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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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s täte mir leid, wenn diese Geschichte zarten, 
insbesondere weiblichen Gemütern, untugend 
haft erscheinen sollte; aber ich habe sie nicht 
verfaßt. Ein größerer Kollege, das Leben, 
hat sie gedichtet. Zuweilen erholt der große 
Dramatiker sich in einem solchen kleinen 
E im MfLy/J" Scherze. Es spielt ihm dabei keine Rolle, die 
? Xj/v'JY >' humorvolle Angelegenheit durch einige Ge- 
i M schlechter fortlaufend zu gestalten, wie bei 
dieser Geschichte. Was sind ihm schließlich Generationen? 
Einige Varianten in der Färbung eines Stoffes. Da hat der 
Färbmeister die großen Bottiche vor sich; in den einen gehört 
das grobe Wollenzeug, ein anderer hält nur feinen Seiden 
stoff. Und da sind die Färbkessel, die Mischungen der Farben 
fallen jedesmal anders aus; er weiß, kein Blau gleicht ganz 
dem andern. Auch die Stoffe nehmen verschieden auf und 
werden lichter oder dunkler, je nach ihrer Art, — 
Die Urahne, von der das Brauthemd stammte, war von der 
Art der hausgewebten Leinenzeuge; ein bißchen grob und 
kratzig, für derbe Arbeit geschaffen, unverwüstlich. Auf 
einem freiherrlichen Landsitz war sie als junges Stubenmädel 
in Dienst gestanden. Da hatte die Herrin, die ihr gut war, 
einmal den Leinenschrank geöffnet, ein schönes, spitzen 
besetztes Hemd hervorgelangt und es ihr geschenkt. Das 
Mädchen meinte, schämig erfreut, daß es wohl zu fein wäre 
für sie, doch die Frau sagte: „Laß es liegen, bis der Mann da 
ist, der dich freien will, dann tu’s zu deiner Hochzeit an; für 
eine rechte Jungfrau ist es nicht zu fein.“ 
Da lag es nun ein paar Jahre in der braunen Holztruhe; 
ein feines siebenzackiges Krönlein war hineingestickt. Es lag 
lavendelbestreut, mit hellblauer Seidenschleife geziert. Manch 
mal mögen des Mädchens Gedanken sich mit der Pracht dieses 
Hemdes geschmückt haben; bis zur Hochzeit währt es oft so 
lang. Als dann der Liebstei sich fand, da war es ein Schmiede 
geselle mit lichtem Siegfriedskopf und mit schwarzen Teufels 
tatzen, die wie Zangen griffen. Es sollte noch ein Jahr dauern, 
bis et das Meisterstück machen und selbständig eine Werk 
statt führen durfte. Aber die schweren Schmiedshände zuckten 
in Ungeduld nach der schlanken Marie und nahmen sie sich 
in einer Sommernacht, am Feldrain zwischen Weizen und 
Wicke, unterm Hochzeitslied der Grille. Und Marie hatte 
nur ein schlechtes altes Arbeitshemd an. 
Ein halbes Jahr darauf war der Meister gemacht, gab der 
Priester dem Paar den Ehesegen. Marie hatte auch ihr kost 
bares Brauthemd angetan. Anderen Tags legte sie es in die 
Truhe zurück, mit ihren träumenden Gedanken bei dem 
Kindchen, das bald sein würde. Wenn der Himmel ein 
Mädchen gab, sollte das Brauthemd bewahrt bleiben, bis sie 
in Züchten zum Traualtar trat. Wirklich war Maries erstes 
Kind ein Mädchen; es wurde Julia genannt. Im Hause des 
Schmiedes, der ein tüchtiger Meister war, wuchsen fünf Mädel 
und drei Buben in strenger Zucht auf. Der Vater, eng und 
unduldsam, nur im Einfluß des Trunkes einem freieren 
Schwünge hingegeben, hielt Familie, Gesellen und Gesinde, wie 
ein Hauptmann eine gute Kompagnie. Man aß, man betete, 
man schlief, arbeitete, spazierte im gleichen Schritt; da gab es 
keinen leichten Sprung ins Ziellose. Arme Julie! Sie blühte 
früh und voll, mit achtzehn Jahren war ihr das Elternhaus 
ein Gefängnis, in dem ihre wuchernde Phantasie verdorren 
mußte. Sie war ein jähes, flammendes Geistgeschöpf, in 
niederer Luft bei Töpfen und Näharbeit, in dumpfer Un 
wissenheit gehalten. Kräfte, die immer schlafen sollen, Pulver, 
das man allzuhoch häuft, einmal bahnen sie sich den Er 
lösungsweg aus der Ruhe, zu Tat und Flamme. Sie hatte 
Weißnähen erlernt und durfte im Hause der Adelsfamilie, der 
alles Land rings um die kleine Stadt gehörte, an einer großen 
gräflichen Aussteuer mitarbeiten. Welche Ehre! Wieviel 
Träume von Spitzen und seidenkühlem Linnen nun bei Tag 
und Nacht! Julie ging heim, von hohen Räumen in niedere, 
von erregtem Mädchenlachen und Geflüster, Hochzeits- und 
Gespenstergeschichten noch umsummt, kam heim in hartum 
HJ 
grenzte Enge. Roch den Schweiß der Schmiede, sah die 
derbe, fronende Mutter mit dem Kindergehorsam gegen „den 
Meister.“ Und sehnte sich gewiß sehr nach Schöne, wenn der 
kleine Spiegel der Schlafkammer ihr im Mondlicht die weißen 
Glieder in Verklärung zeigte. Es geschah dann, daß bei der 
Hochzeit auch die gräfliche Nähstube ihren Festschmaus be 
kam, bei den Aufführungen im Saal an der Tür Zusehen durfte, 
daß da unter den Musikanten ein Geiger war, selber straff 
wie eine Geigensaite und voller Schnellkraft, mit Glutaugen 
im Kopfe. Und es geschah, daß Julie sich in ihn festsah. 
