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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 25 
Jafirg. 27 
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„Wenn du dich nicht entscheiden kannst, so laß sie 
alle drei laufen und nimm diesen hier, den Maler Kurt 
Bender.“ 
„Ein Rat, den ich in Erwägung ziehen will.“ Ein 
koketter Blick, dann sahen die drei ihren tiefentblößten 
Nacken und ihre Augen richteten sich funkelnd auf 
Bender. „Sie sind Maler?“ 
„Ja. Und ich möchte Sie malen.“ 
„Wie wollen Sie mich malen?“ 
„Das werde ich Ihnerl in meinem Schlafzimmer 
sagen.“ Er hatte die Worte fest und eindringlich ge 
flüstert. Ihre Blicke tauchten ineinander. Wenige Se 
kunden schwiegen sie. Dann sprach die Baronin, 
während ihr Atem schneller ging. „Und Sie glauben, daß 
ich dorthin kommen werde?“ 
„Ich glaube es.“ 
„Ich habe meine Wahl noch nicht getroffen.“ 
„Dann bitte, entscheiden-Sie sich. Wünschen Sie, daß 
ich zurücktrete?“ 
„Nein.“ 
„Sie erlauben also, daß ich an Ihrer Seite bleibe?“ 
„Führen Sie mich dort zu jenem Sessel und bringen 
Sie mir etwas zu trinken.“ Sie legte ihre Hand auf seine 
Schulter, warf den Kopf in den Nacken und ging mit 
ihm zu dem bezeichneten Platz. 
Er zog ein kleines Tischchen heran, holte Sekt, Pastete 
und leckere dünne Schnittchen herbei. Dann setzte er 
sich neben sie. „Ich danke Ihnen, daß Sie sich für mich 
entschieden haben.“ 
„Ihre Brutalität hat mich dazu bestimmt. Doch lassen 
wir das jetzt. Sagen Sie mir etwas über die Menschen, 
die uns umgeben. Ich nehme an, sie sind Ihnen bekannt. 
Wer ist diese zierliche goldblonde Person im sehr engen 
Tüllkleid, die mit Rolf spricht? Sie sieht überaus 
pikant aus.“ 
„Das ist die Filmschauspielerin Bella Hella. Lebt von 
ihrem Mann geschieden und hat ein Verhältnis mit 
einem reichen Bankier, Zu ihrem Mann, der Regisseur 
beim Film ist, steht sie in freundschaftlichen Beziehun 
gen. Und neben ihr, die überschlanke Person, das ist 
die Tänzerin Senta Sand.“ 
„Ach, ja. Ich erinnere mich, ich habe sie tanzen 
sehen. Sie ist häßlich.“ 
„Es ist eine interessante Häßlichkeit, die ihre Züge 
aufweisen. Wie sprechend ist ihr Gesicht. Was erzählt 
es nicht alles dem, der darin zu forschen versteht.“ 
„Sie sehen mit den Augen des Künstlers.“ 
„Man braucht nicht Künstler zu sein, um das zu er 
kennen. Sehen Sie in dieses Gesicht und betrachten 
Sie dagegen die Züge der anderen anwesenden Frauen, 
Schöne, aber glatte, nichtssagende Gesichter. Kein 
Funken von Geist leuchtet hinter diesen Stirnen. Kein 
seelisches Erlebnis war imstande, diesen Masken 
Linien einzuzeichnen. Das sind Körper, denen weder 
Geist noch Seele innewohnt.“ 
„Und Sie meinen, die Sand — hätte beides?“ 
i,Ihr Geist beherrscht die Seele.“ 
„Sie scheinen sie sehr genau zu kennen.“ 
„Sie hat mir Modell gestanden und dabei lernt man 
auch den inneren Menschen kennen.“ 
Die Baronin hatte das Glas ergriffen. Langsam führte 
sie es zum Munde und trank schluckweise den perlen 
den Sekt. Als sie das Glas leer auf den Tisch zurück 
setzte, sprach sie: „Wenn man sich doch selbst er 
kennen könnte! Wenn man wüßte, wohin man 
steuerte!“ Eine leichte Nachdenklichkeit, die ihre Stirn 
umlagerte, abschüttelnd, fuhr sie fort: „Aber — um 
ernste Gespräche zu führen, bin ich nicht hierher ge 
kommen. Wenn Sie mich dazu anregen, dann muß ich 
mir wohl einen anderen Gesellschafter suchen.“ 
„Ich weiß, was sie wollen, gnädige Frau. Sie wollen 
verbotene Freuden genießen. Sie wollen süßbetäubendes 
Gift schlürfen —“ 
„Süßes, betäubendes Gift, ja — ich will — ich will“ 
— sie preßte den Kopf an die Lehne des Sessels und 
schloß die Augen — „ich kann Ihnen nicht erklären, 
was mich treibt — es ist nicht allein die Befriedigung 
meiner Sinne — es ist das lockere Leben an sich — 
die zügellose Ungebundenheit, die einen betörenden 
Reiz auf mich ausüben.“ 
„Sie wollen Ihre Politur abstreifen — wollen unter 
tauchen in Abgründe — aber, ich rate Ihnen, wenn Sie 
das wollen, machen Sie einen Strich zwischen Ihrem 
bisherigen Leben, und dem, nach dem Sie verlangen.“ 
„Das kann ich nicht. Es ist nicht Feigheit — nur 
Rücksicht auf andere, die mir nahe stehen, hindert mich 
daran.“ 
„Man soll nicht an andere, sondern an sich selbst 
denken.“ 
„Ich denke ja an mich selbst, und — ich werde sehen, 
wohin es mich treibt. Das Steuer ist meinen Händen 
entglitten. Warten wir ab, wohin ich getrieben werde.“ 
„Zunächst zu mir. Können Sie sich frei machen für 
ein paar Tage?“ 
„Ich weiß nicht.“ 
„Sie werden eine kleine Reise vorschützen. Fahren 
mit einem Handkoffer zur Bahn und landen bei mir.“ 
Nun saß man dicht aneinander gedrängt. . . 
Die Augen der Baronhl leuchteten auf. „Ich werde 
es versuchen, es muß gehen.“ 
„Können Sie das schon für morgen arrangieren? Ihre 
Reize bestricken mich. Ich werde Sie mit Ungeduld 
erwarten.“ 
„Ich will versuchen, morgen abend abzureisen. Er 
warten Sie meine telephonische Nachricht.“ 
„Bender ergriff die Hand der Baronin und drückte 
einen Kuß auf ihren Arm. „Wollen wir uns am Spiel 
beteiligen?“ 
„Ah, es wird gespielt. Ninon de Barry reckte sich 
empor. Sah, wie man einen Tisch in die Mitte des 
Zimmers stellte und ihn mit einer grünen Decke be 
deckte, auf der zwei größere Felder bemerkbar waren. 
Mit einer schnellen Bewegung erhob sie sich: „Ja, ich 
will mein Glück versuchen.“ 
„Sie werden im Spiel kein Glück haben.“ 
„Wir werden ja sehen.“ 
Sie traten an den Tisch, um den man sich zu grup-, 
pieren begann. Franz schleppte eine Pyramide kleiner 
goldener Stühle herbei, die ihm aus der Hand gerissen 
wurden. 
Nun saß man dicht aneinander gedrängt, ein jeder 
damit beschäftigt, Geldscheine vor sich aufzustapeln. 
Der Bankhalter begann Bündel von Banknoten vor sich 
niederzulegen. Dann erklang seine Stimme: „Bitte, das 
Spiel zu machen.“ 
Tortsetzung folgt.
        
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