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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 24 
Jahrg. 27 
Anstrengung. Doch auch Filmarbeit. Na — und nun 
man los. Welche Szene — welcher Anzug?“ 
„Erste Nacht mit Ihrer jungen Frau. Reiseanzug, dann 
Pyjama.“ 
„Und meine junge Frau — schon da?“ 
„Fünf Minuten vor Ihnen eingetroffen. Zieht sich 
um.“ 
Rolf ging in die Garderobe zurück. Die bewundernden 
Blicke der herumstehenden weiblichen Komparserie 
quittierte er mit einem herablassenden Lächeln. 
Die Sonne brannte heiß auf das große Glashaus herab. 
Die Darsteller litten unter ihrer Glut und unter der 
Nervosität des Regisseurs. Drei, vier Mal wurden die 
Szenen probiert. Schweiß perlte von den Stirnen und 
noch immer kein Ende — keine Pause. 
„Hailoh — nun lassen Sie uns aber verschnaufen, 
Speierl Das hält ja kein Schwein aus bei der Hitze! Sie 
sehen doch, daß wir alle ab sind. Nee — erst mal Ruhe 
— Stärkung — dann kann’s weiter gehen.“ 
„Meinetwegen, aber nur eine halbe Stunde — und 
dann bitte ich, daß die Herrschaften sich zusammen 
reißen, dann muß es flott gehen.“ 
„Was an mir liegt — glauben Sie, ich habe Lust hier 
zu übernachten? Bella, was — du auch nicht?“ 
Rolf umschlang seine Partnerin und zog sie von der 
Szene. 
„Ein Glashaus zum Nachtquartier — nee, du — das 
geht zu weit!“ 
„Kann dir überhaupt etwas zu weit gehen? Nach 
dieser Auskleidungsszene, die du vorhin gemimt hast, 
kaum glaublich. Du bist ein raffiniertes Frauenzimmer. 
Aber natürlich, der Beruf hat dich dazu ausgebildet. 
Wenn wir nicht schon fertig miteinander wären — weiß 
Gott, ich wäre deinen Reizen unterlegen.“ 
„Man kann ja noch mal von vorn anfangen.“ 
Zweimal dasselbe spielen, davon verspreche ich mir 
keinen Genuß. Doch nun laß uns mal was Vernünftiges 
reden. Was willst du essen? Was trinken? Die halbe 
Stunde, die der Kerl uns bewilligt hat, ist schnell um. 
Sie hatten sich an einem Tisch niedergelassen, an 
dem man bereitwillig zusammengerückt war, um den 
beiden Filmstaren Platz zu schaffen. 
Es war ein buntes Bild, das die überfüllte Kantine bot. 
Weiber, zum Teil nur wenig bekleidet, schlohweiß ge 
pudert, mit unterlegten Augen. Männer in Hemds 
ärmeln, deren Gesichter durch gemalte Striche und 
Falten maskenhaft erschienen, saßen dicht zusammen 
gedrängt, schlangen laut schwatzend und gestikulierend 
ihr Essen hinab. In einer dunklen Ecke hatte sich eine 
Gruppe von Männern zum Kartenspiel zusammenge 
funden. Unbekümmert um den Lärm um sie her, 
spielten sie schweigend ihr Kümmelblättchen. 
Auch Bella und Rolf machten sich hastig über die 
ihnen Vorgesetzten Speisen her. Gierig tranken sie den 
mit Mineralwasser vermischten Mosel. Versuchten, 
durch das kühlende Getränk ihr erhitztes Blut zu 
dämpfen. — < 
Der heiße Frühlingstag neigte sich seinem Ende zu. 
Dämmerung sank schon herab, als das Auto, in dem 
Rolf und Bella über die Landstraße sausten, der Stadt 
zustrebte. Von Anstrengung ermattet, lagen sie in den 
Kissen. Blinzelnd ließ Bella ihre braunen Augen über 
Rolf gleiten, drückte sich noch tiefer in die Kissen und 
sagte: „Wie stehst du eigentlich mit der Karin?“ 
„Wie meinst du das?“ 
„Ich meine, ob du sie liebst?“ 
„Ob ich sie liebe?!“ Rolf lachte auf. „Ich weiß schon 
seit langem nicht mehr, was Liebe ist. Nein, Bella, ich 
liebe weder sie noch irgend eine andere.“ 
„Aber du hast doch ein Verhältnis mit ihr.“ 
„Mit ihr und mit vielen anderen. Die Frauen sind 
doch nun mal verrückt nach mir. Ich versuche nach 
Möglichkeit ihre Wünsche zu befriedigen. Und dann 
muß man sich auch außerhalb seines Berufes die Zeit 
vertreiben.“ 
„Du bist ein Scheusal! Ich will nichts mehr von dir 
wissen!“ 
„Ich, ein Scheusal! Ich, der schöne, von Millionen von 
Frauen bewunderte Rolf Roderich? Würden Sie nicht, 
Madame, in die Arme dieses Scheusals sinken, wenn 
es sie ausstrecken würde, um Sie an sich zu nehmen?“ 
„Das käme darauf an.“ 
(Fortsetzung folgt.) 
Döhlin 
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