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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 24 
JaBrg. 27 
20 
Nun starrte er auf die wenigen Zeilen und ein 
Lächeln kräuselte seine Lippen. 
Geehrter Herr! 
Ich hab Sie im Kino gesehen, erfüllen Sie meine 
unbescheidene Bitte. Einmal nur in meinem Leben 
möchte ich Sie in Wirklichkeit erblicken, Ich bin am 
Tage im Geschäft. Abends war ich drei Mal vor Ihrer 
Tür. Nie kamen Sie. Wann kann ich Sie sehen? 
In Hochachtung und Bewunderung 
Hulda Schön. 
Er lachte auf, knüllte den Wisch zusammen und warf 
ihn in die Ecke, Frech, wenn es nicht Dummheit ist. 
Einem beliebigen Ladenmädchen die Zeit angeben, 
wann Sie mich anstarren könne. Himmeldonnerwetter, 
dazu war ja doch der Kientopp da. 
Seine schlanke Figur, die stets von Anzügen nach der 
allerneusten Mode umhüllt war, seine schmiegsamen 
Bewegungen, sein lächelndes, sich einschmeichelndes 
Gesicht, das alles gab doch die Leinwand naturgetreu 
wieder. Dort konnten sie ihn bewundern, so viel sie 
wollten. Sein Privatleben sollten sie mit ihrer Verehrung 
und Bewunderung verschonen. 
Ärgerlich drückte Rolf auf den Klingelknopf, der 
neben seinem Gedeck auf dem Tisch lag. 
„Herr Roderich befehlen?“ Leise hatte der Diener 
Franz die Tür geöffnet. 
„Wann wollte der Schneider kommen? Es ist bereits 
elf Uhr. Um eins muß ich auf der Probe sein.“ 
„Der Schneider wartet bereits.“ 
„Sie hätten mich rufen sollen.“ 
„Ich war auf dem Wege hierher. Wir haben die An 
züge erst ausgepackt.“ 
Eine Stunde war bereits vergangen und noch immer 
stand der „schöne Rolf“ vor dem großen Stehspiegel, 
hüllte sich in einen kleidsamen Sportanzug, probierte 
die Tanzjacke und verhandelte über die Form des 
Nun starrte er auf die wenigen Zeilen ... 
Sakkos. Sie berieten, ob die Ecken unten schließend 
oder gerundet werden sollten. Ob ein oder zwei Knöpfe. 
Dann kamen die Mäntel an die Reihe. Der neue Raglan 
schnitt wurde auf seine Kleidsamkeit geprüft. Schwierig 
keit bereitete die Entscheidung, ob der Paletot mit 
Gürtel oder ohne Gürtel zu arbeiten sei. 
Mitten in die Beratung schrillte das Telephon. 
Franz hob den Hörer. „Die Frau Baronin möchte den 
gnädigen Herrn selbst sprechen.“ 
„Bedaure — bin nicht zu sprechen.“ 
„Es sei dringend, gnädiger Herr.“ 
Rolf nahm Franz den Hörer aus der Hand. „Was ist 
denn los, Elisabeth? — Herrgott, darum mußt du mich 
stören? Das konntest du Franz ebenso gut sagen. — 
Natürlich weiß er, daß du kommst — also eine halbe 
Stunde später — gut — ja, ja — auf Wiedersehen. Diese 
verdammten Weiber, daß sie mich nicht in Ruhe lassen 
können!“ 
Seine letzten Worte übertönte scharfes Hupensignal. 
„Herrgott, das Auto ist schon da! Wir sind ja wohl 
mit dem Probieren gerade fertig? Oder muß ich noch 
mal herhalten, Sie Schneiderjüngling Sie?“ 
Der hagere junge Mann, dessen Mund ein devotes 
Lächeln umlagerte, dienerte tief. „Für heut erledigt, 
Herr Roderich.“ 
„Für heute! Und in ein paar Tagen geht die Quälerei 
von neuem los. Ach, man ist das Opfer seines Berufs.“ 
Rolf schlüpfte seufzend in die von Franz bereitge 
haltenen Beinkleider. 
„Dafür ist der gnädige Herr auch berühmt wegen 
seiner Eleganz und seines Schicks“, erwiderte Franz. 
„Und nun möchte ich wissen, welche Anzüge ich für 
die heutige Probe einpacken muß.“ 
„Aber, sind Sie denn damit noch nicht fertig? Ich 
habe Ihnen ja ein Verzeichnis gemacht!“ 
„Und in der Westentasche stecken lassen, wie ge 
wöhnlich.“ 
„Na, wenn Sie das wissen, dann untersuchen Sie ge 
fälligst jeden Morgen meine Westentasche.“ 
Das hatte Franz soeben getan. Er überflog mit 
schnellem Blick den kleinen Zettel. „Drei Anzüge und 
den Reisemantel. Das ist schnell gemacht.“ Er hatte 
den kleinen braunen Juchtenkoffer bereitgestellt und 
kramte in dem Kleiderschrank herum. 
„Wählen Sie die Krawatten in recht diskreten Farben. 
Packen Sie nur mehrere zur Auswahl hinein, Sie wissen 
ja, die Wahl der Krawatte hängt von meiner Stimmung 
ab.“ 
Er war gerade dabei, sich eine schwarz und goldgelb 
damaszierte Krawatte um den Hals zu schlingen, als 
wieder die Hupe des Chauffeurs ertönte. Dieses Mal 
eindringlich und scharf. 
„Warten, mein Lieber — warten! Ich komme, wenn, 
es mir paßt. — Nein, ich habe weiter keine Befehle —“ 
wandte er sich an den Schneiderjüngling, dessen Frage 
beantwortend — „aber, daß Sie mir Wort halten und 
pünktlich liefern, das bitte ich mir aus.“ 
„Selbstverständlich! Wir wissen doch im Atelier ganz 
genau, daß das Gelingen des Films von der Garderobe 
des Herrn abhängig ist.“ 
Noch energischer, drei Mal hintereinander ertönte die 
Hupe von der Straße herauf. 
„Na, — und dann machen Sie, daß Sie fortkommen. 
Und nun meinen Überrock, Franz! Dann werde ich dem 
niederträchtigen Kerl da unten den Gefallen tun und 
seine Maschine besteigen. Sie sind doch so weit, Franz?“ 
„Ich bin bereit, gnädiger Herr.“ 
« 
Als der „schöne Rolf“ den großen Glaskasten betrat, 
brüllte ihm schon der Regisseur seine Ungeduld ent 
gegen. „Sie sind noch unpünktlicher als unsere Diva! 
Herrgott, wie soll man denn vorwärtskommen, wenn 
die Herrschaften sich einfinden wie es ihnen beliebt'“ 
„So stellen Sie inzwischen andere Szenen.“ 
„Leicht gesagt! Sie wissen doch, daß es sich um den 
Aufbau handelt, der fertig steht. Wir können nicht an 
dauernd aufbauen und wieder runterreißen nur weil die 
Herrschaften nicht aus dem Bett herausfinden können.“ 
,,Nä,^eir lauben. Sie mal, was ich. heute schon geschuftet 
habe! Zwei Stunden Kleiderprobe! Sie — das ist ’ne
        
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