Mit einem jähen Ruck sprang Mie auf, verzog 
spöttisch den Mund und ging hinaus in die Küche, 
die Tür hinter sich zuwerfend. 
* 
Am Hochzeitsabend waren sie fast alle betrunken. 
Mie war mehrmals mit gefülltem Weinglas zum 
Bräutigam gegangen und hatte mit ihm angestoßen. 
Als es draußen dunkelte, als in der Küche das 
Abendbrot hergerichtet wurde und die Braut, die mit 
ihrem frischen braunen Haar und in dem weißen 
Kleid noch ganz jugendlich aussah, hinausging und 
nach dem Rechten sah, kam Mie abermals mit ge« 
fülltem Glas zum Bräutigam: 
»Na — auf deine Vaterschaft!« 
Er lachte halb verlegen, halb vertraulich. 
»Trink aus!« mahnte sie ihn. »Dat haste wohl 
nich gedacht, dat de schon so’ne große Dochter hast? 
Wat? — Un bist man doch so jung?« 
»Ih — dat is gerade wat Feines!« meinte er und 
kniff seine Augen zusammen. Scharf sah er sie an, 
wie sie vor ihm stand: schlank und mit heißem 
Gesicht. Ihre Augen forderten ihn heraus. 
»Na — denn gib mir mal ’n Dochterkuß«, ver« 
langte der Stiefvater. 
Sie bot ihm ihren Mund. 
Er spitzte die Lippen und drückte sie auf die ihren. 
Die Glut, die ihm entgegenströmte, verwirrte ihn. 
Der Druck, den er gefühlt, machte ihn lüstern. 
Sie ging stumm auf den Hausflur, ihn mit einem 
Seitenblick lockend. 
Er folgte ihr. 
Sie stand im Dunkeln zwischen zwei Schränken. 
Flüsternd trat er auf sie zu; 
»Du — biste da? Mächen — Mie?« 
Mie kicherte. 
Er tastete nach ihr und legte seine Arme um ihre 
Schultern. 
Sie ließ sich das ruhig gefallen, ja, sie zog ihn mit 
der Rechten näher. 
Da küßte er sie, drückte sie an sich und stammelte: 
»Haste mich gern? Haste mich gern?« 
Sie sagte nichts, sondern erwiderte nur seine Küsse. 
Der Branntwein schwirrte ihr im Kopf herum. Ein
        
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