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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 24 
Jahrg. 27 
26 
Dem Brief war die Warnung beigefügt, weder nach 
Gardone zu kommen, noch an Ada zu schreiben. 
Zu geeigneter Zeit wollte sie sich wieder mit mir in 
Verbindung setzen. — 
„Nun, und?“ — 
„Ich sagte es euch ja schon — ich habe sie niemals 
wiedergesehen und auch niemals mehr etwas von ihr 
ehört. Seit jener Zeit aber — und diesen Vorsatz 
abe ich elf bis zwölf Jahre konstant und konsequent 
durchgeführt, ist mir nun eine verheiratete Frau ein 
Blümlein Rührmichnichtan!“ 
F aptiste, der greise, steifbeinige, aber des- 
fc F) halb um so würdiger wirkende Diener des 
E ^ Chevalier von Gersai verneigte sich devot 
=-S vor seinem jungen Herrn, der soeben zu- 
/E| Vk rückgekehrt war und im Begriff stand, in 
- tl pj sein, von verschleiertem Lampenlicht mild 
■•Er''/ ) ß .beleuchtetes Arbeitszimmer zu treten. Mit 
: diskret verhaltener Stimme meldete er, 
eine Demoiselle wartet bereits seit einer 
Stunde auf den gnädigen Herrn. Sie hätte ein Billet 
dem gnädigen Herrn persönlich äuszuhändigen. 
„Dame oder Mädchen?“ 
„Mädchen, gnädiger Herr.“ 
„Kennst du sie?“ 
„Ich glaube, gnädiger Herr.“ 
„Nun?“ 
„Die Zofe der Frau Marquise von Merteuil.“ 
„Ah “ 
Eilig wandte sich der Chevalier dem kleinen Salon 
zu mit den goldgerahmten Wänden, die von fröhlichen, 
ein wenig das Obszöne zu stark betonenden Gemälden 
geschmückt, und den schwellenden Stühlen, deren 
glühendrote Damastbezüge wie Blut im unsicheren 
Kerzenscheine leuchteten. 
„Endlich“, murmelte er, „endlich. Ich bin doch Favorit 
und — “ 
Er unterbrach seinen Monolog, als er die Tür öffnete 
und die dralle Zofe der Marquise sich erheben und auf 
sich zukommen sah. Mit kokettem Augenaufschlag 
übergab sie ihm ein duftendes Brieflein. 
„Ich danke dir, mein Kind.“ Wohlwollend tätschelte 
er ihr das rosige Bäckchen. Eifrig entfernte er dann 
die Briefhülle. 
„Lieber Chevalier! Ich erwarte Sie heute Abend zu 
einem Plauderstündchen. Ich hoffe begierig, das Spiel 
dort fortzusetzen, wo wir es unterbrachen. Sie werden 
bei mir eine kleine Gesellschaft antreffen, die indes 
nicht allzu lange verweilen dürfte. Sie finden alles wie 
kürzlich.“ 
Er schrieb einige sehnsuchtsvolle Worte unter die 
Zeilen der Marquise, faltete und verschloß den Brie! 
wieder, siegelte und übergab ihn der Zofe, die mit den 
Grundsätzen ihrer Herrin vertraut zu sein und die Ab 
reden der gnädigen Frau mit dem jeweiligen Besitzer 
ihrer Gunst zu kennen schien. Die Marquise, eine eben 
so schöne wie tugendhafte Dame, wußte, wie sehr der 
Ruf einer jungen, mit allen Vorzügen ausgestatteten 
Witwe bedroht ist, wie sehr die Tugend auf der Hut 
sein muß, um vor böser Nachrede geschützt zu sein. 
Und da sie nicht nur tugendhaft und schön, sondern 
auch sehr klug und deswegen vorsichtig, sehr vorsichtig 
war, hatte bisher Frau Fama ihr nichts anzuhaben ver 
mocht, wiewohl . Nun, man wußte, man wollte 
von allerlei galanten Abenteuern wissen, bei denen die 
Frau Marquise eine nicht unrühmliche Rolle gespielt 
haben sollte. Indes — man sprach davon mit dem nach 
sichtigen Lächeln, mit dem man sich über die Boudoir 
geheimnisse einer Dame von Welt, heute wie im Paris 
des 15. Ludwig, unterhielt, und vor allem nur, wenn 
man unter sich war, au petit cercle. Diese pikanten 
Anekdötchen, diese unverbürgten Histörchen, für die 
man Beweise weder erbrachte noch forderte, waren die 
tägliche Nahrung der Gesellschaft, -die die Welt be 
deutete. Man nahm solche Gerüchte nicht tragisch, so 
lange sie eben Gerüchte waren. 
„Baptiste!“ 
Der Alte erschien, um das hübsche Kind, mit 
gönnerhafter Freundlichkeit in seinen faltigen Zügen, 
hinauszugeleiten. Eilfertig kehrte er dann zu seinem 
Herrn zurück. 
„Umkleiden!“ befahl der Chevalier. Er war gewohnt, 
die ihm lästige Uniform — er war Kapitän im Regiment 
der Königin — des abends mit einem eleganten, modi 
schen Anzug zu vertauschen. Der straffe Jünger des 
rauhen Mars verwandelte sich dann in einen sorgfältig 
frisierten, parfümierten Diener der milden Venus, dem 
der weiße Seidenstrumpf und der blitzende Schnallen 
schuh ebenso wohl anstand wie der spornbewehrte 
Reitstiefel. Und da er auch im Dienste der Göttin der 
Liebe durch das Draufgängerische seines Vorgehens 
sein Handwerk nicht verleugnete, da er seine Amouren 
mit Elan aufnahm und mit Verve durchführte, stand 
sein Name in den Kreisen der jeunesse doree, in den 
boudoirs, in Rang und Ansehen. 
Bei der Marquise fand der Chevalier Frau von Vo- 
langes, eine ältere, sehr distingierte Dame, ein Fräulein 
von Vades und den Vicomte von Gercourt. Einige 
Partien Whist hatte man schon absolviert, als der Che 
valier erschien, Man begrüßte ihn liebenswürdig, ja, 
mit Auszeichnung, die Marquise mit unbefangener Zu 
vorkommenheit. Man trank den Tee, den die Gast- 
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RömlUidt it-fl. • Berlin W9 
Potsdamer Str. 126 * Tel.: Nollend. 8537
        
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