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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr, 25 
2 
N E P U M U K 
er „Club of the joung men“ in Milwaukee 
war ein gesellschaftlicher Zirkel ersten 
Ranges. Die Söhne der reichen Fabrik 
besitzer, die in der großen Industriestadt 
ihre weitverzweigten Unternehmungen 
besaßen, trafen sich an den langen Aben 
den in den eleganten Räumen des Klub 
hauses, um Zeitungen zu lesen, über 
schöne Frauen zu plaudern oder sich zu langweilen. Der 
Präsident des Klubs war der junge Harold Faye, der 
der Anstifter aller losen Streiche war, die der Klub auf 
dem Kerbholz hatte und der nebenbei auch in dem Rufe 
stand, der erfahrenste Jäger auf dem Gebiete der Hetze 
nach süßem Wild zu sein. 
Der Klub zählte ständig hundert Mitglieder. 
Zahl wurde nie überschritten. 
Diese 
Eines Abends kam das Gespräch auf Dorothy Haw- 
ley, eine junge und auffallend schöne Schauspielerin, 
die für äußerst zurückhaltend und unnahbar galt, 
Da sprach Harold Faye: 
„Meine Freunde, ich glaube nicht an Dorothy Haw- 
leys kaltes Blut. Wir werden ihr alle einen Liebesantrag 
machen. Jeder von uns tut so, als ob er den anderen 
nicht kennen würde. Wer von uns das Glück hat, der 
schönen Dorothy zu gefallen, dem sei sie neidlos ge 
gönnt.“ 
Rasender Beifall, herzliches Lachen. Die Stimmung 
war glänzend, und der Kasinowirt schmunzelte, weil 
unzählige Eiswasser bestellt und geschlürft wurden. 
Am nächsten Abend zogen hundert junge Männer 
wohlgemut nach dem „Milwaukee-Pavillon“, dem The 
ater, in dem Dorothy Hawley Abend für Abend uner 
hörte Triumphe feierte, um eine Frau zu suchen. 
Zwischen dem ersten und zweiten Akt machten fünf 
undzwanzig junge Kavaliere der Schauspielerin in ihrer 
Garderobe einen Besuch und blitzten ab. Nach dem 
zweiten Akt glich die Garderobe der Hawley einem 
Blumenladen. Weitere achtundzwanzig junge Kavaliere 
kehrten sehr bedrückt auf ihre Logenplätze zurück. 
Nach dem dritten Akt stauten sich die Blumenspenden 
im Garderobengange. Dreißig junge Leute schimpften 
sehr erregt über die Launen verwöhnter Stars. Nach 
dem vierten Akt (man spielte „Romeo und Julia“) ver 
ließen weitere fünfzehn bartlose Freier wutschnaubend 
das Theater. 
Nach dem letzten Akt betraten die beiden letzen 
Klubmitglieder die Garderobe der gefeierten und um 
worbenen Diva. Es war Harold Faye und sein bester 
Freund, Cecil Tarkington. 
Die beiden machten eine tadellose Verbeugung. „Wir 
sind begeistert“, sprach Cecil, „und ich möchte um die 
Ehre bitten, Sie zum Abendessen einzuladen. 
„Sie sind der Neunundneunzigste, mein Herr“, er 
widerte Mrs. Hawley spitz. 
Mr. Tarkington war ganz verdattert. Die blendende 
Schönheit der Schauspielerin und ihre ruhigen, gra 
ziösen Bewegungen, ihr stolzes Auftreten machten ihn 
unsicher. 
„Ich darf Sie bitten, mich nicht weiter aufzuhalten“, 
bemerkte Drothy kühl. Cecil zog sich mit einer unge 
lenken Verbeugung zurück. 
,,Hahaha“, lachte Harold auf, „der Neunund 
neunzigste ist auch abgeblitzt. Teufel, Sie werden aber 
verehrt, Na, ein Wunder, wenn jemand so großartig 
spielt, wie Sie, und außerdem (hier lächelte Mr, Harold 
Faye sein liebenswürdigstes Lächeln) so entzückend 
aussieht.“ 
„Sie sind glücklich der Hundertste“, bemerkte die 
Diva sehr gelangweilt. 
„O, das tut nichts“, meinte Harold lächelnd, „ich bin 
ja „glücklich“ der Hundertste. Ich wage nicht, um die 
Ehre zu bitten, mit mir soupieren zu wollen, denn ich 
nehme an, daß Sie schon von den neunundneunzig vor 
hergehenden Einladungen durchaus satt sind.“ 
„Ich habe wirklich genug“, meinte die schöne, ver 
führerische Julia zweideutig und lächelte verächtlich. 
„Sehen Sie“, triumphierte Faye auf, „wie recht ich 
habe. Ich lade Sie daher zu einer Autofahrt ein. Es 
ist romantisch schön, durch die Nacht zu sausen.“ 
„Meinen Sie?“ Dorothy Hawley war wirklich grob. 
„Gewiß“, lächelte Faye verbindlich. 
„Woher wissen Sie, ob ich überhaupt Lust habe, aus 
gerechnet mit Ihnen in der Nacht Auto zu fahren?“ 
„Och“, meinte Harold sehr trocken, „ich dachte nur, 
Sie lieben das Originelle.“ 
„Sie sind köstlich! Gut, erwarten Sie mich unten. 
Aber ich sage Ihnen gleich: Für Dummheiten bin ich 
nicht zu haben.“ 
„Ich auch nicht“, meinte Harold. 
Mit einer tadellosen Verbeugung entfernte sich der 
elegante junge Mann und hörte noch der Diva silbernes 
Lachen. 
„Meine letzte Antwort muß ihr doch sehr gefallen 
haben“, meinte Harold zu sich und ging sehr einge 
bildet zu seinem Wagen. 
Neunundneunzig junge Männer stürmten auf ihn ein. 
„Kommt sie mit?“ 
Harold nickte nur hoheitsvoll und kurbelte seinen 
Wagen an. 
„Wie hast du das fertiggebracht?“ 
„Bitte, wir haben ausgemacht, daß wir uns nicht 
kennen.“ 
Neunundneunzig Kavaliere kurbelten ihre Autos an, 
fuhren in die Nebenstraßen und harrten dort des 
Wunders, das da kommen sollte. 
In einem eleganten Abendmantel trat Dorothy Haw 
ley zu Harold. 
„Sie werden nach meinen Anweisungen fahren, ganz, 
wie wenn Sie mein Chauffeur wären“, sprach Dorothy. 
„Ich verspreche es Ihnen“. Der glückliche junge Mann 
verbeugte sich zustimmend. 
Die Diva nahm neben dem jungen Manne in dem 
zweisitzigen Sportwagen Platz und lachte sehr be 
lustigt. Harold schielte sie bewundernd von der 
Seite an. 
Der Motor sprang an, der Wagen flog federleicht 
durch die Straßen und hatte bald die Stadt hinter sich. 
Neunundneunzig andere Autos sausten hinterher.
        
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