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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 25 
Jafirg. 27 
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Semirames und sie entschuldigte sich ihren beiden 
Favoriten gegenüber mit den Worten: 
„Meine lieben Freunde, verzeiht, wenn eure Königin 
einen Augenblick in der Liebe säumig war. So wahr ich 
lebe, ich verspreche euch, diese Minute soll sich nie 
mehr wiederholen.“ 
Semirames hielt ihr Königswort, aber Teres und 
Onomarchos wurden mit der Zeit müde und schläfrig. 
Als sie eines Morgens beide in einen tiefen Schlummer 
verfallen waren, trat die Königin mit ihrem Henker an 
die Ruhestätte der beiden und mild, wie sie an diesem 
Morgen gestimmt war, befahl sie, die beiden Männer, 
ohne daß sie erwachen und etwas davon wissen 
konnten, im Schlafe zu erdrosseln 
NA NS' W A L T N £ Ä- BETZ 
s war im Jahre des Herrn vierhundert- 
undsoundsoviel. Die Freie Reichsstadt 
Nürnberg lag im Glanze der Oktober 
sonne friedlich da, Die engen Gassen 
waren belebt und auf dem Marktplatze 
wogte die Menge der Menschen. Es 
schien, als ob ein Aufruhr drohe. Vor 
dem Rathause standen städtische 
Söldner in blankem Harnisch mit blitzenden Helle 
barden. Anna Holzmacher sollte heute verhört und ver 
urteilt werden. Sie war das schönste Mädchen der Stadt, 
mit flachsblondem Haar und freundlichen, blauen 
Augen. Ihr Vater war ehrsamer Hufschmied und ihre 
Mutter eine brave, gutbürgerliche Hausfrau. Anna aber 
war bei allen beliebt, weil sie allezeit freundlich und 
gefällig und brav war. 
Auf dem Marktplatze schwirrten Gerüchte hin und 
her. 
„Es ist nicht möglich, daß Anna Holzmacher mit 
Immo zusammen war. Sie, die ehrsame Jungfer!“ 
„Oft genug ist sie mit dem Balz Immo gegangen.“ 
„Aber gesündigt haben die beiden nit. Warum soll 
das Mädel keinen Liebsten han?“ 
„Ich glaub’s auch nit“, fiel ein dritter ein, und der 
vierte wisperte halblaut: 
„Ihr wißt wohl nit, daß der Ignazius Eberlein, unser 
wohllöblicher Oberstadtrichter, bei der Holzmacherin 
um die Anna geworben hat, aber abfuhr, weil die Anna 
den stolzen, falschen Gecken nit mochte?“ 
Ein fünfter, vierschrötiger Bürger brüllte wütend da 
zwischen: „Daß ihr’s alle wißt: Der Eberlein soll einen 
dummen Knecht bewogen haben, uns zu sagen, daß 
Anna im Festungsgraben, nahe dem Gehöft des 
Schmieds, ihr neugeboren Knäblein ertränkt habe. Das 
hat der Knecht getan und so hat der Richter sich an 
Anna gerächt wegen der Abweisung, den sein Dünkel 
und Hochmut nit verwinden konnte!“ 
„Warum hat sich Immo Balz nit verteidigt? Warum 
ist er aus dem Stadtkreis geflohen, wie ein Schuldiger?“ 
„Hätt’s ihm genützt? Sie hätten ihn gefoltert und 
verurteilt. Auf der Folter gesteht auch ein Engel, daß 
er ein Verbrecher ist.“ 
„Mir tut Anna leid! Wenn sie weiter leugnet, wird 
sie auch in die Folterkammer kommen.“ 
„Man soll den Kerker stürmen“, rief der Vier 
schrötige, „und die Holzmacherin befreien.“ Und mit 
lauterer Stimme fuhr er fort, daß jeder auf dem Markt 
ihn hörte; „Oder ist einer unter uns, der der Anna und 
dem Immo Sünde zutraut, weil der Oberrichter es will?“ 
Das Volk murrte und von allen Seiten scholl ein 
kräftiges „Nein!“ 
Da stürmten die Hellebardiere vor und trieben die 
aufgeregte Menge in die Nebengassen ab. 
