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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 25 
18 
1. Tortsetzung 
U nsere Liebe — wir wollen uns doch nichts vor 
machen — ist doch zumeist nur Augenblicks 
oder Berufssache.“ 
„Man kann sich die Liebe doch wenigstens Vor 
täuschen.“ 
„Wenn wir unter uns sind? Wozu? Wir mimen ja 
auf der Leinwand schon genug.“ 
„Ich sage es noch einmal, du bist ein Ekel.“ Bella zog 
die Autokappe tiefer in die Stirn, daß auch die letzten, 
noch wehenden goldblonden Löckchen gefesselt wurden 
und schloß fest die Lippen. 
„Wenn nur alle Frauen so dächten, vielleicht würde 
ich dann wieder lieben können.“ 
Als Rolf Roderich gegen sieben Uhr in sein kleines 
luxuriös eingerichtetes Junggesellenheim zurückkehrte, 
setzte er sich mit Behagen an den gedeckten Tisch. Mit 
Appetit verzehrte er die für ihn bereitgestellten Speisen. 
Die Fahrt in dem offenen Auto hatte seine Nerven er 
frischt. Seine Tagesarbeit lag hinter ihm. Das gab ihm 
Befriedigung. Ein paar Gläser Sekt verbesserten seine 
Laune. 
Nun warf er sich auf den Diwan nieder und paffte 
den Rauch seiner Zigarette in die Luft, während Franz 
ihm den kleinen japanischen Tisch erreichbar rückte, 
auf dem er den Mokka servierte. 
„Ach, wenn man doch nur allein bleiben könnte, 
Franz! Aber nun rücken einem die Weiber wieder auf 
den Leib.“ 
„Der gnädige Herr kann ja ohne die Frauen gar 
nicht sein.“ 
„Das käme doch auf den Versuch an.“ 
„Dann versuchen der gnädige Herr es doch einmal.“ 
„Sie lassen mich aber doch nicht los.“ 
„Wenn der gnädige Herr es ernstlich will —“ 
„Soll ich gleich heut beginnen?“ 
„Dann muß ich der Frau Baronin abtelephonieren.“ 
„Sie wird schon unterwegs sein. Und — auf einen 
Tag kommt es ja nicht an.“ 
CH- 
1/iarer * 
Bilder: Linge 
Lächelnd hatte Franz das Zimmer verlassen. Ein 
wenig emporgereckt trank Rolf schlürfend den starken 
Kaffee. Dann ließ er sich wieder in die weichen Kissen 
zurückgleiten, in denen er sich wohlig streckte und 
reckte. 
Nun würde die Baronin kommen, die große Dame, 
die anständige Frau, die eine tolle Leidenschaft für ihn 
erfaßt hatte. Sie kam zu ihm, um sich bei ihm für die 
Eintönigkeit ihrer Ehe schadlos zu halten. Um in seinen 
Armen das Feuer ihrer Sinne zu ersticken. 
„Du hast einen Dämon in mir erweckt“, hatte sie 
gesagt, „einen Dämon, der mein Blut in Aufruhr ver 
setzt hat, der mich verlangend vorwärts treibt.“ 
Er hatte sie an sich genommen, wie er alle Frauen 
nahm, wie eine schöne, prangende Frucht, die man 
ihm bot. Die er verspeiste, weil sie für ihn bereit stand. 
Er war ihr erster Geliebter. Ihre Naivität hatte ihn 
gefesselt. Als sie bei ihm Schule gemacht, war er ihrer 
überdrüssig geworden. Sie langweilte ihn, wie ihn alle 
langweilten, die er ein paar Mal besessen. 
Roderich war eingeschlafen. Plötzlich atmete er 
schwer. Etwas bedrückte ihm die Brust. Als er die 
Lider hob, sah er über sich gebeugt ein schneebleiches 
Gesicht, in dem die schwarzen Augen ihm entgegen 
funkelten. Noch bevor er sprechen konnte, preßten 
saugende Lippen sich auf seinen Mund und ein 
schlanker Frauenleib, dessen Arme ihn umrankten, 
schmiegte sich fest an ihn. 
Unter der Gier ihrer Küsse wurde er warm, aber 
nicht warm genug für ihre Zärtlichkeit. Da sprang sie 
empor, riß sich die Kleider vom Leib und stand in 
ihrer Nacktheit vor ihm. 
Er wühlte sich aus dem Kissen und stellte sich auf 
die Füße. „Glaubst du, daß mich das reizt?“ Er packte 
ihre nackte Schulter und schrie in ihr Ohr: „Wenn dex 
verdammte Alkohol nicht wäre —“ 
Sie hing an seinem Halse. Eng umschlungen fielen 
sie auf den Diwari nieder. : —* 
Elisabeth von Tellmann hatte das Spitzenhemd über 
ihre Blöße gezogen und streckte die Arme in die Höhe. 
„Nun muß ich wieder zurück in die Atmosphäre der 
Wohlanständigkeit — ach — wie ich sie hasse, wie ich 
sie hasse. Warum bin ich die Baronin Teilmann? 
Warum gehöre ich nicht zu euch? Warum bin ich keine 
Schauspielerin?“ 
„Andere wären froh, an deiner Stelle zu sein, Baronin 
— reich — Mann — Kinder — und Position, meine 
Liebe.“ 
„Das schon — aber die Freiheit —“ 
„Nimmst du dir.“ 
„Elisabeth von Teilmann schlüpfte in ihr goldfarbenes 
Seidenkleid, dann ging sie in das anstoßende Schlaf 
zimmer, um vor dem Spiegel ihr ebenholzschwarzes 
Haar zu ordnen. Ein tiefer, festgeglätteter Scheitel um 
rahmte das schmale, bleiche Gesicht, in dem die 
dunklen Augen wie Kohle brannten. Die Augen, die den 
Madonnenscheitel zu einer Lüge stempelten. 
Wieder in das Zimmer zurückgekehrt, in dem Rolf, 
lang auf den Diwan gestreckt, sich herumräkelte, zog 
sie einen Stuhl an den Tisch, auf dem die Kaffeekanne 
mit dem kalt gewordenen Kaffee stand. Sie schenkte 
Rolfs geleerte Tasse voll, tat drei Stücke Zucker hinein, 
schlürfte langsam den braunen Trank. 
„Franz hätte dir doch eine andere Tasse bringen 
können.“ 
„Ach, wozu! Gerade dieses Formlose, dieses 
Bohemienmiheu ist es doch, was mich reizt.“ Sie schlug 
die Beine übereinander, lehnte sich in den Sessel zurück. 
„Suche dir einen anderen Liebhaber.“ 
»Das ( werde ich tun. Gib mir Gelegenheit, ihn zu 
tmden.
        
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