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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 25 
Jahrg. 27 
SEMIRAMES 
Die schöne Königin von Assyrien, Semirames, erging 
sich nach dem Tode ihres Gemahls Onnes süßester 
Wollust. Sie war eine Frau von unerhörtem Schönheits 
sinn, von großer Prachtliebe, aber auch von asiatischem 
Despotismus durchdrungen. So sagte man ihr nach, daß 
sie keine Widerrede an ihrem Hofe von Babylon er 
dulden konnte. Wer ihr widersprach, der verfiel uner 
bittlich dem Henker. Der Henker war ein Eunuch und 
ihr viehisch ergeben. 
Auch in der Liebe erduldete sie nie eine Widerrede. 
Wenn Semirames befahl, so mußte das Objekt ihrer 
Lüste gehorchen. Aus diesem Grunde machten die 
schönen Männer Babylons um ihre Königin einen 
großen Bogen, denn fiel ihr königliches Auge auf 
einen unter ihnen, so war er gewissermaßen dem Tode 
geweiht. Durch dieses Manöver kam es so weit, daß 
um die Königin herum bald nur Affengesichter und 
Tattergreise sich befanden. Ihr Kanzler war selber ein 
asiatischer Dickbauch, der bei seinen asthmatischen 
Beschwerden eine Königin kaum in Rage und Ekstase 
bringen konnte. 
Semirames fragte eines Tages ihren Kanzler Tisias: 
„Lieber Freund, wie ist es möglich, daß alle Könige 
und Königinnen Asiens so schöne Männer um sich 
haben, während ich lauter Greise und Affenköpfe in 
meiner nächsten Umgebung sehe? 
Der Kanzler erwiderte: „Königin, man fürchtet Eure 
heiße Leidenschaft und die Glut, die so verzehrend 
wirkt.“ 
Semirames lachte höhnisch: „Gut. Ich wünsche, daß 
binnen acht Tagen hundert edelgewachsene, schöne 
Untertanen männlichen Geschlechts meinen Hofstaat 
bilden. Jeder Greis hat mir einen Jüngling zu besorgen, 
andernfalls mein Henker sein altes Haupt ihm vor die 
Füße legen wird. 
Die Greise beeilten sich zitternd, einen Hofersatz auf 
zutreiben und bald waren hundert Jünglinge, 
meistens gefesselt, am Hofe zu Babylon. 
Semirames hatte die Auswahl. Von diesen 
hundert Jünglingen wählte sie ein Dutzend 
aus, an ihnen wollte sie ihre königliche Kraft 
erproben. Zehn dieser Jünglinge unterlagen 
bald ihrer Wildheit, und da sie es wagten, 
Bankrott anzumelden, ließ sie sie stäupen, 
um sie nachher in den Fluß werfen zu lassen. 
Nur zwei riesenhafte Herkulesse brachten 
es soweit, daß die Königin Semirames eines 
Tages erklärte, sie sei besiegt. Nun war es 
an ihr, zu widersprechen. Die beiden Jüng 
linge aber erklärten ihr, daß das nicht ginge, 
denn sie hätten den strikten königlichen 
Befehl, in der Liebe keinen Halt zu machen. 
„Aber ich bin eure Königin“, erklärte sie 
Onomarchos wie auch Teres. 
Teres aber, ein zügelloses, wildes Raub 
tier, packte das Weib Und warf es auf das 
Lager. Semirames schrie wütend auf: „Ich 
befehle dir, mich zu verlassen!“ 
Da hörten die Türhüter von dem Kampfe 
drinnen und sie eilten mit Keulen herbei, um 
ihre Königin zu retten. 
Da Semirames ihre Kleider von sich ge 
worfen hatte, war die Situation für eine 
Königin sehr peinlich und mit einer nervösen 
Handbewegung wies sie den Hütern ihres 
Palastes die Tür. 
Mit letzter Anstrengung küßte sie Teres 
und als er mehr und mehr Liebe 
von seiner Geliebten heischte, 
wußte sie keinen anderen Aus 
weg, als daß sie ihn zum Statt 
halter machte und ihm befahl, so 
fort sein Land zu regieren. 
In diesem Augenblick erschien 
der andere Jüngling, Onomarchos, auf der Bildfläche, 
um an Stelle seines Freundes das Lager der Königin 
zu teilen. 
Semirames aber sagte: „Onomarchos! Der Befehls 
haber meiner hängenden Gärten ist gestern gestorben, 
ich wünsche, daß du heute noch an seine Stelle trittst.“ 
Der andere erwiderte: „Königin, das hat wohl Zeit 
bis morgen.“ 
Sie aber sagte; „Nicht einen Augenblick mehr, ich bin 
nicht mehr in der Lage, dich länger hier zu beher 
bergen.“ 
Da vergaß der heißblütige Jüngling Königin, Befehl, 
hängende Gärten und alle Obliegenheiten und er stürzte 
sich auf seine Geliebte, die er unter seinen Küssen 
begrub. 
Da entzündete sich plötzlich eine neue Glut im 
Herzen der Königin und ihr war, als flösse herrlichste, 
heißeste Jugend wieder durch ihre Adern. 
Sie stammelte in seiner Umarmung: „Geliebter, ich 
werde meinen Henker zum Obergärtner ernennen, du 
aber wirst die Nacht bei mir bleiben und ebenso dein 
Freund Teres.“ 
Ein paar Stunden später brachte der königliche Gala 
wagen auch Teres wieder an das Lager der Königin
        
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