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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jafirg. 27 
Nr. 25 
O Italien, Land Boccaccios, wie ein ewiger Jüng 
ling bist du, hältst die Glut der Liebe immer 
frisch in deinen Adern, und deine Pfirsichhaut 
verbirgt dem Fremden die üppigen Träume, 
die zärtlich gesponnenen Fortsetzungen des Dekame- 
rone, die deinen Männern und Weibern das Lachen 
schenken! — 
Ich kam von Florenz und wollte nach Perugia; in dem 
kleinen Arezzo machte ich einen Tag Halt. Meiner 
Frau war durch einen Zufall der Autoschal entflogen 
und in einem Baum hängen geblieben; wir gingen und 
suchten nach einem Modegeschäft; da drang plötzlich 
aus einer Seitengasse Geschrei zu uns herüber, wir 
bogen in sie ein und — standen vor einem Modege 
schäft. Hübsche Weiber, sich den Mund zuhaltend vor 
Lachen, stürzten aus der Ladentür; alte, verrunzelte 
schienen sie um Auskunft zu fragen; die einen erzählten, 
die anderen stimmten in das Lachen ein; erregte 
Stimmen aus dem Laden durchdrangen die allgemeine 
Lustigkeit. Ich entschloß mich, gegen den Willen meiner 
Frau, einzutreten und sah hinter dem Verkaufstisch 
zwei Frauen oder Mädchen, eine hübsche ältere und eine 
wenig auffällige jüngere, mit heftigen Gebärden gegen 
einander reden. In dem Augenblick, als ich an den 
Ladentisch trat, kam ein stattlicher Mann von einiger 
Eleganz, aber zerstörter Männlichkeit von einer Hinter 
treppe herab und trennte die Streitenden, indem er 
die eine, offenbar seine Frau, gewaltsam fortzog. Die 
Schar der Weiber verließ augenblicklich den Laden, 
und ich verlangte nach einem Schal. Verstört sah mich 
die Zurückgebliebene an und schien sich im Augenblick 
gar nicht auf mein Verlangen einstellen zu können. Ich 
forderte noch einmal, und sie begann zu suchen. Plötz 
lich, mitten im Suchen und Vorlegen aber, begann sie 
laut zu lachen, und ich sah mich veranlaßt, sie nach 
dem Grund dieser seltsamen Ereignisse zu fragen. Sie 
erzählte. Nicht alles, wie ich gleich darauf von meiner 
Frau erfuhr, die auf ähnliche Weise draußen vor dem 
Laden mit einer der Nachbarinnen ins Gespräch ge 
kommen war, aber sie konnte mir das Fehlende er 
gänzen. — 
Ich will die Geschichte mit veränderten Namen, aber 
unveränderter Handlung erzählen, und man wird sehen, 
daß Boccaccio noch heute unter seinen Landsleuten eine 
flotte Feder führen müßte, um nachzukommen. 
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Bella Titti war die Frau eines Beamten, der von 
Perugia nach Arezzo versetzt worden war, weil er sich 
einige kleine Verfehlungen im Dienst hatte zuschulden 
kommen lassen. Bella war eine schöne Frau in mittleren 
Jahren und durch die Huldigungen einer zwar nicht 
adligen, aber nicht minder galanten Gesellschaft ver 
wöhnt und zu jener Grazie erblüht, die nur die fort 
gesetzte Courtoisie in Frauen erzeugt. Sie war eitel Und 
raffiniert, nicht nur im Genuß, sondern auch im Genuß 
des Genusses. Alle Monate einmal war sie zu ihrer 
Cousine Cornelia nach Arezzo hinübergefahren, um der 
armen, kleinen Modehändlerin, die kaum ein paar kurz 
fristige Liebhaber in ihrem Leben hatte auftauchen 
sehen, beileibe aber keinen Blick in die „große Welt“ 
geworfen hatte, von ihren Triumphen zu erzählen. 
Nun war Bella Titti nach Arezzo verpflanzt, und die 
eifersüchtige Cornelia freute sich schon, daß sich hier, 
an den engeren Mauern der kleineren Stadt, die Hörner 
abschleifen würden, die sie in dem großen Perugia ihrem 
Gatten aufgesetzt. 
Aber nichts davon geschah. In kurzer Zeit hatte die 
rastlos um Erfolge bestrebte Bella wieder einen Kreis 
von schönen jungen Damen und Herren versammelt, 
in dem sie ihrem Gatten ebenso beruhigende Brocken 
verwerfen konnte, wie sie selbst weiche sammelte. Nur 
eines paßte nicht in ihr Glück: mit der Versetzung des 
Gemahls war eine erhebliche Gehaltsverminderung ein 
getreten, und die Folgen hiervon hatte die schöne Bella 
an ihren Toiletten zu verspüren. 
Aber auch hier wußte sie einen Ausweg. Sie setzte 
sich mit ihrer kleinen Cousine zusammen und be 
stimmte sie zur Lieferung von Kleidern, Dessous, Hüten 
und allerhand schönen Dingen nach der Mode, die zu 
Einkaufspreisen geliefert wurden, ohne indessen be 
zahlt zu werden. In kurzer Zeit hatte sich eine erheb 
liche Schuld bei Cornelia Volpi aufgesummt, und Bella 
Titti hatte nichts zu geben als holde Versprechungen. 
Eines Tages nun stand ein großer Ball bevor und 
Bella brauchte unbedingt das herrliche krinolinenartig 
gebauschte Seidenkleid, das Cornelia gerade hereinbe 
kommen hatte. Sie umschmeichelte die Cousine mit den 
herzlichsten Reden, aber Cornelia blieb standhaft. Bella 
hatte eine neue Eroberung vor und: „Du kannst dir 
denken, in den alten Sachen wird mir das nie gelingen.“ 
Warum Bella denn dann nicht einige Zeit mit den Um 
armungen ihres Mannes zufrieden sein könne, von 
dessen Künsten sie doch immer so ein Langes und 
Breites erzähle? — Puh! Gegen die Umarmungen 
Luigis gebe Bella alle Umarmungen ihres Filippo hin. 
„Gut“, sagte Cornelia da leise, „du hast mir zu viel 
von der großen Welt und ihren Freuden erzählt, die 
ja auch Filippo beherrschen soll, als daß ich nicht 
wünschte, sie kennen zu lernen. Laß mich diese Nacht 
statt deiner in deinem Bett schlafen, und schenke dir 
das Kleid.“ — „Oh!“ rief Bella, da sei Cornelia aber 
teuer! Gegen ein einziges Kleid seien die Freuden der 
großen Liebe nicht einzutauschen — und wie sie sich 
das überhaupt denke? Und nun schoß aus der er 
rötenden Cornelia hitzig, stoßweise und heiser der Plan 
hervor, den sie schon seit langer Zeit in ihrem Busen 
gewälzt hatte: Bella würde ein kleines Abendessen in 
ihrem Hause geben, man würde Wein trinken und beim 
Aufbruch die Rollen tauschen: bei der Treppe, neben 
der Tür zum Schlafzimmer würden sie sich trennen, 
Bella hinüber in Cornelias Haus und Cornelia mit 
Filippo ins Schlafzimmer gehen. Natürlich müsse Bella 
dafür sorgen, daß durch irgend einen Zufall das Licht 
dort versage. Und gegen Morgen kommen und mit 
Cornelia wechseln. 
Bella dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie: 
„Schon gut, aber wieviel läßt du mir von meinen 
Schulden ab, wenn ich’s tue?“ Es begann ein Hin und 
Her, aber Cornelia im Glück ihrer Erwartung war nach-
        
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