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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 25 
Jahrg. 27 
19 
„Nichts leichter als das. Misch dich in unsere Ge 
sellschaft.“ 
„Du weißt," ich fürchte die Öffentlichkeit.“ 
„Wir treffen 1 nicht nur in Lokalen zusammen. Bei 
Sie las es in den auf sie gerichtet 6n Augenpaaren, 
mir findest du oft lustige Gesellschaft. Heute zum Bei 
spiel kommen ein paar gute Freunde und Freundinnen, 
wenn du bleiben willst, bist du willkommen. Aber, du 
darfst kein Spielverderber sein. Vielleicht plötzlich die 
vornehme Dame spielen wollen.“ 
„Das sollte mir einfallen. Nein, du — ich gebe dir 
mein Wort darauf. Kein Mensch soll die in mir ver 
muten, die ich bin, oder vielmehr, endlich werde ich 
die sein können, die ich meiner Veranlagung nach bin. 
Du wirst mich unter einem anderen Namen einführen. 
Schnell, taufe mich. Ah, diese Deckung wird mich noch 
freier machen. Nennen wir mich Ninon de Barry.“ 
Sie war aufgesprungen, reckte die Arme in die Höhe 
und atmete tief. „Ah, das ist eine gute Idee — eine 
glänzende Idee — paß auf, wie ich meine Rolle spielen 
werde. Doch nun schnell nach Haus, in einer knappen 
Stunde bin ich zurück.“ 
„Warum willst du erst fort?“ 
„Weil ich mich umziehen muß. Oh, du sollst sehen, 
wie ich mich in Szene setzen werde.“ Sie beugte sich 
über ihn und drückte einen flüchtigen Kuß auf seine 
Stirn. 
„Leb wohl, Schatz. Also vergiß nicht, Ninon de 
Barry.“ Dann klappte die Tür. 
„Verrücktes Frauenzimmer! Es wird Zeit, daß ich 
sie los werde.“ Mit lauter Stimme rief er nach Franz. 
„Franz!“ wandte er sich an den Eintretenden, „ich 
brauche eine halbe Stunde Schlaf — nicht stören — dann 
wecken — gegen elf kommen meine Gäste. Sie wissen 
ja Bescheid.“ 
Es war nicht eine knappe, sondern eine reichliche 
Stunde vergangen, als Elisabeth zurückkehrte. Als 
Letzte betrat sie den Raum, in dem Rolfs Gäste sich 
zusammengefunden hatten. Einen Augenblick war sie 
in der geöffneten Tür stehen geblieben, hatte sie ihre 
forschenden Blicke über die Anwesenden gleiten lassen, 
um dann mit einem Lächeln um den schmalen, blutrot 
gefärbten Mund Rolf zu begrüßen. Staunen und Be 
wunderung wehten ihr entgegen. Sie las es in den auf 
sie gerichteten Augenpaaren. 
„Ninon de Barry“, stellte Rolf vor. 
Die Herren verneigten sich. Die Damen musterten 
ihre Toilette. Schick und sehr kostbar. Einen reichen 
Liebhaber mußte die Person haben. Wer war sie? War 
sie beim Theater? Beim Film? Rolf hatte nur ihren 
Namen genannt. Der sagte ihnen nichts. Berückend sah 
sie aus, das mußte man ihr zugestehen. Weniger schön, 
als verführerisch. Nun, sie geizte ja auch nicht mit dem 
Anblick ihrer Reize. Das Wickelkleid in Goldbrokat 
umspannte ihren überschlanken Körper bis zur Brust 
höhe. Schmale Bänder hielten den Stoff, liefen über die 
Schultern bis in die Gürtellinie. Hals, Nacken und 
Arme waren frei und vollkommen schmucklos. Nur 
die blaugeäderten Hände starrten im Schmuck funkeln 
der Brillanten. Und die schwarzen abgrundtiefen Augen 
wetteiferten im Blitzen mit den Edelsteinen. 
„Das ist ein dämonisches Weib. Wo stammt diese 
Frau her?“ Kurt Bender war neben Rolf getreten. Die 
Augen auf die Baronin geheftet, tat er die Frage. Es 
waren graue, stahlharte Augen, die über einer ge 
bogenen, scharf geschnittenen Nase saßen. Über die 
niedere Stirn fielen wirr ein paar braune Haare. 
„Das will sie nicht gefragt sein.“ 
„Aha — ,nie sollst du mich befragen* — gut, ich 
weiß Bescheid. Ist es Neugierde oder das Blut? Ich 
glaube, letzteres. Nun, das kann befriedigt werden. 
Oder — erhebst du Ansprüche?“ 
„Im Gegenteil. Es wäre mir lieb, wenn du sie mir 
abnehmen willst. Und was das Blut betrifft, so hast du 
recht. Es ist rebellisch geworden.“ 
„Eine Frau mit solchen Augen kann in der Ehe nicht 
treu sein. Ich wette, sie ist eine vornehme Frau und 
verheiratet. Man merkt das trotz ihrer Nonchalance und 
der frechen Miene, die sie aufsetzt. Sieh nur, wie Frank, 
Keppler und Granach sie belagern. Ob es schwierig 
sein wird, sie aus dem Felde zu schlagen? Ich will es 
versuchen — sie reizt mich — reizt mich kolossal, 
diese Frau.“ 
Sie waren in den Kreis getreten, der die Baronin 
umgab, Rolf zögerte, sie anzureden. Er wußte nicht, 
wünschte sie zeremonielle Höflichkeit oder sollte er 
„Ja. Und ich möchte Sie malen.“ 
sie duzen. Sie hatten vergessen, das zu verabreden. Da 
wandte sie sich ihm zu. 
„Rolf, hilf mir. Sieh, die drei bewerben sich um 
meine Gunst. Die Wahl wird mir schwer."
        
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