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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 25 
Jahrg. 27 
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giebig genug, um Bella bereit zu stimmen, und alles 
wurde für den Abend verabredet. „Aber das bleibt dein 
Wort: du schläfst diese Nacht neben Filippo und ich 
schulde dir alles in allem nur noch dreihundert Lire?“ 
sagte Bella beim Abschied, und Cornelia antwortete 
lächelnd: „Aber gewiß doch!“ — 
Es ging alles wie besprochen — nur daß Filippo steif 
und kalt ins Bett sank und weder ein Wort zu „seiner 
Frau“ mehr sagte, noch irgend ein Glied rührte. Als die 
enttäuschte Cornelia im fröstelnden Morgen Bella traf, 
machte sie ihr bittere Vorwürfe. „Ja, Närrchen, du 
weißt ihn eben nicht zu behandeln!“ lachte Bella, was 
kann i c h dazu! Bei m i r wird Filippo vom Wein ent 
flammt, bei d i r schläfert er ihn ein.“ 
An der Verabredung war nichts rückgängig zu 
machen, und Cornelia weinte enttäuscht und erbittert 
ihrem ungenossenen Glück und ihrem verlorenen Gelde 
nach. 
Sie rang die Hände, zerriß Fäden und Bänder, die ihr 
in die Finger kamen, sprach und schimpfte mit sich 
selber und mit Nino, ihrem Kanarienmännchen, ließ, 
während sie ihm ihr Leid klagte, die Suppe überkochen, 
und hatte einen höchst unglücklichen Tag. 
Als aber gegen Abend Bella kam, um sich von ihr 
für den Ball einkleiden zu lassen, schien sie sich be 
ruhigt zu haben und mit dem Lächeln dessen, der über 
wunden hat, begrüßte und bediente sie ihre Cousine. 
Sie legte ihr das Kleid an, zupfte hier und da die 
Bauschen zurecht, schien bemüht, sie so schön wie 
möglich zu machen. „Also tanzen werdet ihr heut abend 
viel?“ fragte sie fröhlich, „und Luigi wird sich dir wahr 
scheinlich ganz besonders widmen?“ — 
„Wollen sehen“, sagte Bella, „mach nur das Kleid 
recht schön zurecht! Hier vorn hängt es noch ein 
wenig!“ — 
„Ach ja“, erwiderte Cornelia, griff unter den Rock, 
schob einen Reifen ein wenig höher und sprang auf: 
„So!“ warf sie ihre Cousine zu einem Dreher herum, 
„hübsch bist du und fesch siehst du aus — alle Welt 
wird sich nach dir umschauen!“ 
Bella war in einem Taumel der Verzückung über ihr 
neues und so billig erworbenes Kleid; sie konnte sich 
nicht genug tun, sich Vor dem Spiegel zu drehn und 
küßte ein über das andere Mal ihre Cousine: „Du hast 
doch herrliche Sachen, Cornelia, und Geschmack! viel 
Geschmack!“ 
Dann eilte sie leichtfüßig hinaus, da sie Filippo, ihren 
Gatten, kommen sah, sie abzuholen. 
„Ein schöner Mann!“ dachte Cornelia, ihm nach 
schauend, „aber wer weiß, ob wirklich das dran ist, was 
Bella rühmt. — Immerhin! Die Sache wird lustig 
werden!“ 
Und sie wurde lustig. Allerdings nicht für Bella, aber 
umsomehr für die Tänzer und Tänzerinnen Arezzos. Die 
kleine Cornelia hatte da ein Rachestück ausgesonnen, 
das schlimmer wäf als die Pulververschwörung unterm 
Parlament in London und das vielleicht heute schon in 
Arezzo sprichwörtlich geworden ist: 
Überraschend, erst wußte man nicht, woher, fing im 
Saal ein Vogel an zu piepsen; der Tanz war gerade aus 
und die Musik schwieg; man konnte es deutlich hören. 
Ein Vogel piepste. Wo? — Man horchte das Feld immer 
enger zusammen und konnte schließlich nicht umhin, 
bei Bella Titti sich umzuschauen. In ihrer Nähe piepste 
es. Luigi, ihr Tänzer, war entsetzt zur Seite gesprungen, 
um sie mit den Blicken abzusuchen, mußte aber gleich 
wieder zuspringen, denn Bella sank in einer Ohnmacht 
zusammen. Er ließ sie zu Boden gleiten, und alsbald 
begann der leichte Seidenrock Bellas sich gleichsam in 
wandernden Gipfeln zu erheben, Filippo sprang herbei 
und schlug entsetzt und fassungslos den Rock zurück: 
in plumpen Schwingen erhob sich Nino, Cornelias 
Kanarienmännchen, daraus und ließ sich auf der Stuck 
figur der Juno nieder. 
Die ganze Gesellschaft brach in ein höllisches Ge 
lächter aus, und die erwachende Bella hatte weiter keine 
Fragen zu hören als: Wer ihr denn den Vogel unter 
den Rock gejagt habe? Ob sie eine neue Mode habe 
kreieren wollen? Warum der Vogel denn so lange ge 
schwiegen und wonach er endlich so eifernd gepiepst 
habe? 
Bella raste zu ihrer Cousine. Cornelia machte im 
Nachtkleid die Tür auf und begab sich gleich wieder 
— kaum konnte sie das Lachen unterdrücken — ins 
Bett, Sie hatte alles vorausgesehen: der Vogel, dem sie 
etwas Wein zu nippen gegeben und den sie in ein 
leichtes Geflecht dünner Fäden an der Innenseite des 
Rockes gelegt hatte, mußte eines Augenblicks er 
wachen und — und die Rache der beleidigten Cornelia 
vollführen. 
„Was ist, mein Herz?“ fragte Cornelia aus dem Bett. 
„Erbärmliche!“ schrie Bella, „wie kam dieser Vogel in 
meinen Rock? Mein Ruf ist hin! Die ganze Stadt lacht 
mich aus!“ — 
„Mein Gott!“ sagte Cornelia leise und tat kaum über 
rascht, „Nino war unter deinem Rock? — Ja, ja, da 
sieht man’s wieder: die Männchen finden sich immer 
zum besten Nest hin.“ — 
„Nein! Das ist ein Betrug, das ist eine Intrige von 
d i r! Der Vogel hat geschwiegen, bis die ganze Ge 
sellschaft beisammen war, und dann! — und dann! . . .“ 
Sie stürzte weinend und schreiend an Cornelias Bett 
nieder. 
„Vielleicht hatte er auch Wein getrunken?“ sagte sie 
lächelnd, „und das weißt du ja auch; in diesem Zustande 
piepsen die Männer nicht. In diesem Zustand —“ sie 
brach ab und quietschte wie ein verliebtes Mäuschen.
        
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