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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 25 
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EGON H. S'TQ.AS'S'B U R.OEFG 
DER 
PROPHET 
nter der Regie- 
rungAntirius II. 
lebten die beiden 
Wüstlinge Themison und 
Aristos. Sie waren in 
Cypern geboren und 
Zwillingsbrüder. Wäh 
rend Antirius sich nicht 
um die Regierung küm 
merte, regierten Themi 
son und Aristos das 
Reich in sehr unwürdiger 
Weise. In ihren Palästen wimmelte es von cyprischen 
und griechischen Dirnen. Die Sklavinnen hatten keinen 
Respekt vor ihren Herren und die Weiberwirtschaft 
war gar toll. 
Eines Tages brachte ein Feldherr ein bildhübsches 
Weib als Siegestrophäe mit aus dem Kriege. Die beiden 
Brüder gierten nach ihr und jeder verlangte, mit ihr 
das Lager zu teilen. Das Mädchen, rein wie eine Lilie, 
bat flehentlich, ihr das einzige, was sie besitze, ihre 
Reinheit, zu lassen. Als Themison und Aristos ver 
nahmen, daß das Mädchen noch nie die Gunst und 
Liebe eines Mannes erfahren habe, verdoppelte jeder 
seine Anstrengung und jeder versprach ihr Freiheit 
und Gold und Schätze, wenn sie ihm zuerst zu Willen 
sei. 
Weinend stöhnte die Schöne: „Gebt mir die Freiheit, 
und laßt mich in meine Heimat ziehen.“ 
Da lachten alle Dirnen im Palast und auch die Brüder 
schlossen sich dem tollen Gelächter an. Themison hielt 
die linke Hand hoch und alles Volk schwieg. 
„Gut“, sagte er, „der 
Hohepriester soll ent 
scheiden, was ge- 
^ - schehen soll, ihm un- 
3"” terwerfen wir uns 
ganz und gar.“ 
Aristos nickte bei 
stimmend, und er wie 
derholte die Worte 
seines Bruders. Der 
Hohepriester, ein 
Mann noch jung an 
Jahren, erhob seine 
Stimme: 
„Weib, nähere dich 
mir, auf daß ich dich 
fühle.“ 
Das schöne Mäd 
chen näherte sich ihm, 
sank vor ihm auf die 
Knie und küßte die 
Hände des frommen Mannes. Am 
Handkuß fühlte er sofort, wie 
wundervoll brennend diese Lippen 
und welcher Inbrust sie fähig waren. 
„Komm!“ befahl er. Und er schritt die 
Reihen der Söldner und Dirnen hindurch und 
führte sie in sein Gemach. 
Die Brüder staunten mehr und mehr, wollten etwas 
erwidern, aber sie mußten ihrem Versprechen, alles 
dem Priester zu überlassen, treu bleiben. 
Der Priester schloß sich ein und die Brüder nebst 
der Menge warteten vier Stunden. Dann trat der 
Priester heraus und seine Stimme ertönte: „Noch kann 
ich euch keinen Bescheid geben!“ 
Schweigend vernahm man die Worte des Mannes 
Gottes. Und wieder nach vier Stunden kam der Priester 
heraus, während das schöne Mädchen ihm folgte, die 
Blicke zu Boden gerichtet. Sie faßte den Arm des 
Priesters und jeder bemerkte, daß sie ihm von Herzen 
gut war. Hoch hielt Themison seine Hand und mit 
lauter Stimme befahl er dem Priester und Propheten, 
seine Entscheidung mitzuteilen und jener sprach: 
„Themison und Aristos, die Ihr immer in Frieden 
und Eintracht zusammen gelebt, Themison und Aristos, 
ich habe eure Herzen vor Zwist und Feindseligkeit 
gerettet, denn das Mädchen, das rein war wie eine 
Lilie und das Euch so begehrenswert erschien wie nichts 
in aller Welt, ist keine Lilie mehr, sie ist zum Weibe 
herangereift.“ 
Da wollte sich wütend Themison auf ihn stürzen, 
aber Aristos mischte sich dazwischen und sagte: 
„Bruder, halt ein, du hast noch nicht wie ich die Er 
fahrung, wie schwer es ist, ein Mädchen von der Lilie 
in ein reifes Weib zu verwandeln, dem Priester sei 
Dank.“ 
Themison erkannte die Weisheit seines Bruders, 
nahm sanft die rechte Hand des Mädchens, während 
Aristos die andere Hand zärtlich in die seine nahm und 
langsam verschwanden die beiden mit der Schönen, 
während der Priester lächelnd ihnen nachblickte, als 
wollte er sagen: 
„Wir Propheten sind den gewöhnlichen Sterblichen 
wieder einmal vier Stunden voraus.“
        
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