In dem feuchten, dunklen Kerker, dessen traurige 
Öde nur ein schwachglimmendes Öllämpchen erhellte, 
lag auf einem armseligen Strohlager ein schönes, junges 
Weib, die schweren, blonden Haare fielen der Un 
glücklichen, aufgelöst wie ein goldener Mantel, über die 
Schultern. Ihr Mieder war zerrissen und ihre leichte 
Bluse schmutzig und zerfetzt von den rohen Griffen 
der Stadtknechte. Sie war wie eine schwere Ver 
brecherin mit Eisenketten an die Wand gefesselt und 
betete inbrünstig zu Gott, der ihre Unschuld sollte zu 
Tage kommen lassen. Beim ersten Verhör, das der 
von ihr verabscheute Oberrichter geführt, hatte sie 
tapfer alles abgestritten. Doch der Knecht, den Eberlein 
gedungen, hatte falsch’ Zeugnis wider sie ausgesagt. Da 
war sie in Tränen ausgebrochen und hatte nur noch mit 
wundem Herzen gesehen, wie ihre alte Mutter vor dem 
dünkelhaften Richter auf die Knie gefallen war, wie der 
Richter sich achselzuckend abwandte und ihr Vater sein 
Weib aufgerissen und mit sich hinausgeführt hatte. 
Der Armen krampfte sich das Herz zusammen. Eine 
heiße Sehnsucht nach dem geliebten Immo wallte in ihr 
auf. 
Die eiserne Kerkertür quietschte in den rostigen 
Angeln. Eberlein und ein Gerichtsdiener, der eine 
Fackel trug und sie an einem Ring der Kerkermauer 
befestigte, traten ein. 
Der Gerichtsdiener ging stumm hinaus. Hinter ihm 
schloß sich die Kerkertür wieder. 
Mit kaltem Lächeln trat Eberlein zu der Gefesselten, 
die sich abgewandt hatte, und sprach: 
„Holzmacherin, nehmt Vernunft an! Gesteht, daß Ihr 
den Knaben ertränkt habt. Ich werde für Euch sprechen 
und erwirke für Euch Gnade! Ihr werdet der Stadt ver 
wiesen! Was tut’s? Ihr wißt, wie heiß ich Euch liebe, 
Ihr werdet mein Weib und folgt mir auf mein Gut in 
Franken.“ 
„Ihr wißt am besten, daß ich unschuldig bin“, rief ihm 
die Verzweifelte zu, „Ihr könnt mich retten, ohne daß 
ich meine Ehre verliere.“ 
„Und wenn es so wäre“, antwortete der Richter 
lauernd, „du weißt, daß ich toll bin nach dir! Mein Stolz 
verträgt es nicht, daß eine bürgerliche Jungfer, und wenn 
sie zehnmal die schönste ist, einen Junker hochmütig 
abweist.“ 
„Ihr wagt es dennoch — “ Anna schrie auf und 
Tränen erstickten ihre Stimme. 
Da beugte sich der Junker zu dem schönen Weibe 
nieder und nahm ihren Kopf in den Arm. Aber Anna 
riß sich los. Doch der Junker packte sie mit rauhem 
Griff an den Haaren, und die Gefesselte mußte wehrlos 
gehorchen. 
„Ihr vergreift Euch an einem wehrlosen Weibe!“ 
schrie sie auf. 
„Was tut s, hier sieht uns niemand. Ich kann mich 
nicht länger beherrschen.“ 
Und mit frechen Händen riß er ihr die zerfetzte 
Bluse auf und betastete mit gierigen, zitternden Fingern 
die weißen, straffen Hügel ihrer Brust. 
CTortsetzung Seite t6J
        
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