Leicht fanden sich die zwei; es wurde eine Liebe, glühend 
und flüchtig wie Traubengeist. Ein armer Teufel aus Ungarn 
war’s, nie Tange seßhaft in einem Orte, voll Sehnsucht und 
Unrast wie alles echte Musikantenblut. Julie fiel ihm zu; da 
war hüben und drüben wenig mehr Schuld, als ein Baum an 
seinen Früchten hat, der Wind an seiner Gewalt, die Wolke 
am Blitz, der sie zerreißt. An einem Herbstmorgen war der 
Liebste dann über die Berge; ein Lied, das er in Noten ge 
setzt, und ein letztes Liebes- und Abschiedswort kam ihr noch 
zu. In Verzweiflung fühlte sie eines Kindes Leben in sich er 
wachen; so lange ahnungslos verkannt. Gewiß, daß der Vater 
sie mit dem Schürhaken erschlagen würde. Sitte und Ehr 
barkeit waren Worte, die im Handwerkerhaus nicht ausgingen. 
In schweren Nächten, kam ihr ein Ausweg. Sie erklärte den 
Eltern, sie wolle fortgehen, eine Weile in anderer Stadt ihr 
Brot verdienen. Das gefiel dem Vater; noch war die Wander 
lust in seinem Blute nicht kalt geworden. Man bestimmte zum 
Aufenthalt eine Verwandte der Mutter, die im Badischen 
wohnte. Briefe wurden getauscht, endlich kam Julie auf die 
Fahrt. In der letzten Nacht vor der Reise trat die Mutter in 
ihre Kammer. Julie lag bleich, mit ahnungsweiten Augen im 
Bette. Still glitt die Mutter auf den Bettrand nieder, streichelte 
die Flechten ihres schönen Kindes und sagte sanft, wie nie 
zuvor in ihrem arbeitsvollen Leben: „Sei wahr zu mir, Julie, 
sei nur wahr. Wir können vieles, aber an der Lüge gehen wir 
zugrunde!“ Das Wort riß der Tochter bald das qualvolle 
Geständnis vom Herzen; unter Tränen strömte die Last aus. 
Die Mutter hörte still, hinter halbgeschlossenen Augen. Aus 
verschütteter Tiefe kam eine Sommernacht wieder zum Leben; 
da war ein Feldrain zwischen Weizen und Wicke, da war der 
Silberschlag der Grillen, hinjubelnd zu eines Menschenherzens 
Geburt. Kein Wort des Vorwurfs stand zwischen ihnen auf; 
mit festem Sinn ordnete die Mutter nur des Mädchens ver 
wirrten Plan. Julie fuhr auf kurze Zeit zu der Verwandten, 
erhielt von der Mutter dann heimlich erspartes Geld gesandt 
und ging damit in die Hauptstadt. Sie hatte gehofft, sich mit 
Weißnähen noch eine Weile ernähren zu können, doch die 
grobe Gewalt des steinernen Irrgartens, der mit Tobenden 
an gefüllt schien, die Schmerzen des Heimwehs warfen sie früh 
hin. Das Knäblein starb ihr, sie raffte sich auf und begann 
ein neues Leben zu zimmern. Arbeit! stand über der Tür. 
Sie blieb in der großen Stadt und ernährte sich tapfer, lernte 
und las, an Bücher nun mit jener Glut hingegeben, die ihres 
Wesens Kern war. Sie wurde die geschäftliche Stütze eines 
kleinen Kaufmanns. Und wurde nach Jahren sein Weib. Zur 
Hochzeit legte sie der Mutter kostbares Brauthemd an. 
Stattlich schön, im Bewußtsein ihres Menschenwertes, mag 
sie das Jungfrauengewand vielleicht doch voll Stolz getragen 
haben. Tat es dann fort, es zu verwahren, bis eine Tochter 
sich in Züchten 'an ihrem Hochzeitstage damit schmücken 
könnte. 
Von dieser Tochter, der berühmt gewordenen Opernsängerin, 
weiß niemand aus eigenem Munde, unter welchen Vorzeichen 
ihre Ehe geschlossen wurde. Man erzählte viel von einer 
Prinzenliebe zu ihr und von zahlreichen • anderen Leiden 
schaften, ehe sie sich einem älteren Freiherrn vermählte. Die 
Gerüchte schwiegen nicht, auch als ihre einzige, leider ganz 
talentlose Tochter schon erwachsen war. Die berühmte Frau 
hatte nie ernsthaft sein mögen, hatte Stunden des Besinnens 
immer hinweg gespottet. Als sie einmal von einer Tournee 
heimkam, fühlte sie sich unwohl und brachte einige Wochen
        
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